Theaterworkshop mit Luisenburg-Regisseurin Steffi Kammermeier in Tirschenreuth
Auch Weinen muss gelernt sein

Auf der Kettelerhaus-Bühne war es Aufgabe der Teilnehmer, mit einem eigenen Beitrag die Stimmgewalt für ein großes Publikum zu demonstrieren. Steffi Kammermeier (links) gab Tipps, wie man sich selbst verbessern kann. Bild: ubb
Kultur
Tirschenreuth
03.08.2017
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Leidenschaftlich und anschaulich erklärte Regisseurin Steffi Kammermeier ihren Workshopteilnehmern, was eine Rolle auf der Bühne ausmacht.

Lehrmeisterin ist die bekannte Regisseurin Steffi Kammermeier. 20 Laiendarsteller sind im Kettelerhaus ganz Ohr. Und die Münchenerin hat sogar Tipps für eine bessere Kettelerhaus-Akustik dabei.

Von Ulla Britta Baumer

20 Workshop-Teilnehmer schauen sich im Steigersaal neugierig nach Steffi Kammermeier um. Für keinen der Anwesenden ist es alltäglich, eine der großen Münchener Theater- und Filmregisseurinnen persönlich kennenzulernen. Beim Workshop, organisiert vom Modernen Theater Tirschenreuth (MTT), dürfen die Laiendarsteller mit dieser tollen Frau arbeiten.

Steffi Kammermeier steht am Fenster: Eine waschechte, durch und durch sympathische Münchenerin - groß, blond, offenherzig, bayerisch - lacht den Teilnehmern entgegen. Im obligatorischen Stuhlkreis outen sich erfahrene Theaterspielleiter wie Jochen Erhardt aus Brand ebenso wie Neulinge, die sich heimlich fragen: Ist das was für mich? Theaterspielen auf einer Bühne? "Das ganze Leben ist ein Theater. Oder etwa nicht?", meint Franziska als erste in die Runde. Alle lachen, der Bann ist gebrochen. Die 21-jährige Lisa will Profi wie die Kammermeier werden. Lisa hat ein Vorstellungsgespräch für ein Praktikum bei "Dahoam is Dahoam" und große Träume von Stars und Sternchen im Gepäck. Für ihre Bewerbung an den Schauspielschulen kommt ihr der Workshop mit einer bekannten Theaterfrau sehr gelegen.

Innere Haltung

In Erwartungshaltung sind auch die anwesenden Akteure des MTT, denn im Herbst wird der "Oberpfälzer Jedermann" neu inszeniert. "Bühnensprache und Sprecherziehung im Amateurtheater" soll der Vorbereitung dienen. Bald ist man bei den Details: "Es geht um die innere Haltung zur Rolle", so die Chefin. Alle spitzen die Ohren. "Aber auch um die Haltung zu den Rollen der Spielpartner", fügt sie an. Das sind zwei Herausforderungen gleichzeitig. Dass ein Theaterensemble daran lange feilen muss, erklärt sie am Beispiel ihrer Luisenburg-Inszenierung "Die Pfingstorgel". "Hier haben wir bis kurz vor Schluss an den Rollen gearbeitet", plaudert sie aus dem Nähkästchen. Die Laiendarsteller sind erleichtert, dass es den Profis nicht anders ergeht.

"Ihr seid nicht nur die Rolle, die im Drehbuch grün angestrichen ist", mahnt Steffi - man ist beim "Du" angekommen - zur Teamarbeit. Eine "Putzfrau" sei eben keine "Prinzessin", wenn auch die Darstellerin lieber die "Prinzessin" gemimt hätte. Die Übung: Zwei Leute stehen sich gegenüber, sollen im Partner eine Nobelpreisträgerin sehen, wenig später einen Mörder. Beim Stichwort "Mörder" duckt man sich automatisch weg, keiner will einer sein.

Echte Tränen

"Die Zuschauer machen uns zu den Figuren, die wir darstellen", erklärt Kammermeier, warum oftmals eine einfache Darstellungsweise ausreiche. Fasziniert erleben die Anwesenden nun die Funktion sogenannter "Subtexte". Marianne betritt den Raum, freudestrahlend erzählt sie vom Tod einer historischen Person. "Erzähl' mal, was ich dir vor deinem Auftritt aufgetragen habe", fordert Steffi auf. Marianne lacht weiter, berichtet vom angeblichen Lottotreffer. Mit derartig angedachten "Subtexten" könne man menschliche Emotionen wie Weinen und Lachen, Freude, Trauer, Wut oder Erstaunen aus dem Drehbuchtext besser nachempfinden und darstellen, ist die Quintessenz dieser Übung. Mit vielen "Wommwommwomms", "Ohms" und Zischlauten, zwischen den Zähnen hervorgequetscht, werden danach im praktischen Teil die Stimmen gestärkt. Das lockert nicht nur die Zunge, sondern auch manche vom Stress steif gewordenen Nackenmuskeln. Nach einem Resümee der Teilnehmer über das bisher Erlernte geht's endlich auf die Bühne. Die Regisseurin setzt sich ans Ende des großen Saales, hört sich die unterschiedlichen Beiträge der Akteure oben an. "Der Schall kommt zu langsam", fällt ihr sofort ein Nachteil des Kettelerhauses auf. Als Abhilfe rät sie zum Betonen des Satzbaus. "Und bei längeren Texten jeden Satz in eine Richtung sprechen. Nicht den Kopf vorher wegdrehen." Die Akteure sind verblüfft, wie einfach es sein soll, die jahrzehntelang bemängelte Akustik auf ihrer Heimatbühne zu verbessern. Ob es tatsächlich funktioniert, wird sich freilich erst bei der nächsten Aufführung herausstellen, wenn Steffi Kammermeiers Ratschläge umgesetzt werden. Mit viel Applaus und Geschenken wird die Münchenerin - jetzt als gute Bekannte - entlassen. Beim nächsten Workshop, sagen alle, "sind wir wieder dabei".

Die Zuschauer machen uns zu den Figuren, die wir darstellen.Steffi Kammermeier
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