Afghanistan-Kenner Dr. Reinhard Erös zur Flüchtlingsproblematik
„Ein schlimmer Weltrekord“

Dr. Reinhard Erös traf bei seinem Vortrag in Tirschenreuth viele Schulkameraden wieder. Bild: kro
Politik
Tirschenreuth
08.12.2016
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Afghanistan ist mittlerweile der schlimmste Platz auf der Welt. Zumindest für Kinder. "Die kennen nichts anderes als Krieg." Das sagt Dr. Reinhard Erös. Und der kennt das Land wie kaum ein anderer.

Kein Wort vor den Mund nahm sich der ehemalige Bundeswehrarzt und gebürtige Tirschenreuther Dr. Reinhard Erös beim Vortrag "Afghanistan - die schwierige Hilfe vor Ort". Dazu hatte die Volkshochschule in den Sitzungssaal des Landratsamtes eingeladen. Und da hörte man buchstäblich eine Stecknadel fallen, so ruhig lauschten die vielen Zuhörer dem hoch ambitionierten Afghanistan-Kenner.

VHS-Leiterin Angelika Schraml freute diese großartige Resonanz, war der Abend doch zugleich Abschluss und Höhepunkt der diesjährigen Vortragsreihe. "Liebe alte Schulkameraden und Sportsfreude" hieß Dr. Reinhard Erös viele Bekannte aus den Jugendtagen willkommen, ehe er auf die Familienhilfe Afghanistan einging, die von seiner Familie betreut wird.

Auf weltweit rund 65 Millionen schätzte der Redner die Zahl der Flüchtlinge in diesem Jahr, davon 40 Millionen Kinder und Jugendliche. "Ein schlimmer Weltrekord." Deutschland habe 2015 890 000 Flüchtlinge aufgenommen, davon 180 000 aus Afghanistan. Für den Sprecher "Perspektivlosigkeits-Flüchtlinge". Fast alles junge Männer im Alter zwischen 13 und 23 Jahren.

Viele Kinder lebten in einer sehr schwierigen Situation. Dennoch seien Großfamilien oftmals der einzige Sozialstaat-Ersatz. "In den kommenden 30 Jahren werden 100 Millionen Klima-Hunger-Flüchtlinge in den Norden ziehen", zitierte er Norman Meyers. Bei den Flüchtlingen gebe es nur drei Alternativen: integrieren, zurückführen oder abschieben. Kein Land leiste so viel wie Deutschland. Japan und China hätten keine Flüchtlinge, Kanada nehme sie nur gezielt an. Das so hochgelobte Wunderland Schweden, in dem jeder Vierte ein Migrant sei, habe er sich selbst angeschaut. "Dieses Flüchtlingsparadies stimmt nicht. 40 Prozent der Migranten sind auch nach 15 Jahren noch arbeitslos und 58 Prozent Sozialhilfeempfänger."

Ausführlich schilderte Dr. Erös seine Arbeit in Afghanistan ein. Seine erste Klinik sei eine Höhlenklinik gewesen. Vor knapp 40 Jahren seien die Frauen und Kinder nach Pakistan geflohen, während die Männer in den Krieg zogen. Jetzt flüchteten die jungen Männer nach Europa und ließen Frauen und die Kinder zurück in Afghanistan. Von 1979 bis 1989 seien rund 120 000 afghanische männliche Flüchtlinge geflohen. Meist mit Abitur und meist nach Deutschland. Alle hätten sich bei uns integriert.

Nach Ende des zehnjährigen Krieges mit der Sowjetunion habe sich ein Vakuum gebildet, das die Taliban ausgefüllt hätten - mit dramatischen Folgen. Der klassische afghanische Islam ist laut Dr. Erös das Gegenteil des arabischen: "Er ist unpolitisch, friedlich und tolerant, jedoch nie expansiv und missionarisch."

Ohne Perspektive

In Deutschland wollten die Flüchtlinge Geld verdienen. Schließlich sei ihnen von der Großindustrie Tausende Arbeitsplätze in Aussicht gestellt worden. "Doch kaum jemand wurde eingestellt." In Afghanistan gehe es derweil drunter und drüber. Erös zitierte Präsident Ashraf Ghani: "In Afghanistan wurde in den letzten 13 Jahren eine räuberische Elite gezüchtet." Viele sähen keine Perspektive auf die Gründung und den Unterhalt einer Familie, da bleibe ihnen eben nur die Flucht.
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