15.02.2018 - 17:48 Uhr
Tirschenreuth

Viele Fehlbeleger in den Asylbewerber-Unterkünften Landkreis kündigt Wohnungen

Eigentlich sind reine Briefkasten-Adressen verpönt. Trotzdem hat nun auch der Landkreis eine. Einfach deswegen, weil die Kreisbehörde nicht weiß, wie sie dieses Problem anders in den Griff bekommen soll.

Die Zahl der Asylbewerber ist im Landkreis rückläufig. In den Gemeinschaftsunterkünften sind derzeit viele Plätze frei. In Neualbenreuth (Bild) sind von 55 Plätzen 11 belegt, darunter sind auch zwei Fehlbeleger. Bild: hd
von Wolfgang Benkhardt Kontakt Profil

Es geht um Wohnraum für anerkannte Asylbewerber. Hier herrscht im Landkreis absoluter Mangel. Derzeit sind 414 Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge in 34 dezentralen und 4 Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Das sind deutlich weniger als noch vor Jahresfrist, als 546 Leute einquartiert waren. Dazu kommen noch 24 Kontingentflüchtlinge aus Fuchsmühl und 9 unbegleitete Jugendliche, die in Immenreuth wohnen. "Insgesamt also 447 Personen", rechnete Regina Kestel dem Kreistag in einer Sitzung im Stiftland-Gymnasium vor.

Nach ihrer Bilanz stehen im Landkreis derzeit 769 Plätze (381 dezentral) zur Unterbringung zur Verfügung. Es gibt also derzeit wesentlich mehr Plätze als Asylbewerber. Der Landkreis kündigt deshalb Verträge von Unterkünften wieder. Kestel: "Es gibt hier eine Überkapazität."

Immer problematischer

147 Asylbewerber könnten sofort aus den staatlichen Unterkünften ausziehen, wenn sie denn wüssten wohin. Wer keine Bleibe findet, wird zwar nicht auf die Straße gesetzt, sondern darf als Fehlbeleger in der Unterkunft bleiben, bis er etwas anderes gefunden hat. "Es wird jedoch immer problematischer, Wohnraum für die anerkannten Flüchtlinge zu finden", klagte Kestel. Die meisten Fehlbeleger gab es Ende Januar in Tirschenreuth, nämlich 30. Allerdings handelt es sich dabei auch um die größte Gemeinschaftsunterkunft. 115 der 153 Plätze waren dort zu diesem Zeitpunkt belegt. Auch in den Gemeinschaftsunterkünften in Mitterteich (9 Bewohner von 32), Waldsassen (7 von 55) und Neualbenreuth (2 von 11) gibt es Fehlbeleger. Noch größer ist das Problem jedoch bei den dezentralen Unterkünften. Die meisten Fehlbeleger in absoluten Zahlen gibt es in Neusorg (16 von 21) und Plößberg (12 von 17). Prozentual noch schlimmer ist es in Orten wie Brand und Erbendorf. Dort sind alle 7 bzw. 9 zur Verfügung stehenden dezentralen Unterkünfte von Asylbewerbern belegt, die sofort ausziehen könnten. Ähnlich drastisch ist die Situation auch in Friedenfels, Krummennaab und Mähring. Dort gibt es nur noch jeweils eine Person mit "Bleiberecht" in den Unterkünften.

Über Bayernschnitt

Mit 35,5 Prozent liegt der Landkreis Tirschenreuth bei den Fehlbelegern denn auch deutlich über dem bayernweiten Schnitt von 27,7 Prozent. Der Landkreis habe deshalb jetzt eine Wohnraum-Onlinebörse auf der Homepage installiert, informierte die Oberregierungsrätin. Dort können interessierte Vermieter die Bedingungen für die Vermietung an anerkannte Flüchtlinge abrufen und ihr Interesse an einer Vermietung mitteilen. "Wir fungieren hier als Briefkasten und geben die Adressen an die Migrationsberatungsstellen weiter", so Kestel. Wohl angesichts immer wieder aufkeimender Diskussionen um Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylbewerber stellte Kestel klar: "Anerkannte Asylbewerber dürfen arbeiten. Asylbewerber im laufenden Asylverfahren benötigen eine Erlaubnis der Ausländerbehörde." Und dafür gebe es ermessenslenkende Weisungen des Ministeriums, die bei der Einzelfallentscheidung der Ausländerbehörde zu berücksichtigen seien. Einige Anträge seien hier bereits abgelehnt worden. Laut Kestel handelte es sich ausnahmslos um Asylbewerber, deren Abschiebung aufgrund von Klagen noch nicht vollziehbar ist.

Im vergangenen Jahr wurden dem Landkreis 265 Asylbewerber neu zugewiesen. Gegenüber den vergangenen beiden Jahren ist dies ein deutlicher Rückgang. 2016 kamen 371 Asylbewerber, 2015 waren es 368. Abgeschoben wurden 2017 nach der Statistik des Landratsamtes 25 Personen: 10 durch die Ausländerbehörde Tirschenreuth und 15 durch die Zentrale Ausländerbehörde in Regensburg (ZAB). 55 Personen reisten freiwillig aus.

96 Staaten im Landkreis

Insgesamt wohnen im Landkreis Tirschenreuth derzeit (Stand Ende November 2017) 3279 Ausländer aus 96 Staaten. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 4,4 Prozent. 2185 der Ausländer stammen aus Europa. 770 aus Asien, 181 aus Afrika und 99 aus Amerika. Bei den Ländern ist die Tschechische Republik mit 630 Männern, Frauen und Kindern führend (2016 waren es 491), gefolgt von Syrien 299 (356), Türkei 271 (286) und Irak 199 (176). Prozentual viel größer ist übrigens die Zunahme von EU-Ausländern aus Rumänien (von 76 auf 168), Ungarn (von 61 auf 114), Bulgarien (48 auf 88) und Polen (von 128 auf 195). Die Gesamtzahl der Ausländer ist in den vergangenen vier Jahren deutlich angestiegen. Ende 2013 lebten im Landkreis 1885 Ausländer.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp