09.08.2017 - 20:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Naturschauspiel über den Dächern der Kreisstadt Vogelwildes Treiben

Wenn es um Weißstörche geht, ist das Land der tausend Teiche Diaspora. Auch in diesem Jahr gibt es im Stiftland nur einen einzigen bebrüteten Horst. Trotzdem sind die Hausdächer plötzlich voll von Langschnäbeln.

Bei ihrer "Treibjagd" sammeln die Störche alles auf, was sie fressen können.
von Wolfgang Benkhardt Kontakt Profil

Die Kreisstädter sind Augenzeuge eines faszinierenden Naturschauspiels. Von einer inneren Uhr angetrieben, macht sich bei den Großvögeln derzeit eine angeborene Unruhe breit. Sie verlassen ihre Horste, sammeln sich und tanken gemeinsam Kraft für den Flug in wärmere Gefilde. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Langschnäbel, gehen gemeinsam auf Futtersuche und unternehmen zusammen Flugübungen.

Elf Vögel in einem Nest

Auch die Webcam, die das Geschehen im Horst auf dem Pfarrhof festhält, hat dieses Naturschauspiel am Dienstagabend dokumentiert. Elf Störche standen dort zeitweise gleichzeitig im Nest. Etliche Passanten rieben sich verwundert die Augen, zückten Handys, Smartphones und Fotoapparate, um das "vogelwilde Treiben" festzuhalten. Beim Möbelhaus Gleißner standen plötzlich gegen dreiviertel Neun am Mittwoch knapp 50 Störche nebeneinander auf der Wiese und suchten nach Nahrung. Stephan Wagler aus Thiersheim, der in der Verkaufsabteilung des Möbelhauses arbeitet, gelang es, dieses Bild mit seiner Handykamera festzuhalten. "Ich habe nachgezählt, es waren 47 Störche auf einem Fleck", erzählt er.

Fast 75 Prozent der deutschen Weißstörche wählen nach den Erkenntnissen der Naturforscher für ihren Zug in die Überwinterungsgebiete die östliche Route, die sie über den Bosporus in der Türkei in den Nahen Osten zunächst bis in den Sudan und dann weiter nach Tansania und sogar nach Südafrika führt. Oda Wieding, Weißstorchbeauftragte des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), geht davon aus, dass auch die Tirschenreuther Vögel demnächst diesen Weg wählen werden. "Oft legen sie dabei Strecken von mehr als 10 00 Kilometern zurück", weiß die Expertin.

Die vielen Störche, die derzeit rund um Tirschenreuth zu sehen sind, passen ins Bild, das der LBV von der Entwicklung der Population hat. Der Weißstorch ist wieder auf dem Vormarsch. Waren es in den 1980er Jahren nur noch knapp 60 Brutpaare in ganz Bayern, lag der Bestand in diesem Jahr bei rund 480 besetzten Storchennestern.

Ausgerechnet im Land der tausend Teiche wartet man aber noch auf die Kehrtwende. "Früher brüteten hier viele Storchenpaare", weiß der LBV. 2017 gab es lediglich ein Brutpaar. Eben das auf dem katholischen Pfarrhof in Tirschenreuth, in dem zwei Junge schlüpften. Darüber hinaus wurden im Landkreis noch in Kemnath auf dem ehemaligen Amtsgerichtsgebäude vier Langschnäbel und auf dem Kamin der alten Glasfabrik Trassl in Immenreuth zwei Junge flügge. In Waldershof war zwar auf dem Kamin des Sägewerks August Mayer ein Paar sesshaft, das allerdings nicht für Nachwuchs sorgte, wohl weil es sich dabei um Jungvögel handelt. Alle anderen Horste, darunter die in Waldsassen, Falkenberg und Friedenfels, blieben wieder unbesetzt.

Bald weiterer Horst

Zumindest in Friedenfels ist die Erwartung da, dass dies im nächsten Jahr anders sein wird. Dort haben Naturschützer drei Jungstörche in der Hoffnung ausgesetzt, dass sie sesshaft werden und künftig im Horst auf der Brauerei mit den Schnäbel klappern. "Die Tiere sind immer noch da", freut sich der zweite Vorsitzende des Vereins Kulturlandschaft Südlicher Steinwald, Robert Mertl, der die Aktion mit begleitet hat. Zeitweise seien sogar bis zu sechs Störche gesehen worden.

Da sich die Friedenfelser Adebars meistens im Gebiet am Frauenreuther Weiher aufhielten und nur wenig Interesse am Horst auf der Brauerei zeigten, soll dort nächste Woche auf einem Masten im Weihergebiet noch ein zweiter Horst aufgestellt werden, um die Chancen einer Rückkehr zu erhöhen.

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