Zinn Kraus in Tirschenreuth einer der letzten Hersteller
Die letzten "Zinnsoldaten"

Die Gravur der Stahlformen ist echte Sisyphusarbeit. Etwa 1000 Formen hat Martin Zant im Lager. Will jemand einen ganz bestimmten Becher oder Teller, den er vor 30 Jahren erstanden hat, noch einmal, ist das kein Problem. Und wer gar nichts mehr mit seinem Zinn anfangen kann, Martin Zant kauft auch an.
Wirtschaft
Tirschenreuth
06.02.2018
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Gerhard Schedl, Marion Färber und Martin Zant (von links) verkörpern aktuell die Firma Zinn Kraus. Bilder: Grüner (5)

"Mein Metall ist wieder im Kommen." Davon ist Martin Zant, Chef der Firma Zinn Kraus, überzeugt. "Retro ist in, die Möbel werden wieder dunkel, rustikal ist angesagt und damit steht einer Renaissance des Werkstoffs nichts mehr im Weg", ergänzt er optimistisch.

Aber noch ist es nicht wirklich soweit, noch muss sich der 49-Jährige, der in seinem Leben nichts anderes gemacht hat als Zinn, einiges einfallen lassen, um die Zeit bis dahin wirtschaftlich zu überbrücken. Als Mitte der 1980er-Jahre der Zinn-Boom zu Ende ging, war die Fantasie der Hersteller gefragt. Martin Zant hat sie und hat seine Zinngießerei, eine der letzten überhaupt, auf drei Beine gestellt.

Märkte in Österreich

Das ist zum einen der Werksverkauf, dann die Belieferung von Groß- und Einzelhändlern in Bayern, dem süddeutschen Raum sowie Österreich und der Schweiz. Und dann sind da noch die vielen Mittelaltermärkte, wo Zinn Kraus ein Begriff und fester Bestandteil ist. Den will der Firmenchef schon heuer in der Weise ausbauen, dass er seine Ware auch auf Märkten in Österreich und in Baden-Württemberg feil bietet. Jeder Bereich steuere etwa ein Drittel zum Ergebnis bei, sagt Zant.

Martin Zant ist quasi mit dem weichen Metall aufgewachsen. Als Enkel des Firmengründers Norbert Kraus stieg er Ende der 1980er-Jahre ein und absolvierte eine dreieinhalbjährige Lehre als Graveur. Davor war er an der FOS in Weiden im Bereich Gestaltung erfolgreich unterwegs. Zant erinnert sich gut, wenn der Opa von der Blütezeit Anfang der 1970er-Jahre bis in die Hälfte der 1980er erzählte, dass damals jeder Zinn haben wollte, weil das total "in" war.

Etwa1000 Betriebe

"Haben wir nie gemacht", antwortet Zant auf die Frage nach Zinnsoldaten oder -figuren. Wir arbeiteten im Akkord. 20 Leute standen damals in der Gießerei. Die ist heute an eine Schreinerei vermietet und anstatt Zinn wird dort jetzt Holz veredelt. Aktuell gibt es eine Werkstatt in der praktisch alle handwerklichen Dinge gemacht werden, die nötig sind, bis ein Zinnbecher oder -teller fertig ist. Heute besteht die Firma aus dem Chef, seiner Lebensgefährtin Marion Färber und seinem Mitarbeiter Gerhard Schedl. Nach dem Einbruch der Geschäfte sei es nicht einfach gewesen. Quasi über Nacht sei damals der Markt mit billiger Fabrikware überschwemmt worden. Mitarbeiter mussten entlassen werden. Nicht alle auf einmal, eher langsam, nach und nach. Um die 1000 Betriebe habe es zur Blütezeit in Deutschland gegeben. Heute seien es etwa noch 10.

