Bevor Gefühle explodieren

Seit dem Studium in Regensburg ist Daniela Luft in ihrem Heimatlandkreis tätig. Die Diplom-Pädagogin arbeitet viel mit Borderline-Patienten. Igelbälle und Klangschale sind keine Deko, sondern Hilfsmittel. Bild: as
Vermischtes
Tirschenreuth
02.01.2017
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Sie überschreiten Grenzen. So, dass es ihnen und anderen richtig wehtut. Die extreme Gefühlslage von Borderlinern lässt oft keine andere Lösung zu, als sich extrem zu verhalten. Doch es gibt Hoffnung für Betroffene und ihre Angehörigen, auch im Landkreis Hilfe zu finden.

Borderline - was ist das eigentlich? Die Persönlichkeitsstörung, die Außenstehenden so rätselhaft erscheint, ist weiter verbreitet als gedacht. 2,5 Prozent der Bevölkerung, schätzen Fachleute, erkranken daran. Das heißt, im Landkreis Tirschenreuth leben fast 2000 Menschen, die eine Borderline-Störung haben oder hatten. "Das ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen", sagt Daniela Luft. "An Schizophrenie leidet etwa 1 Prozent."

Große Resonanz

Die Diplom-Pädagogin, die beim Sozialteam in der Pleierstraße arbeitet, hat sich tief mit der Materie auseinandergesetzt. Im Haus Waldnaab hat sie regelmäßig mit Borderlinern zu tun. Die 39-Jährige macht derzeit eine Ausbildung zur Borderline-Therapeutin, eine absolute Seltenheit in der Oberpfalz. Ein dreiteiliges Seminar, angeboten in Tirschenreuth, ist der Auftakt zu mehr Öffentlichkeit für das vielschichtige Krankheitsbild.

Begonnen hat die Reihe, in der sich Borderline-Patienten, Therapeuten und Angehörige austauschen, im Dezember. Die Resonanz ist groß. "In der Oberpfalz gibt es da eigentlich gar nichts", bedauert Luft. Dabei seien die Heilungschancen sehr gut - bei entsprechender Therapie.

Odyssee bis zur Diagnose

Meist beginnen die Symptome in der Pubertät. Bis zur richtigen Diagnose haben die Betroffenen und ihre Angehörigen oft eine Odyssee hinter sich. Die nächstgelegene Möglichkeit zur stationären Behandlung ist in Nürnberg. "Auch viele Ärzte kennen sich nicht so gut aus mit dieser Erkrankung", gibt die Pädagogin die Erfahrung vieler Eltern weiter.

"Es geht um den Umgang mit Gefühlen", beschreibt Daniela Luft. "Die Betroffenen erleben etwas viel deutlicher und anhaltender als andere Menschen, die sich auf- und wieder abregen." Die durch irgendeinen Auslöser schnell einschießende Anspannung bleibt auf einem unerträglich hohen Level, das viele Betroffene zu Notlösungen treibt. Die meisten Borderliner verletzen sich selbst, sie ritzen die Haut auf oder schlucken Rasierklingen.

Viele stürzen sich in riskantes Verhalten, sei es beim Geldausgeben oder im Straßenverkehr, und in die Sucht. Manche werden gewalttätig und straffällig. Die Suizid-Rate ist hoch: "8 Prozent schaffen es, ihr Leben zu beenden", nennt die Pädagogin aus Tirschenreuth eine erschreckende Zahl. "Meistens gehen viele Versuche voraus."

