21.08.2017 - 20:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Biotopkartierung im Landkreis auf neuestem Stand Bärwurz ein Oberpfälzer

Nach gut 25 Jahren hält der Landkreis eine brandaktuelle Biotopkartierung in Händen. Christian Tausch und Michael Stellmach vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) stellen die Ergebnisse Vertretern von Naturschutzverbänden, Landwirten und Gemeinden vor.

Der fleischfressende Sonnentau (links) und große Buschnelken-Vorkommen sind besondere Kleinode im Landkreis Tirschenreuth.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Das Papier ist Gesetz und verpflichtend, wenn es darum geht, etwas baulich oder anderweitig in der Naturlandschaft zu verändern. Verbriefte Biotope sind tabu und genießen staatlichen Schutz. Das LfU teilt Grundstücksbesitzern allerdings nicht mit, dass sie auf ihren Flächen ein geschütztes Biotop haben. Der einzige Punkt, den einige Anwesende bei der Vorstellung der Kartierungsergebnisse monierten. Anstelle von Anschreiben setzt das LfU auf moderne Kommunikationsmittel und verweist auf die entsprechende Internetpräsenz, auf der sich Grundstücksinhaber informieren können.

Mensch im Mittelpunkt

"Für das LfU steht immer der Mensch mit seinem Bedarf an sauberem Trinkwasser, Erholung in der Natur, Sicherung der Ernährung und sauberer Luft im Mittelpunkt", erklärte der Leiter der Abteilung Naturschutz, Landschaftspflege und Gewässerökologie, Christian Tausch. Von 2013 bis Juli 2016 wurden alle Biotope auf der Landkreisfläche kartiert. 2200 insgesamt, unterteilt in 5700 Einzelflächen. Ausgenommen dabei sind die Waldflächen über einen Hektar Größe. Sie zu behandeln obliege dem Forst. 587 Hektar Wald wurden bereits bei der ersten Kartierung erfasst und fließen als alter Datenbestand mit in das Werk ein.

Grundlage für sinnvollen Schutz sei immer die Analyse der jeweiligen Umweltsituation, erklärte Tausch. In dem Zusammenhang suche das LfU immer den kooperativen Umweltschutz zwischen Verbänden, Unternehmen, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Land- und Forstwirtschaft und liefere Informationen für die Öffentlichkeit. Biotopkartierungen gebe es bereits seit 1977. Seit 40 Jahren würden dabei wertvollste Lebensräume, die gesetzlich definiert seien, erfasst und deren Zustand bewertet. "Ähnlich der Inventur eines Unternehmens werden dabei die Schätze und Vermögenswerte der Natur bewertet." In Bayern seien davon 422 000 Einzelflächen betroffen. Bei der Artenschutzkartierung bedrohter Tier- und Pflanzenarten sei das LfU auf das Engagement ehrenamtlicher Helfer angewiesen. Mindestens 90 Prozent aller Daten kämen so zustande.

Die Kartierung sei ein mühsamer Prozess, weil sich die Natur stark und ständig wandle. In den vergangenen 50 Jahren habe der Freistaat eine außerordentlich dynamische wirtschaftliche Entwicklung genommen, bei der sich die Landschaft und das Klima stark verändert hätten. Arten seien verschwunden, neue seien dazugekommen.

Grundlage Luftbild

Christian Tausch stellte seinen Kollegen Michael Stellmach als den "Kopf der Biotopkartierung in Bayern" vor. Letzterer beschrieb die Kartierung im Detail. Die Kartierer werden mit Luftbildern im Maßstab 1:5000 ausgestattet. Darauf sind auch die digitalen Flurkarten und die Ergebnisse der ersten Biotopkartierung eingearbeitet. Grundsätzlich könne da jeder mitmachen, vorausgesetzt entsprechende botanische Kenntnisse sind vorhanden. Tiere spielten bei der Biotopkartierung überhaupt keine Rolle.

In die Liste wurden auch interessante Biotoptypen, die grundsätzlich nicht gesetzlich geschützt sind, mitaufgenommen. Dazu zählen unter anderem artenreiche Extensivgrünland-Wiesen, magere Altgrasbestände und Streuobstbestände. Flächen unter 1000 Quadratmeter wurden nicht erfasst. Detaillierte Biotopbeschreibungen und Pflegehinweise gehören zur Ausarbeitung.

Insgesamt wurden bei der Kartierung 1200 Pflanzenarten festgestellt, das ist etwa ein Viertel von dem, was in Bayern vorkommt. 212 davon sind Arten, die nach der Roten Liste als gefährdet eingestuft sind. 162 Arten stehen auf der Vorwarnliste.

Dazu gehören zum Beispiel die Moosbeere, der Sonnentau, der Moorklee oder die Buschnelke. Die größeren Vorkommen dieser Spezies im Landkreis seien so ziemlich die letzten im Freistaat. Es gäbe aber auch Neufunde wie den Kleinen Vogelfuß, der im westlichen Landkreis große Flächen einer Sandgrube bedecke. Im hinteren Oberpfälzer Wald und im Fichtelgebirge gedeihe auf manchen Stellen auch der Bärwurz recht gut. "Der kommt nämlich ursprünglich gar nicht aus dem Bayerischen Wald, sondern eben aus der Oberpfalz", erklärte Stellmach. Er ist Straubinger und muss es schließlich wissen. Im Bayerwald sei die Pflanze künstlich eingebracht worden und der würzige Klare, der daraus gemacht wird, ist heute ein Markenzeichen des Bayerischen Waldes.

Spitzenreiter Haunritz

Das wertvollste Biotop mit 20 gefährdeten Arten ist die Orchideenwiese bei Haunritz im Kemnather Land. 18 Arten weisen die Flachmoore in der Waldnaabaue auf und im Fichtelgebirge kann die Waldwiese bei Schwarzenreuth besonders mit Raritäten punkten. Es sei grundsätzlich der Trend festzustellen, dass Flachmoore und Pfeifengraswiesen, also die seltensten Biotope, am stärksten gefährdet seien. Das hänge mit Aufforstung, Verbuschung und Entwässerung zusammen. Durch Menschenhand seien aber auch neue Biotope entstanden, die gute Pflegezustände aufweisen.

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Weitere Informationen:

http://fisnat.bayern.de/finweb/

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