15.10.2017 - 20:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

"Kreuzbund" wird 100 Jahre alt - Gruppenleiter und Betroffener Georg Saller erzählt Wege und Hilfe aus der Sucht

Der Name "Kreuzbund" erinnert ans Mittelalter. Klingt ein wenig angestaubt. "Aber so sind wir nicht", versichert Georg Saller.

Jeden Dienstag lädt der Kreuzbund zu Treffen in der Tirschenreuther Hospitalstraße 1 ein. Dabei spielen weder Religion, noch Nationalität oder Hautfarbe eine Rolle, betonen Kreuzbund-Gruppenleiter Georg Saller (links) und Regionalsprecher Philipp Hausknecht. Bild: wro
von Werner RoblProfil

Saller ist Gruppenleiter und Ansprechpartner für Suchtkranke in der von ihm geleiteten "Kreuzbund-Gruppe" mit Sitz in Tirschenreuth. "Der hilfsbedürftige Mensch steht im Mittelpunkt", verweist er auf die Ziele der von ihm geleiteten Hilfe zur Selbsthilfe. Bewusst spricht Saller bei der Sucht von einer Erkrankung des Betroffenen: "Einer ist krank, die ganze Familie leidet." Seit 1917, also seit genau 100 Jahren, ist der "Kreuzbund" der Fachverband für Suchtkranke bei der Caritas.

Keine Willensschwäche

Als Saller vor Jahren vom Leiter der Tirschenreuther Suchtambulanz gebeten wurde, eine Selbsthilfegruppe aufzubauen, sagte er spontan zu. "Mir selbst ist geholfen worden, warum soll ich nicht anderen helfen?" Deutlich widerspricht Saller im Gespräch der landläufigen Meinung, Sucht sei eine Willens- oder gar eine Charakterschwäche. "Sucht ist eine chronische, nicht heilbare Krankheit, die zum Stillstand gebracht werden kann", sagt Saller der zugleich bedauert, dass Rückfallgefahren überall lauern können. Man müsse nur mit offenen Augen durch die Supermärkte gehen, verweist er auf das verlockend große Angebot in den Regalen, aber auch auf die Inhaltsstoffe in den Torten, Schokoriegeln oder anderen Lebensmitteln. Der 73-Jährige war von Beruf Techniker. "Alkohol" war bis zu seiner Rente kein Thema. Dann kam der Tag, als ihm bei Aufräumungsarbeiten nach einer Veranstaltung eine angebrochene Flasche mit hochprozentigem Inhalt in die Hand fiel. Damals nahm ein übermäßiger Alkoholkonsum seinen Lauf. "Selber wollte ich mir das alles ja nicht eingestehen", fährt er fort und erzählt von seinem Schicksal, das ihn rasch veränderte. Deutlichen Wert legt Saller heute darauf, dass sein Leidensweg gezielt an die Öffentlichkeit kommt. "Damit möchte ich Betroffenen helfen", zeigt er sich auch von seiner Arbeit überzeugt.

Absolute Verschwiegenheit

Mit der von ihm geleiteten "Kreuzbund-Gruppe", einer Fachabteilung für Suchtkranke bei der Caritas, bietet er seine persönliche Unterstützung an. Die Gruppenteilnehmer seien zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet, fügt er hinzu. "Gemeinsam aber sprechen wir ganz offen über das vertrauliche Thema, auch über unsere Probleme. Falls dies gewünscht wird, zusammen auch mit den jeweiligen Angehörigen", betont der überzeugte Kreuzbund-Gruppenleiter, der stolz von sich sagt: "Ich habe es geschafft." Saller, der sich als Stütze sieht, ergänzt: "Ein möglicher Rückfall jedoch bedeutet noch lange keine Katastrophe."

Die Tirschenreuther Gruppe hatte sich vor sechs Jahren aufgelöst und wurde später wiedergegründet. Einmal pro Woche, jeweils dienstags um 19.30 Uhr, wird in der Kreisstadt ein Treffpunkt für Suchtkranke, Suchtgefährdete und ihre Angehörigen geboten. Saller betrachtet den vom ihm geleiteten "Kreuzbund" eher als ergänzendes Angebot zu den "Anonymen Alkoholikern". Als Konkurrenz sehe man sich nicht, so der Sprecher.

Ansprechpartner bei Kreuzbund und Caritas

Der "Kreuzbund" ist offen für alle Menschen, die Probleme mit Suchtmitteln haben oder unter der Suchterkrankung eines Angehörigen leiden. Der Verband zählt bundesweit 1400 Selbsthilfegruppen, in denen sich wöchentlich ca. 26 000 Menschen treffen. Die Zahl der Ehrenamtlichen, die durch eigene Abstinenz motivierend auf die Betroffenen wirken, beziffert der Verein auf rund 3500. Ziel der Selbsthilfearbeit ist es, durch wechselseitige Solidarität und lösungsorientierte Hilfen die gesundheitlichen Chancen der von Sucht betroffenen Menschen zu erhöhen. Ansprechpartner vor Ort ist Georg Saller (Wiesau, Telefon 09634/ 1583). Gruppenstunden und Informationsabende jeweils dienstags um 19.30 Uhr im kleinen Saal in der Hospitalstraße 1 in Tirschenreuth statt. Ansprechpartner bei der Caritas ist Klaus-Georg Bär, in Tirschenreuth, Telefon 09631/798910. Weitere Informationen erteilt der "Kreuzbund e.V. Münsterstraße 25, 59065 Hamm, Tel. 02381/ 67272-0). Internet: www.kreuzbund.de. (wro)

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