30.08.2014 - 00:00 Uhr
TrabitzOberpfalz

Faurecia-Beschäftigte befürchten, dass die Entlassung von 96 Mitarbeitern der Anfang vom Ende ... In Trabitz geht die Angst um

Knapp 400 Mitarbeiter beschäftigt der Automobilzulieferer Faurecia in seinem Werk in Trabitz (Kreis Neustadt/WN) - noch. Von 96 trennt er sich dieser Tage. Bei den verbleibenden geht die Angst um, dass auch für den Standort die Tage bald gezählt sind. Der Vorwurf: Der Konzern lasse das Werk am langen Arm verhungern.

von Werner WalterProfil

Wenn Karl Boemmel von seiner beruflichen Zukunft spricht, bleibt ihm nur Galgenhumor: "Ich bin 52 Jahre und bekannt als Faurecia-Betriebsratsvorsitzender. Um mich werden sich die Arbeitgeber der Region sicher reißen." 37 Berufsjahre hat der Creußener im Industriebetrieb in Trabitz verbracht, seit er 1977 seine Lehre als Maschinenschlosser begann. Natürlich würde er die 45 Jahre gerne in Trabitz vollmachen, um dann in Rente zu gehen. "Aber glauben kann ich es nicht mehr."

Boemmel zählt sicher nicht zu den Mitarbeitern, die wohl am 28. oder 29. September die Kündigung erhalten. Als Betriebsrat genießt er Kündigungsschutz. Klar sei aber, dass es langgediente Mitarbeiter trifft. "Unser Durchschnittsalter ist hoch." Das weiß auch sein Kollege Hubert Becker: "Von den unter 50-Jährigen wird jeder Zweite gehen müssen."

Das Alter sei für viele nicht das einzige Hemmnis bei der Jobsuche. Die Mitarbeiter seien hervorragend qualifiziert. "Wenn es im Konzern eine schwierige technische Aufgabe zu erledigen gibt, geht sie nach Trabitz", sagt Becker. Aber die Fachkräfte sind auch sehr spezialisiert: "Wo soll ein Mechaniker hin, der sein Berufsleben an einem Schweißroboter stand, den es in der Region nur bei uns gibt?"

Völlig veraltet

Dass dieser Roboter völlig veraltet ist, macht es nicht leichter. Die alte Technik im Betrieb schürt die Angst, dass es mit dem gesamten Standort bald zu Ende geht. "Es gibt einen riesigen Investitionsstau im Werk", sagt Udo Fechtner von der IG Metall Amberg. 2007 habe das Unternehmen letztmals Geld investiert, als Anlangen zur Hydro-Formung nach Trabitz kamen, Maschinen die Metall mit Wasserdruck bearbeiten. "Stellen Sie sich vor, Sie müssen mit einem sieben Jahre alten Computer arbeiten." Hubert Becker sagt, dass einer seiner Einsatzplätze aus diesem Grund vor kurzem ganz verschwunden sei: "Eine Laser-Maschine mussten wir rauswerfen, weil es keine Ersatzteile mehr gibt."

Um den Standort wettbewerbsfähig zu halten, haben Mitarbeiter bereits Opfer gebracht. Mehrfach haben sie "Verträge für die Sicherung der Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit" akzeptiert. "Die Beschäftigten haben dabei auf viel Geld verzichteten, aber die versprochenen Investitionen blieben aus", erklärt Fechtner. Und Becker sagt: "Ich habe überhaupt kein Vertrauen mehr zu Faurecia." Der Standort werde langsam abgewickelt. Die Geschäftsführung verweise immer wieder auf zu hohe Lohnkosten und auf die 4,80 Euro, die ein Facharbeiter in Tschechien pro Stunde verdient. Auch bei der Produktivität liegen die Standorte in Osteuropa nicht mehr zurück. Dafür sorgen schon die neueren Maschinen, an denen die Beschäftigten dort arbeiten. Trabitz wäre nicht der erste deutsche Faurecia-Standort, der verschwindet.

Nicht ohne Einschnitte

Dementsprechend gedrückt gehe es in den Fertigungshallen zu. "Es herrscht eine Scheißstimmung", sagt Boemmel. "Die Leute sind mit den Nerven am Ende, die Angst vor Hartz IV macht die Runde." Selbst wenn diese Angst wohl übertrieben ist: "Auf Einschnitte müssen sich die meisten einstellen." Faurecia bezahlt Metall-Tarif, vergleichbare Stellen gebe es in der strukturschwachen Region kaum. "Die Leute zahlen Häuser ab oder haben Kinder in Ausbildung. Viele sehen sich bereits bei einer Leiharbeitsfirma zum halben Lohn arbeiten", meint Boemmel.

Für den Standort bringt die trübe Stimmung ein neues Problem. Wer kann, sucht das Weite. Jüngere, gut qualifizierte Beschäftigte haben sich schon neue Stellen gesucht und ihr Fachwissen mitgenommen. "Schweren Herzens", wie Boemmel versichert. "Die wären gerne geblieben, aber was bleibt ihnen übrig?"

Nicht viel übrig bleibt auch dem Unternehmen selbst. "Faurecia steht unter Erfolgsdruck", sagt Fechtner. Das Unternehmen gehört zum französischen PSA-Konzern. Die Peugeot-Mutter hat selbst Probleme und zieht Geld aus dem Tochterbetrieb. Faurecia kämpfe deshalb mit hohen Schulden. Hinzu komme der Wettbewerbsdruck und die Verhandlungsmacht der Automobilkonzerne. "Alle Autohersteller haben trotz Rekordgewinnen neue Sparprogramme angekündigt", sagt Fechtner. Gespart wird bei den eigenen Beschäftigten und den Zulieferern. Diese müssten sich Preise mehr oder weniger diktieren lassen, teilweise dafür bezahlen, damit sie bei den Ausschreibungen überhaupt ein Angebot abgeben dürfen. Den Druck reichen sie an ihre Beschäftigten weiter.

Dagegen tun können die Arbeitnehmervertreter wenig. Bei den Verhandlungen um den Sozialplan für die Entlassenen hätten sie hart verhandelt, sagt Fechtner. "Je teurer die Entlassungen, desto genauer überlegt es sich die Geschäftsführung beim nächsten Mal." Ob sich der Standort so erhalten lässt? Nicht nur Karl Boemmel kann es nicht mehr so recht glauben.

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