18.06.2011 - 00:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

"Was bin ich?": Museums-Quartier Tirschenreuth lockt mit einer Frage in eine sehenswerte ... Gute Geräte aus vergangener Zeit

Die Schusterkugel kann eine Lichtquelle über die Reflexwirkung von mit Wasser gefüllten Behältern mehrfach verstärken. Bilder: Ingrid Popp (5)
von Rudolf BarroisProfil

Wenn das Museums-Quartier Tirschenreuth mit der Frage "Was bin ich?" in eine Ausstellung lockt, ist damit nicht die Wiedergeburt einer beliebten Fernsehsendung gemeint. Es ist die Einladung zu einem Spaziergang zurück in die sogenannte gute alte Zeit, als die Menschen mit Fantasie und Erfindungsreichtum ersetzen mussten, was der schmale Geldbeutel nicht hergab. Vor der heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft war man einfach gezwungen, das selbst zu machen, was man nicht kaufen konnte. Denn es gab noch keine Baumärkte, manches war schlichtweg noch nicht erfunden oder einfach unerschwinglich.

Und so bietet der Spaziergang in die Vergangenheit der Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge auch einen Blick in das Leben der Menschen, das geprägt war von schwerer körperlicher Arbeit - vor allem auf dem Land.

Die Exponate der Ausstellung in Tirschenreuth geben Zeugnis davon, wie mit einfachen, verfügbaren Materialien und Mitteln möglichst hohe Effektivität erzeugt werden konnte. Der einfache Mann, der kleine Handwerker, wurde dabei auch zum Erfinder, zum Auslöser eines neuen Strangs im technischen Fortschritt. Es ging darum, Leben und Arbeitsprozesse zu erleichtern. Heutzutage sind diese Dinge in Vergessenheit geraten. Die Frage "Was bin ich?" ist also durchaus berechtigt, wie sich sofort zeigt, wenn der Besucher den Ausstellungsraum betritt.
Herta Zölch hat die Ausstellung konzipiert und zusammengestellt. Sie wurde dabei vor allem vom Gerätemuseum in Bergnersreuth unterstützt, das schon seit Jahren Exponate, die oft versteckt und verschämt in den vielen Heimatmuseen standen, in ein neues Licht rückt. Die Frage, was davon heute noch gebraucht wird, stellt sich nicht. Schleif-, Bohr- und Hobelmaschinen, Waschautomaten, die von raffinierter Software gesteuert werden, gab es nicht. Die Hausfrau schrubbte mit Waschbrett im Holzzuber.

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Da war die elektrisch angetriebene Waschmaschine der Firma Miele - noch mit Holzbottich - schon ein gewaltiger Fortschritt. In Tirschenreuth steht ein solches Exemplar aus dem Jahr 1941. Und wenn das Leinen dann sauber war, wurde es auf die Mangrolle aufgezogen, mit dem Mangbrett das Wasser herausgepresst. Bügeln war Schwerstarbeit, denn ein in der Ausstellung gezeigtes Dampfbügeleisen, mit Holzkohle betrieben, wog neun Kilogramm.

In Tirschenreuth gibt es Dinge wieder zu entdecken, von deren Existenz und Funktion man heutzutage nicht einmal etwas ahnt: Da ist die Schusterkugel, mit deren Hilfe eine Lichtquelle über die Reflexwirkung von Wasser mehrfach verstärkt werden konnte. Vorbei war die Zeit des Kienspans, der jahrhundertelang als Lichtquelle gedient hatte - ein gefährliches Unterfangen, wie sich oft zeigte, und wenig effektiv obendrein.
Die Herstellung und Aufbewahrung von Nahrungsmitteln war in Zeiten, als es noch keine Kühlschränke gab, ein echtes Problem. Zentrales Gerät auf jedem Bauernhof war das Butterfass. In Tirschenreuth ist ein besonders großes Exemplar zu sehen. Die einfachen Funktionen dieses Gerätes wurden oft auch nachgebaut, zum Beispiel mit einer alten Milchkanne und einer hölzernen Spindel. Gekocht wurde bis Mitte des 19.Jahrhunderts auf offener Herdstelle mit großen eisernen Pfannen. Das Ausstellungsstück in Tirschenreuth stammt aus dem Jahr 1833 und trägt noch den Namen der Besitzerin und den Namen des Herstellers. Als Untersatz brauchte man dazu ein Pfanneneisen oder einen Pfannenknecht, Dreibeine mit einem Ring und einem Stab, der den Pfannengriff stützte. Unter den insgesamt 69 Exponaten finden sich auch Geräte zur Bearbeitung von Flachs, zur Zubereitung von Käse, eine Backmulde, ein Kaffeeröster und vieles andere mehr.

Beeindruckend sind die Gerätschaften, mit denen sich Handwerker zu helfen wussten. Schnitzbänke zum Beispiel, oder ein großer, stehender Hobel für Fassmacher, mit dessen Hilfe die Dauben in eine entsprechende Form gebracht wurden. Handwerkliche Fantasie verrät ein Kinderwagen für Zwillinge. Die Rückenlehnen der beiden Sitze konnten so verstellt werden, dass die Kinder entweder einander zugewandt oder Rücken an Rücken saßen. Eines des schönsten Stücke der Ausstellung ist ein Spielzeug mit drei Pfauen, die auf einer Holzscheibe picken. Die Bewegung der filigran gearbeiteten Vögel wird mit Hilfe eines unter der Holzplatte drehbaren Gewichtes erzeugt.
Die Besucher dürfen mit Ausnahme der Schusterkugeln, die sich in einer Vitrine befinden, alles selbst ausprobieren. Attraktion für die kleinen Besucher ist sicherlich die aus einem ledernen Ochsen-Stirnblatt gefertigte Schaukel. Es gilt für alle, die Bedeutung der Geräte zu erraten. Die richtige Antwort findet sich in Mappen, die auch die Funktion der einzelnen Stücke genau erklären.

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Aus der Not geboren

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Wie die Dinge im ganz normalen Alltag eingesetzt wurden, zeigt ein Film, der zum Beispiel die Ausbildung in einer Landwirtschaftsschule der 1930er Jahre erzählt. Es ist also, wie sich zeigt, alles noch gar nicht so lange her. Die Geräteschau im Tirschenreuther Museums-Quartier ist also ein Blick in die unmittelbare Geschichte der Menschen und lässt bisweilen an dem Begriff der "guten alten Zeit" Zweifel aufkommen. Denn vieles, was da gezeigt wird, war aus der Not geboren, zuletzt nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die Menschen beispielsweise aus Militärschrott einfache Geräte bauten.

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Weitere Bilder im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/wasbinich

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