Serie: Hier bin ich zu Hause
Lockeres Spiel auf schwarz-weißen Tasten

Doris und Jakob Schröder sind echte "Leseratten". Das Sofa neben dem Kaminofen ist der perfekte Platz dafür.
Vermischtes
Tirschenreuth
07.01.2017
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Jakob Schröder ist ein Gartenfreund. "Wenn ich in Pension bin, werde ich Gärtner", sagt er. Vor allem Gemüse baut er in seinem Schrebergarten an. Nicht weil er etwa Vegetarier oder Veganer ist, sondern weil er wissen will, wo seine Lebensmittel herkommen. Bild: Privat
 

Jakob Schröder kam als sogenannter Russlanddeutscher in die Bundesrepublik. Das war 1973. Heute ist für den Leiter der Kreismusikschule hier sein zu Hause. Und zwar ohne Wenn und Aber.

18 Jahre jung war Jakob Schröder, als die Familie umsiedelte. Vorher lebte sie schon etwa vier Jahre in Rakvere im westlichen Estland. "Das war schon mal näher an Europa. Meine Eltern wollten schon lange weg aus Kasachstan." Dort ist dere 61-Jährige geboren und aufgewachsen. Genauer gesagt in Oktjabrsky, in der Gegend von Koustanay. Seine Vorfahren waren Deutsche, die Eltern sind in der Ukraine, beziehungsweise im Altai-Gebirge geboren.

"Sie hatten sich im Sowjetreich nie wirklich wohlgefühlt", sagt Jakob Schröder. Mit 15, so alt war er, als er mit der Familie nach Estland zog, interessierte ihn die Politik kaum. Mit 7 Jahren begann er Klavierunterricht zu nehmen, auf dem Instrument, das heute wie damals, neben seiner Ehefrau, das Wichtigste in seiner persönlichen Welt ist. "Für mich war Klavierspielen nie irgendwie nervig oder gar Arbeit. Das hat von Anfang an einfach Spaß gemacht. Das Spiel mit den Tasten ging mir dabei locker von der Hand und ich wusste früh, dass ich damit eines Tages meinen Lebensunterhalt bestreiten werde."

Westpreußisches Platt

In seiner östlichen Heimat besuchte Jakob Schröder 10 Jahre lang die Mittelschule, die beiden letzten Klassen bereits in Estland. Er wurde zwar in einer russischen Schule unterrichtet, "aber zu Hause haben wir ausschließlich Deutsch gesprochen". Die Eltern waren Mennoniten und sprachen westpreußisches Platt. "Manche sagen heute noch zu mir, dass mein Deutsch fast zu sauber ist." Russisch beherrscht Jakob Schröder selbstverständlich akzentfrei. "Das kann ich jederzeit noch relativ frei sprechen. Und auch schreiben und lesen. Denken und Träumen tue ich aber mittlerweile nur noch Deutsch."

Katharina heißt seine Schwester, die heute in Nordrhein-Westfalen wohnt. Sein Bruder Heinrich lebt in Berlin und arbeitet im Finanzministerium. Dort ist er Übersetzer und Dolmetscher, kennt und kannte die Finanzminister Wolfgang Schäuble, Theo Waigel und Hans Eichel persönlich. "Immer wenn die Behörde mit Russen zu tun hat, ist er dabei", weiß Bruder Jakob.

Offizielle Anforderung

Als die Schröders damals nach Deutschland wollten, war das nicht so einfach. Es musste erst einmal ein Verwandter eine sogenannte offizielle Anforderung einreichen, bevor ein Antrag auf Ausreise gestellt werden konnte. Die Anforderung kam von einem Onkel, der in Rott am Inn wohnte und den Bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß persönlich kannte. Beide lebten im selben Ort, beide waren überzeugte CSUler.

Der erste Antrag wurde abgelehnt, erinnert sich Jakob Schröder. Es war dem Einfluss eines hochrangigen Politikers zu verdanken, dass sich das Schicksal der Schröders zum Besseren wendete. Das war kein Geringerer als Walter Scheel in seiner damaligen Funktion als Bundesaußenminister. Dem späteren Bundespräsidenten habe jemand eine Namensliste zugespielt, auf der auch die Familie Schröder stand. Danach sei alles sehr schnell gegangen. In der alten Heimat gehörte Jakob Schröder der Jungkommunisten-Organisation an. "Eher passiv, aber wenn man studieren wollte, sollte man dabei sein. Was Abschiede bei unseren Umzügen betrifft, war ich stets recht schmerzfrei. Ich war schon immer sehr individuell und hatte wohl aus diesem Grund nur wenige Freunde."

