15.02.2018 - 15:16 Uhr
Tirschenreuth

Auszüge aus Buch Harald Fähnrich Mutige Soldatenfrauen

In Flugblättern wurde die Bevölkerung 1943 über die vernichtende Niederlage in Stalingrad informiert. Gegen die menschenverachtende NS-Diktatur demonstrierten auch mutige Soldatenfrauen in der Region.

Stalingrad-Flugblatt 1942/43. Die Bildszene (Ausschnitt aus dem Flugblatt) mit deutschen Gefangenen im russischen Winter ist geradezu harmlos, wissen wir heute. Repro: Fähnrich
von Externer BeitragProfil

"Wer waren die mutigen Soldatenfrauen?" Wenn es stimmt, dann geschah im Februar 1943 in Tirschenreuth etwas höchst Riskantes. Überliefert in einem einzigen Satz. Er steht in einem Tagebuch. Harald Fähnrich fand ihn für sein Buch über das Leben in der Diktatur des 3. Reiches. Voraus ging die Schlacht von Stalingrad. Dieser Teil des Eroberungskrieges der Wehrmacht endete am 2. Februar 1945 mit der Kapitulation der vernichteten 6. Armee. Einer der Wendepunkte im Zweiten Weltkrieg. Am 3. Februar tönte aus dem Rundfunk eine verlogene Sondermeldung des Führerhauptquartiers: "...Übermacht des Feindes ... das Opfer der Armee war nicht umsonst..." Allein auf deutscher Seite mehr als 700 000 Gefallene! Söhne, Ehemänner, Brüder, auch aus Tirschenreuth. Ihre Angehörigen wissen von ihnen damals kaum etwas. "Kriegerfrauen" fühlen ihr ständiges Bangen bestätigt. Lebt ihr Mann, ihr Schatz noch? Eine Gruppe Tirschenreutherinnen fasst sich ein Herz, recherchierte Harald Fähnrich.

Was sie taten, war in dieser menschenverachtenden NS-Diktatur unerhört mutig. Die Verzweiflung über ihre persönliche Situation ließ sie alle Vorsicht vergessen. Wie viele mutige Soldatenfrauen sich öffentlich trafen, ist unbekannt. Ebenso andere Einzelheiten. Johann Schärdel war seit 1942 als Oberförster im Forstamt Wondreb tätig. Er notierte die Kriegsprobleme der Einheimischen, den regionalen Untergang der Nazis, zuletzt Tag für Tag in Wondreb. Sein Tagebuch beginnt mit dem, was wir mit unserer "Schulbuchweisheit" nicht für möglich halten. Schärtel schrieb: "Lediglich in Tirschenreuth demonstrierten Frauen, die ihre Männer in Stalingrad wussten, zum ersten Mal gegen den Krieg." Wie werden sich städtische NS-Scharfmacher verhalten haben? Nichts ist bekannt. Ebenso nicht Namen der "Wutbürgerinnen". Denn diese tapferen Zeitzeuginnen leben nicht mehr. Angehörige könnten manches wissen. Harald Fähnrich bittet, ihm dies mitzuteilen (Telefon 09643/1725).

"Feindpropaganda"

Zur Information kriegsmüder Bevölkerungsteile warfen feindliche Flugzeuge Hunderttausende von Flugblättern ab. Meinten die Alliierte wirklich, dadurch Bürger zum Widerstand gegen das Todesregime mobilisieren zu könne? Zettel über die vernichtende Niederlage in Stalingrad fand im Winter 42/43 z. B. Familie Häring aus Brunn. Es war strengstens verboten, solche "Feinpropaganda" aufzuheben oder gar weiterzureichen. Abzugeben bei NS-Behörden!

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