Hort ist mehr als Hausaufgabe

Das Bettlaken, das schon zum 25. Jubiläum bemalt wurde, hat man kurzerhand wiederverwertet. Im Juni feierte der Kinderhort ohne großes offizielles Programm ein Sommerfest zum 30. Geburtstag. Bild: exb
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Tirschenreuth
30.08.2017
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Christine Burkhard im Bewegungszimmer, das viele Möglichkeiten zum Spielen und Toben bietet: "Die Kinder haben hier Zeit, Kind zu sein. Das gehört bei all den Hobbys und Verpflichtungen auch dazu." Bild: as

Still und leise feierte eine Institution Geburtstag, die schon unzähligen Eltern und Kindern das Leben erleichtert hat. Der Hort der Caritas hat mit einer "Kinderbewahranstalt" alter Sorte überhaupt nichts zu tun. Und das seit 30 Jahren.

Die Erfolgsgeschichte hat nach den Sommerferien 1987 im damaligen Missionshaus St. Peter begonnen. Schon damals lief ein Modellversuch des Sozialministeriums, wie sich Jürgen Kundrat erinnert. Der Kreisgeschäftsführer der Caritas war damals bereits in Tirschenreuth und hat das Projekt von Anfang an begleitet. "Der Staat förderte erstmals auch Kinderhorte. Da mussten wir uns gewaltig ins Zeug legen, um die Förderrichtlinien zu erfüllen."

Die Caritas hatte sich kurz vorher im Nebengebäude des Pfarrhofs eingerichtet, aber dort reichten die räumlichen Voraussetzungen nicht aus. "Wir wurden in St. Peter fündig und haben den zweiten Stock für den Kinderhort umgebaut." Für 15 Kinder bot die Einrichtung Platz. Ein Jahr später folgte der Hort in Mitterteich, ebenfalls getragen von der Caritas. "Wir waren viele Jahre die einzigen im Landkreis, die ein Betreuungsangebot für Kinder nach Schulschluss hatten", blickt Jürgen Kundrat zurück. 30 Jahre nach der Premiere in St. Peter gibt es an vielen Orten, meist angegliedert an Schulen oder Kindergärten, eine Nachmittagsbetreuung. "Das zeigt, dass der Bedarf da ist", resümiert der Caritas-Geschäftsführer.

Anfangs Widerstände

Freilich musste er besonders in den Anfangsjahren mit Widerständen kämpfen. Politisch und gesellschaftlich gab es Vorbehalte gegenüber einem Kinderhort. "Wir hatten auch Anfeindungen. Aber es gibt einfach Umstände, wo Familien nichts anderes übrig bleibt, als ihr Kind in einen Hort zu geben." Kundrat erinnert an die Notwendigkeit nicht nur für Alleinerziehende, Kinder und einen Beruf zu haben - zumal oft der traditionelle Hilfsverbund mit Oma, Opa oder älteren Geschwistern wegfällt.

Eine Frau der beinahe ersten Stunde im Kinderhort ist die Leiterin Christine Burkhard. Die Erzieherin und Kindheitspädagogin ist seit 26 Jahren dabei, ebenso wie Kinderpflegerin Thea Fenzl. "Für Schulkinder gab es damals ja gar keine Betreuung am Nachmittag", sagt die Hortleiterin und führt durch die lichten Räume, die man seit dem Umzug von St. Peter an die Marien-Grundschule 2014 bezogen hat. Mit 12 Plätzen begann die Einrichtung. Heute ist sie für 45 Kinder zugelassen und soll nach den Sommerferien um weitere Plätze aufgestockt werden, wie Geschäftsführer Kundrat versichert.

Auch in Ferien offen

An jedem Schultag zwischen 11.30 und 17 Uhr werden Kinder von 6 bis 14 Jahren betreut. Bei insgesamt 30 Schließtagen im Jahr bleiben viele Ferientage, an denen der Hort schon am Vormittag öffnet und für ein Programm sorgt. "Dann machen wir mal einen Spieletag, gehen ins Freibad oder besuchen einen Bauernhof", schildert Christine Burkhard. Der normale Alltag im Kinderhort beginnt mit dem Mittagessen, das die Stiftlandwerkstätten St. Elisabeth aus Mitterteich liefern. Danach geht es ins unbeliebteste Zimmer des Horts: Die Hausaufgaben müssen erledigt werden. Das gilt für alle Altersgruppen und Schularten von der Grundschule bis zum Gymnasium. Ebenso gemischt ist das familiäre Umfeld der Kinder: Im Hort gibt es Ärztekinder genauso wie Asylbewerber. Alle erledigen ihre Hausaufgaben. Außer Freitag. Da bleibt mehr Zeit für gemeinsame Erkundungen, Stockbrot backen, Theater spielen, Klettern oder Skifahren. "Der Hort sollte nur aus Freitagen und Ferien bestehen", hat ein Bub mal gesagt, erzählt die Leiterin.

"Wir binden die Kinder so weit es geht ein, dann ist die Motivation eine ganz andere", weiß Christine Burkhard. Deshalb gibt es auch eine Kinderkonferenz, in der jeder seine Meinung sagen darf, zum Beispiel darüber, welches Spielzeug angeschafft werden soll. Nach der Hausaufgabe wollen viele ins Bewegungszimmer, den beliebtesten Raum im Hort, oder ins Spielezimmer. Ein ruhiger Rückzugsraum ist das Lesezimmer. Gleich am Eingang hängt der Spruch "Hort ist mehr als Hausaufgabe", umgeben von bunten Bildern vielfältiger Aktionen. Wenn Burkhard manchmal Bemerkungen hört wie "zum Glück muss mein Kind nicht in den Hort", dann funkeln ihre Augen angriffslustig: "Warum eigentlich nicht? Auch die engagiertesten Eltern geraten an ihre Grenzen."

Mitterteich zieht nach

Dass der Bedarf an qualifizierter Betreuung groß ist, wissen auch die Verantwortlichen der Caritas. Deshalb ist eine Ausweitung der 45 Plätze in Tirschenreuth geplant. Und auch in Mitterteich, wo der Hort 1988 eröffnet wurde, gibt es Wartelisten und Ausbaupläne. "Wir wollen die 25 Plätze verdoppeln", kündigt Jürgen Kundrat durch die räumliche Angliederung an die Grundschule an. Zum 30. Jubiläum des Mitterteicher Horts im nächsten Jahr wird es zwar nicht mehr klappen, aber im Jahr darauf, hofft der Geschäftsführer.

Wir waren viele Jahre die einzigen im Landkreis, die ein Betreuungsangebot für Kinder nach Schulschluss hatten.Caritas-Geschäftsführer Jürgen Kundrat
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