05.07.2017 - 20:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kirchenmaler und Kunst-Restaurator Matthias Krämer gibt der Vergangenheit eine Zukunft Zeichen der Zeit

Matthias Krämer sucht nicht - er findet: Pickelhauben, Tagebücher, Militär-Ausrüstung. Der Kirchenmaler und Kunst-Restaurator ist aber viel mehr als ein Trödelsammler. In seinem Beruf gibt er der Vergangenheit eine Zukunft.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Mitten in der Werkstatt auf dem alten, türkisfarbenen Arbeitstisch, dessen Farbe teilweise ab ist, die Oberfläche eingeritzt und angepinselt, stehen Kisten mit Antiquitäten, Gläser mit strahlend roten, grünen, ultramarinblauen Pigmenten, Werkzeuge, Ordner, voll mit Unterlagen. Der gebürtige Mitterteicher Matthias Krämer ist Kirchenmaler und Kunst-Restaurator. In der Werkstatt des 40-Jährigen in der Tirschenreuther Altstadt riecht es nach altem Holz und Lösungsmittel. Büro und Küche sind zugestellt mit einem Hochrad, Kirchenausstattung und Kisten voller Unterlagen, historischen Schildern. Auf dem Arbeitstisch stapelt Krämer Papiere, um Platz für Espressotassen zu machen. Er setzt sich auf einen Drehhocker und fängt an zu erklären, was seinen ungewöhnlichen Beruf ausmacht.

Baustellenalltag

Krämers Arbeitsalltag spielt sich nicht ausschließlich in Kirchen ab. Gerade kommt er von einer Baustelle aus Trabitz. Dort betreut er als Bauforscher die Sanierung des denkmalgeschützten Meierhofs. In solchen Häusern stellt er fest, mit welchen Materialien gearbeitet wurde und wie man das Gebäude wieder möglichst in den ursprünglichen Zustand versetzt.

"Es ist der Tod eines Hauses, wenn ich nicht mit traditionellen Materialien arbeite." Bei Kirchenausstattung, wie Gemälden oder Heiligenfiguren, ist es das Gleiche: "Ich muss wissen wie das Objekt verarbeitet ist, damit ich es reparieren kann." Selten kann er Statuen oder Gemälde in den Ursprungszustand zurückversetzen. Aber er kann sie teilweise konservieren oder restaurieren. Oder Neues alt aussehen lassen. Wie er an welches Objekt herangeht, entscheidet er nach dem "Sichten". Denn mit bloßem Anschauen erkennt Krämer, ob das Stück bereits einmal bearbeitet wurde, aus welchem Jahr es womöglich stammt oder welche Farben benutzt wurden. Der 40-Jährige imitiert mit verschiedenen Techniken, Pinseln oder Schwämmen Holz oder Marmor. Auch Gips oder Kreidegrund lässt er aussehen wie echtes Porzellan, geschnitzte Ornamente wie pures Gold.

Immer wieder springt Krämer von seinem Drehhocker auf und sucht in seiner Werkstatt nach Anschauungsmaterial und Mustern. Bei einer Marien-Figur aus einer Wondreber Kapelle stellt er fest: "Sie wurde hässlich übermalt." Auf der Hinterseite hat der Kunst-Restaurator einige Zentimeter der "hässlichen Schicht" abgetragen. Die Originalbemalung darunter leuchtet petrolgrün, mit goldfarbener Zier-Fassung. "Die ganze Figur soll wieder möglichst so aussehen wie vorher." Wohlüberlegt reißt der Restaurator keine Sachen nieder, sondern sucht Lösungen, wie sie am besten zu erhalten sind.