Unerträgliches Level

Extreme Stimmungsschwankungen und impulsives Verhalten, verletzender Umgang mit anderen und Selbstverstümmelung: Die Symptome machen es dem Umfeld der Betroffenen schwer, Verständnis zu haben. Um den Stress zu verdeutlichen, unter dem Borderline-Patienten leiden, nennt Daniela Luft ein Beispiel: "Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit Ihrem Kind aus dem Haus und es wird von einem Lastwagen überfahren. Auf einer Skala von 0 bis 100 sind Sie jetzt bei 100." Borderliner erreichen sehr oft dieses Level, auch wenn der Anlass für Außenstehende überhaupt nicht nachvollziehbar ist, und bleiben auf unerträglich hohem Niveau. In der Therapie lernen die Betroffenen, wie sie mit überschießenden Gefühlen besser umgehen.

Notfallkoffer für jeden

Als Gegenreaktion stehen verschiedene Mittel aus dem "Notfallkoffer" zur Verfügung, den sich jeder individuell zusammenstellt. Das kann ein starker Geruchsreiz sein bis hin zum Ammoniak-Stäbchen, ein stacheliger Ball als Stimulation der Haut, eine sehr heiße Dusche, Barfußgehen im Schnee, spezielle Musik, eine scharfe Chilischote, sportliche Betätigung oder sonst etwas, das den Patienten herunterbringt. "Es ist bewiesen, dass diese Therapieform wirksam ist", sagt die 39-Jährige, die seit 2012 im Haus Waldnaab des Sozialteams arbeitet. "Spezielle Psychopharmaka gegen Borderline gibt es nicht."

Hart im Nehmen

Als Therapeutin muss sie einiges wegstecken, die Balance finden zwischen dem Verständnis für das Leid der Betroffenen und der Stärkung ihrer Selbstverantwortung. "Die meisten Borderliner sind sehr empfindsam", weiß Daniela Luft. Nächstes Jahr möchte sie ihre Ausbildung zur DBT-Therapeutin mit praktischen Modulen abschließen. Dazu gehört auch die Einrichtung einer "Skills"-Gruppe, die einen weißen Fleck auf der Landkarte schließen soll. Denn eines weiß sie sicher: "Von allein geht diese Störung nicht weg."

Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT)DBT ist eine Form der Psychotherapie für chronisch suizidgefährdete Menschen mit Borderline-Störungen. Entwickelt hat sie in den 1980er Jahren die amerikanische Psychologin Marsha Linehan, die selbst viele Jahre in geschlossenen Abteilungen verbracht hat, einen "Weg aus der Hölle des Borderline-Lebens" fand und anderen zeigte. Basis ist die kognitive Verhaltenstherapie, umfasst aber auch andere Elemente. Die Therapeuten versuchen, eine Balance zu finden zwischen dem Respektieren eines Problems und dessen Veränderung. Sie sehen sich als Trainer, die Patienten auf ihrem Weg aus dem Leid zu unterstützen. Dabei lernen die Borderliner verschiedene Fertigkeiten ("Skills"), die ihnen helfen, ihre überschießenden Gefühle zu steuern, sich selbst und ihre Vergangenheit besser zu akzeptieren. (as)


Trialog am 9. JanuarWeil sie um den großen Bedarf in der nördlichen Oberpfalz weiß, rief Daniela Luft einen Borderline-Trialog ins Leben. Drei Abende umfasst das Blockseminar, das im Dezember am Soziotherapeutischen Zentrum in Tirschenreuth begonnen hat. Sehr gut besucht war der Auftakt mit Anja Link von der Nürnberger Kontaktstelle Borderline-Trialog. Zum Vortrag der Koordinatorin kamen über 30 Zuhörer - wie gewünscht bunt gemischt: Therapie-Personal, Betroffene und Angehörige. Im zweiten Teil ging es um erste Anzeichen in der Jugend, die Gestaltung von Beziehungen, den Umgang mit Nähe, Distanz und Kritik. Auch der letzte Seminarabend am Montag, 9. Januar, von 17 bis 19 Uhr ist für alle Interessierten offen und kostenlos. Es geht um die Frage, ob Gesundung möglich ist und welche Hilfsangebote es im Umkreis gibt. Anmeldungen über Telefon 09631/6005-57. (as)
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