Einige von ihnen haben sich im Bundesverband des Deutschen Zinngießerhandwerks mit Sitz in Nürnberg zusammengeschlossen, wo Martin Zant als Schriftführer im Vorstand agiert. Der Graveurmeister, der seinen Meistertitel als erster Bundessieger gekrönt hat, sagt nicht ohne Stolz, "von den Kunden werden wir oft als der Mercedes unter den Zinngießern bezeichnet." Ein Verdienst, das er vor allem seinem Lehrmeister Rudolf Hollmann zuschreibt. Er hat ihm gezeigt, wie man perfekte Gussformen graviert.

Das sei ein recht schwieriges Unterfangen, vor allem auch, weil Zinn Kraus mit dem sogenannten Negativverfahren arbeite. Dabei werden die Motive spiegelverkehrt in den harten Stahl graviert. "Nur damit sind feinste Details zu realisieren", erklärt Zant, der diese Technik ebenfalls perfekt beherrscht. Die beiden Söhne des Firmeninhabers werden die Gießerei nicht übernehmen, das stehe fest. "Aber wer weiß, vielleicht, wenn es gut läuft, steigt ja eines Tages ein Enkel ins Geschäft ein - und ich selber habe ja auch noch einige Jahre vor mir", schätzt Zant die Zukunft ein. Kinder seien heutzutage die neuen Zinnfans. Das stellt der Unternehmer fest, wenn er auf Märkten unterwegs ist. Da hat er einen kleinen Schmelzofen dabei und die Leute können Herzen oder Sternzeichen selber gießen. Der Renner, wie gesagt, bei den Kindern.

In dem Zusammenhang räumt Zant mit dem Vorurteil auf, dass Zinn gesundheitsschädlich sei. "Das verwechseln die Leute mit bleihaltigen Legierungen. Unser Zinn ist lebensmittelecht. Eine Legierung aus 95 Prozent Zinn, drei Prozent Antimon und zwei Prozent Kupfer. Egal ob Trinkbecher oder Teller an der Wand: Unser Zinn schadet der Gesundheit nicht und weist sogar eine leicht antiseptische Wirkung auf."

Fingerspitzengefühl

In der Werkstatt schlägt das Herz der Firma. Hier wird gegossen, gelötet, versäubert und die Stahlform graviert. Bei 232 Grad Celsius wechselt der Aggregatzustand der Zinnbarren, das einzige was Zant zukauft, von fest nach flüssig. Eine silbrige Suppe im Ofen, der die Masse auf 380 Grad Celsius weiter erhitzt. Die ideale Arbeitstemperatur, weil damit die besten Fließeigenschaften erreicht werden. Nach dem Guss werden die Teile noch in der Form mit nassen Lappen gekühlt. Das erfordert Fingerspitzengefühl, das ein "alter Hase", wie der 57-jährige Gerhard Schedl, besitzt. Bevor der gelernte Dreher das gegossene Teil an der Drehbank veredelt, schleift Marion Färber noch die scharfkantigen Grate und Ränder glatt.

GeschichteNorbert Kraus war erfolgreicher Knopffabrikant in Hohenthan. Als das Geschäft mit Zinnprodukten seinem Höhepunkt zusteuerte, entschloss er sich 1972 auch hier einzusteigen. Anfangs in separaten Räumen in seiner Knopffabrik, bevor er 1975 die Zinngießerei mit Werksverkauf am heutigen Standort am Mitterweg 11 in Tirschenreuth baute. Beide Bereiche liefen damals hervorragend und warfen fette Gewinne ab. Der heutige Inhaber Martin Zant ist ein Enkel des Firmengründers. Der erklärt: "Dass Zinn Kraus schnell zur Adresse Nummer Eins im Zinnguss wurde, ist in erster Linie auch dem Graveur Rudolf Hollmann aus Neugablonz geschuldet. Der Name des renommierten Künstlers ließ in der Branche aufhorchen. Großvater hat ihn kurzerhand abgeworben." Bis zum Jahr 2000 hat Hollmann für Zinn Kraus gearbeitet. Er hat den Großteil der Formen gemacht, die bis heute das große Kapital der Firma sind. Etwa 1000 Stück sind im Formenlager feinsäuberlich aufbewahrt. (tr)

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