19.11.2017 - 20:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Die Schatten sind lang

"Niemand sollte zum Gedenken gezwungen werden", betont Franz Stahl beim Volkstrauertag. Doch hat der Staat die Pflicht, sich mit den dunkelsten Kapiteln der Geschichte zu befassen, betont der Bürgermeister. "Der Blick zurück ist wichtig, um das Heute verantwortungsvoll und friedlich miteinander zu gestalten."

"Nur im Dialog kann Trennendes überwunden werden, kann Verständnis für das Gegenüber entstehen." Zitat: Bürgermeister Franz Stahl
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In einem langen Zug waren die Vereine und Bürger am Sonntag zum Ehrenmal an der Mittelschule marschiert. Wie in nahezu allen Orten des Landkreises wurde am Volkstrauertag der Kriegstoten und Gewaltopfer gedacht.

"Die beiden Weltkriege und die menschenverachtende Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten liegen inzwischen Jahrzehnte zurück. Aber ihre Schatten sind lang", so der Tirschenreuther Bürgermeister in seiner Ansprache am Ehrenmal.

Die Spuren, die sie hinterlassen haben, würden noch heute viele Familien prägen. In den Erzählungen von Verlust und Todesgefahr, von Flucht und Vertreibung seien die Schrecknisse auch nach so langer Zeit noch präsent. "Umso wichtiger ist es, miteinander darüber zu reden, was mörderische Kriege - nicht nur äußerlich sichtbar - mit den Menschen anrichten." Den Volkstrauertag sah Stahl als guten Anlass, um diesen Faden aufzunehmen. Um zum Beispiel die Mutter, den Vater, die Groß- oder Urgroßeltern zu fragen: Wie war das damals? Noch gebe es Zeitzeugen im Familien- und Freundeskreis, die aus erster Hand vom Leid des Zweiten Weltkriegs erzählen können.

Bei den schrecklichen Momenten nannte Stahl etwa die Schlacht um Verdun im Jahr 1916 als Inbegriff der Sinnlosigkeit bewaffneter Auseinandersetzungen. Zugleich sei Verdun heute ein Symbol für die Überwindung von Feindschaft zwischen den Völkern und der Aussöhnung über den Gräbern geworden. Auch Tirschenreuth verbinde seit über zehn Jahren eine enge Freundschaft mit La Ville du Bois in Frankreich. "In dieser Zeit wurden enge, freundschaftliche Beziehungen geschlossen."

Doch sei die Welt im Jahr 2017 alles andere als ein friedlicher Ort. Während in Europa seit 70 Jahren Frieden herrsche, würden im Nahen Osten, in Afrika oder Asien schreckliche Kämpfe toben, werden Menschenrechte mit Füßen getreten, sterben Menschen - auch in diesem Moment. Und Gewalt und Unterdrückung hätten weltweit 65 Millionen Menschen zu Vertriebenen gemacht. "Flucht und Vertreibung ist in Deutschland und in Tirschenreuth kein neues Phänomen", fuhr Stahl fort. Schon vor 70 Jahren hätte auch die Tirschenreuth eine enorme Zuwanderung erlebt, durch Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Und sie hätten in der Stadt eine neue Heimat gefunden, durften ihre Kultur pflegen und seien selbstverständlicher Teil der Stadtgemeinschaft geworden.Die aktuelle Flüchtlingskrise stelle die Gesellschaft jetzt vor neue Herausforderungen. Rund 150 Schutzsuchende lebten zur Zeit in Tirschenreuth.

"Menschen, die vor Krieg und gewaltsamen Übergriffen in ihrer Heimat geflüchtet sind und nun bei uns auf ein Leben in Frieden hoffen. Doch wie sicher ist Deutschland, ist Europa noch?", fragte Stahl. So wollten radikale Islamisten auch hier Angst und Schrecken verbreiten. Zudem Populisten ein immer leichtes Spiel hätten.

"All diese Entwicklungen zeigen: Frieden in Europa ist im 21. Jahrhundert ein höchst fragiles Gut." Ihn zu wahren und zu verteidigen, sei eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. "Es macht mich stolz zu sehen, wie unsere Stadt ihren Teil dazu beiträgt, dass Deutschland ein friedliches, weltoffenes Land bleibt", fuhr Stahl fort. Ein Land, in dem Konflikte statt mit Waffen mit Worten und Argumenten ausgetragen würden. Ein Land, in dem Meinungsfreiheit herrsche und in dem jeder sich nach seinem Lebensentwurf entfalten könne.

"Und nur im Dialog kann Trennendes überwunden werden, kann Verständnis für das Gegenüber entstehen", hoffte Stahl auf weiteres "Miteinanderreden" in Tirschenreuth.

Nur im Dialog kann Trennendes überwunden werden, kann Verständnis für das Gegenüber entstehen.Bürgermeister Franz Stahl
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