Braujuwaren wecken nach 100 Jahren traditionelle Bierbraukunst aus Dornröschenschlaf
"Zaubertrank" aus Tirschenreuth

Isabella Meier, Peter Geyer, Zweiter Vorsitzender Walter Richter, Franz Trottmann, Berthold Brunner, Manuela Hager, Vorsitzender Martin Hager, Norbert Schuller und Andrea Meier (von links) sind mit Begeisterung bei der Sache. Im Bottich köcheln 100 Liter Maibock, die nach einem uralten Rezept gebraut werden. Bilder: ubb (5)
Vermischtes
Tirschenreuth
16.03.2018
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Martin Hager (beim Prüfen der Maische) und Walter Richter (v. li.) hatten die Idee, die Tirschenreuther Bierbraukunst wieder aufleben zu lassen. Jetzt sind es im Verein "Tirschenreuther Braujuwaren e. V." schon 69 Mitstreiter.

Die gute Nachricht: Tirschenreuth bekommt wieder ein eigenes Bier. Die schlechte: Leider dürfen den nach alter Rezeptur gebrauten Maibock nur auserlesene Gäste verkosten.

In der Mitterteicher Straße 2 geschehen am Samstagvormittag höchst seltsame Dinge. Sechs Mannsbilder und drei Madln rühren in einem Garten abwechselnd in einem großen Bottich. Darin blubbert und dampft es. Der Wind trägt ungewohnte Gerüche nach draußen. Wer die kleine Gesellschaft beobachtet, denkt unweigerlich an den Zaubertrank für Asterix und Obelix.

Uraltes Rezept

Das, was hier im Garten von Martin Hager geschieht, hat aber nur wenig mit einer "Hexenküche" zu tun. Viel mehr mit Tradition. Hier wird Bier gebraut, genauer ein Maibock. Dahinter stecken die "Tirschenreuther Braujuwaren 2016". 39 Leute haben sich vor zwei Jahren unter diesem Namen zusammengetan. Der ins Register des Amtsgerichts eingetragene Verein soll das traditionelle Bierbrauen in der Kreisstadt retten. "Jetzt sind wir schon 69 Mitglieder", freut sich "Oberbraujuware" Martin. Hager. Im überdimensionalen Topf, den Hager keine Sekunde aus den Augen lässt, köchelt ein bräunlich-gelber Sud. Glaubt man den Überlieferungen, wurde dieser historische Maibock in Tirschenreuth im Jahr 1918, also vor exakt 100 Jahren, das letzte Mal gebraut.

Genau 100 Jahre später dampft nun wieder der Kessel. Während Hager erzählt, kontrolliert Zweiter Vorsitzender Walter Richter die Temperatur. Dabei rührt er mit einem 1,50 Meter großen Holzlöffel im modernen Aluminiumtopf. Einige Stunden sind die "Braujuwaren" an diesem Samstag bereits am Werk. Hager zählt die Zutaten auf. Der Verein legt Wert auf Authentizität und das traditionelle Reinheitsgebot. Nur feinste Zutaten kommen in den Topf: Wiener Malz, Prager Malz, Karamalz und Sauermalz sind die Grundlagen. Später wird für das Aroma Hopfen hinzugesetzt. Dabei, sagt der Chemie- und Biologielehrer an der Mittelschule Tirschenreuth, sei man von der alten Rezeptur abgewichen. Die Begründung: "Der Maibock 2018 soll eine etwas bittere Note bekommen."

Die Bitterstoffe liefere Saazer Hopfen aus Böhmen. Dieser werde heute noch in Tschechien angebaut. Um nichts falsch zu machen, haben die "Braujuwaren" extra Seminare belegt und sich in die hohe Kunst des Bierbrauens eingelesen. Bei der Technik geht es nicht ohne moderne Mittel. Im 100-Liter-Topf steckt ein digitales Temperaturmessgerät, das jede Schwankung sofort anzeigt. Einige Utensilien lassen schmunzeln, die "Braujuwaren" outen sich als höchst kreativ. Die riesigen Rührlöffel wurden bei Gerhard Spitzl in Auftrag gegeben, der sich mit historischen Gerätschaften befasst. Fürs Durchseien der Maische hat Hager im Wäschehaus Wettinger Stoffwindeln besorgt. "Die wurden natürlich ausgekocht und sind unbenutzt", lacht er. Das sei übliche Praxis, was das Fachgeschäft bestätigt habe.

Naturtrüb soll der Maibock 2018 werden, und stärker als ein normales Bier. Dann wird im Keller die Hefe zugesetzt, die den Sud zur Gärung bringt. Bei vier Grad Kälte wird in Hagers Keller aus der Maische Bier. Geht alles gut, kann das Gebräu eine Woche später für die Nachgärung abgefüllt werden. "In vier Wochen ist dann Bierprobe", freuen sich die "Braujuwaren" bereits jetzt auf dieses große Ereignis. Und mit jedem Tag steigt die Spannung: Wie wird das Bier schmecken? Und wird es überhaupt schmecken? Das dürfen auch die drei Bürgermeister, Franz Stahl, Peter Gold und Norbert Schuller, testen. Sie sind zum Anstich eingeladen. Wobei der Dritte Bürgermeister gar nicht eingeladen werden muss, Schuller ist Gründungsmitglied. Er kennt die schöne Bierbrautradition vom Falkenberger Zoigl her, sagt er. "Ich bin stolz auf die Leute hier, die mit ihrem Einsatz eine uralte Tradition erhalten wollen."

Kleine Brauerei geplant

Ist das Bier einigermaßen genießbar, sind im Herbst weitere 100 Liter geplant, später sollen es dann sogar 400 Liter werden. Hager zeigt auf das Anwesen von Gründungsmitglied Peter Geyer nebenan. "Hier wollen wir eine kleine Brauerei mit einer professionellen Anlage für größere Mengen einrichten. Und eine kleine Schankstätte". Nach den Zollvorschriften darf das Bier jedoch nicht öffentlich ausgeschenkt werden. Die Wirtsstube wird also "nur" ein Vereinsheim.
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