In einem Militär-Holzspind von 1944 bewahrt er kleine und große Behälter mit Binde- und Lösungsmitteln, verschiedenen Pigmenten in Hipp-Gläsern und Werkzeugkisten auf. Im Regal stehen ein hellblauer Flaschenwärmer, private Fund- und Werkstücke. Für das Vergolden oder Freilegen von jahrhundertealten Figuren braucht der Restaurator spezielles Werkzeug, das es nicht im Bastelladen gibt. "Ich habe nicht viel Auswahl", erklärt Krämer. Aber er weiß, wo er seine Arbeitsutensilien bekommt. Oder baut sie selbst.

Improvisation wichtig

"Die Improvisation ist groß bei den Kirchenmalern", erklärt er. Vieles hat er sich während der Lehrzeit selbst angeeignet, damit er als Geselle mit auf Baustellen durfte. Neben einem umfassenden Wissen braucht Krämer vor allem aber Geduld, Kraft und eine ruhige Hand, damit jeder Pinselstrich sitzt oder die Gravur sauber ist.

"Ich bin keiner, der auf der Suche ist. Ich habe immer einfach gemacht", sagt er zwar über seinen Berufsweg. Aber er findet: Alte Münzen, Bilder aus längst vergangenen Zeiten, Unikate. Genauso unverhofft kam er zur Kirchenmalerei. Nach dem Abitur ging Krämer zur Bundeswehr. "Der Job hat mir viel Spaß gemacht." Aber er sieht, wie Kollegen von Nord nach Süd versetzt wurden. "Ich hatte immer den Traum von einem intakten Familienleben in der Oberpfalz", sagt er. Krämer entscheidet sich gegen eine Offiziers-Laufbahn. Eine Freundin der Eltern brachte ihn auf die Kirchenmalerei. "Mein Neffe macht das auch. Das wäre was für dich", sagte sie damals.

Die Ausbildung zum Kirchenmaler gibt es weltweit nur in Bayern. "Ich hatte mich vorher nie damit auseinandergesetzt", gesteht Krämer. Mit 22 Jahren beginnt er in den Restaurierungswerkstätten des Diözesanmuseums in Regensburg die Ausbildung. In München machte er die Meisterschule. 2005 bekam Krämer den Meisterbrief und bildete sich mit einem Stipendium im Restauratorenhandwerk in Venedig weiter. "Die Zeit dort hat mich sehr geprägt. Obwohl es nur drei Monate waren, habe ich dort menschlich so viel gelernt." 2006 machte er sich in Tirschenreuth selbstständig.

Er hat es nie bereut: "Ich liebe alte Sachen", sagt Krämer. Seine Eltern hatten einen kleinen Trödelmarkt. Den goldenen Siegelring, ein Erbstück der Familie, trägt der 40-Jährige stets am rechten Ringfinger. Flohmärkte und alte Bauernhäuser begeistern den Liebhaber. Auf Baustellen findet er oft Dinge, die sonst verloren gingen. Bilder, Pickelhauben, Tagebücher, Schilder, Fenster. Eines hat er ausgestellt. Dessen Holz ist aus dem Spätbarock, 300 Jahre alt. Daneben eine Schatztruhe aus dem Dreißigjährigen Krieg. In seiner Werkstatt umgibt sich Krämer mit Antikem und Historischem.

Wenn der Mitterteicher auf einer Baustelle auf einem alten Gut steht, fühlt er etwas Unbeschreibliches: "Ein jungfräuliches, leerstehendes Gebäude ist etwas Besonderes." Es ist, als würde das Gebäude ihm seine Geschichte zuflüstern. Es geht Krämer einerseits darum, alte Substanz mit neuen, modernen Ideen zu füllen. Oder andererseits bewusst im historischen Zustand zu belassen. "Das ist von Objekt zu Objekt unterschiedlich. Darüber diskutiere ich auch gerne", erklärt der Experte. Krämer ist in großen Gotteshäusern genauso daheim, wie in alten Gutshöfen und seiner Werkstatt in der Tirschenreuther Altstadt. Hier wie dort lässt er Geschichte weiterleben.

Ich liebe alte Sachen.Kunst-Restaurator Matthias Krämer (40)

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