In Deutschland angekommen ging es für die Familie erst einmal nach Waldkraiburg am Inn. "Wir lebten dort in einer Zweizimmer-Wohnung im Übergangswohnheim." Jakob Schröders Vater war Schreiner und arbeitete in einer Fabrik. Nach eineinhalb Jahren zog die Familie nach Espelkamp in Nordrhein-Westfalen.

Dort lebten verhältnismäßig viele Mennoniten aus Paraguay und Westpreußen. Jakob Schröder studierte zu der Zeit bereits an der Musikhochschule in München. "Da fällt mir noch etwas ein", lacht er und beginnt zu erzählen: "Wir wurden zu einem Sprachkurs nach Murnau geschickt. Das waren vier Monate Ferien, weil wir ja perfekt Deutsch konnten. Ich wundere mich heute noch, dass der Staat dafür Geld ausgegeben hat."

Liederbuch nach Ziffern

Musikalisch vorbelastet ist Jakob Schröder durch den Großvater. Der war Volksschullehrer und Musiker und hat 1914 ein Liederbuch mit deutschen und russischen Kirchen- und Volksliedern herausgegeben. Nach Ziffern anstatt nach Noten, weil es so für den Laien einfacher war. Jakob Schröders musikalische Laufbahn begann mit 7 Jahren. In der Schule suchte der damalige Rektor Kinder, die Klavier lernen wollten. "Er hatte extra eine Klavierlehrerin dafür engagiert, die in unser Dorf zog. Der Unterricht musste privat bezahlt werden." Obwohl der Vater nur wenig verdiente, durfte Jakob Unterricht nehmen. Bei einer Buchhalterfamilie putzte die Mutter. Und dort durfte der Sohnemann üben. Als sie wegzog, kauften die Schröders das Klavier. 530 Rubel hat es gekostet. Der Vater verdiente 60 im Monat. Die Dorfgemeinschaft legte zusammen und finanzierte den Kauf vor. Mit Raten zu fünf Rubel pro Monat wurde das Geld zurückbezahlt.

Immer leicht von der Hand

"Klavierspielen ging mir wirklich immer leicht von der Hand. Das war und ist eher Vergnügen denn Arbeit." 1978 war die Ausbildung zu Ende und Jakob Schröder staatlich geprüfter Klavierlehrer. Er schloss die viersemestrige künstlerische Reifeprüfung an, während er bereits arbeitete. In Lemgo in der Städtischen Musikschule war das.

1981 heiratete er seine Ehefrau Doris, die heute als Physiotherapeutin im Krankenhaus Tirschenreuth tätig ist. Siebeneinhalb Jahre lehrte Jakob Schröder im Internat im Schloss Salem bei Überlingen am Bodensee. Drei Kinder, Veronika, Jakob Johannes und Jonas komplettieren die Familie heute. 1987 war in der Musikzeitung die Stelle als stellvertretender Leiter der Kreismusikschule ausgeschrieben. Im April 1988 hat sie Jakob Schröder angetreten, Chef ist er dort seit 2005. Im Juni kommenden Jahres übergibt er den Stab an Tobias Böhm aus Waldsassen und geht in den Ruhestand.

Wanderurlaub angesagt

"Dann habe ich endlich genügend Zeit zum Üben", freut er sich schon jetzt. Konzerte will er dann öfters geben, vor allem in Tirschenreuth. Außerdem ist Jakob Schröder auch noch passionierter Gemüsegärtner, liest viel in Deutsch und Russisch und macht gerne Wanderurlaub mit seiner Frau. Zudem bastelt er Kartonmodelle von Kirchen und Schlössern nach Bausätzen. Für die Zukunft wünscht er sich, dass Deutschland mehr für die musikalische Ausbildung der Jugend tut. "Das Land, das in der Musik weltweit immer die Nummer Eins war, ist dabei, dieses Vermächtnis aus Kostengründen zu verspielen."

Das Land, das in der Musik weltweit immer die Nummer Eins war, ist dabei, dieses Vermächtnis aus Kostengründen zu verspielen.Jakob Schröder
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