Gifteier-Skandal löst Boom bei regionalen Produkten aus
Jeder sollte sich ein gutes Ei leisten können!

Eier von regionalen Anbietern sind wieder in. Die Geflügelzüchter Monika und Hans Kühn können nicht genug heranschaffen davon. Bilder: ubb (3)
Vermischtes
Tirschenreuth
11.08.2017
1231
0
 
Im Tirschenreuther Bioladen "Frohnatur", der Produkte aus artgerechter Tierhaltung vertreibt, sind derzeit Bio-Eier der Renner.

Die Halter von Bio-Hühnern müssten selbst Eier legen können, um die rasant gestiegene Nachfrage erfüllen zu können. Die Freude darüber hält sich in Grenzen. Bald werden die Verbraucher zum Billig-Ei zurückkehren. Da sind sich die Befragten einig.

( ubb) Wenn es ums Essen geht, hört für die Verbraucher der Spaß auf: Aldi hat seine gesamten Eier nach dem Gift-Skandal aus den Regalen geräumt, andere Märkte setzen auf regionale Lieferanten. Und die können nicht genug Eier liefern. Eier aus heimischer Geflügelhaltung sind plötzlich mega-in.

Eier aus Region gefragt

"Haben Sie Eier aus der Region?" Diese Frage ist wird derzeit immer wieder in den Geschäften der Region gestellt. Zu hören bekam sie unter anderem Margit Mayr aus dem Bioladen "Frohnatur" in Tirschenreuth, das Ehepaar Kühn von der Geflügelzucht Mooslohe bei Tirschenreuth und Landwirt Bockisch, Eierproduzent aus Trevesenhammer. "Momentan können wir nicht genug Eier heranschaffen", sagt Margit Mayr. "Leider sind die Kunden aber auch schnell wieder weg", bedauert sie gleichzeitig. Nicht nur für ihren Laden findet das die Bioladen-Besitzerin schade. "Das Lebensmittel Ei muss den Leuten wieder mehr wert sein!", plädiert die Umweltschützerin, die mit ihrem Mann Günter seit Jahrzehnten Mitglied im Bund Naturschutz ist.

Mayrs Eier stammen aus dem Erbendorfer Bio-Hennen-Verbund, wo die Tiere frei leben, keine männlichen Küken ermordet werden, und es gutes Futter gibt. Nach Bekanntwerden des Giftskandals, berichtet sie, sei sie sofort informiert worden, dass bei den Produkten ihrer Lieferanten alles in Ordnung sei. Lebensmittelskandale bringen der Tirschenreutherin viele Neukunden ins Haus, die aber meist nicht bleiben. Sie geht auch jetzt davon aus, dass viele neue Einkäufer rasch zum Billig-Ei zurückkehren, sobald sich die Aufregung gelegt hat.

Margit Mayr hat eine Rechnung aufgestellt, die das schiefe Bild des teuren "Bio-Eis" geraderücken soll. "Wie viele Eier pro Woche isst ein Mensch?" Sie rechnet und kommt mit Frühstück, Rührei und Kuchenbacken auf höchstens zehn Stück für einen Zwei-Personen-Haushalt. "Da fällt der Unterschied für die bessere Ware doch kaum ins Gewicht!", lautet ihr Plädoyer, ein bisschen mehr Geld für das Wohl des Huhns auszugeben. Ein bis zwei Euro Mehrkosten seien dies pro Woche. Die Tirschenreutherin: "Eine Schachtel Zigaretten kostet mehr, aber da sagt niemand was. Jeder soll sich ein gutes Ei leisten können!"

"Wir haben alle Lebensmittelskandale mitgemacht und überstanden", sagt Hans Kühn von der Geflügelzucht Mooslohe. Er und seine Frau Monika berichten, dass auch das Interesse an Hühnern für den "kleinen Stall" gestiegen sei. Die Leute, so Kühn, würden verstärkt nach den Vorteilen der Eigentierhaltung fragen, weil sie das Vertrauen zu Großlieferanten verloren hätten. Fünf Hühner, meint Hans Kühn, seien ausreichend für den Familienbedarf.

Etwa 200 Hühner leben in Kühns hübschen Stall. Seit 30 Jahren züchtet er Geflügel. Die Eier verkauft er am Wochenmarkt in Tirschenreuth. Kühn reinigt seinen Stall selbst. Natürlich müsse man sich auf die Angaben der Reinigungsmittel-Zusammensetzung verlassen können, sagt er. Nach einem Leben mit dem Federvieh hat Kühn genug Erfahrung, wie er Ungeziefer mit natürlichen Mitteln bekämpfen kann.

Legehennen hoch im Kurs

Deutliche Worte zum Verbraucherverhalten und den teils unerfüllbaren Wünschen der Großmärkte hat Michael Bockisch aus Trevesenhammer. Der Eierproduzent gehört dem Verband KAP an, damit sind seine Produkte zertifiziert und kontrolliert in jeder erdenklichen Richtung. Bockischs Betrieb beliefert fünf Edeka- und zwei Rewe-Märkte. Bockisch reinigt seinen Stall selbst. Schuld am Skandal sei der Reinigungsmittelhersteller, sagt er und meint damit die Chemieindustrie, die sich alles erlauben könne. Er geht davon aus, dass bei den belasteten Eiern bei der Reinigung die Hühner im Stall waren. "Wie sonst kann das Gift in die Eier gelangen?" Das ist für ihn der eigentliche Skandal.

"Wenn's dann zum Giftskandal kommt wie jetzt, kommen alle zu mir und wollen, dass ich mehr Eier liefere. Wie soll das gehen?" Seine Hühner könnten nicht von Null auf Hundert durchstarten und mehr legen.

"Und dann rief auch noch eine Großbäckerei aus der Region an und wollte ab sofort regionale Eier", erzählt Bockisch. Der gleichen Großbäckerei habe er bereits vor Jahren ein Angebot unterbreitet. "Damals bekam ich eine Abfuhr. Als Begründung hieß es, meine Eier sind zu teuer!"

Bockisch kennt aber die Gesetze des Marktes: "Sobald die Medien nichts mehr über den Skandal berichten, kaufen die Kunden wieder billige Eier!"
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.