30.03.2018 - 17:46 Uhr
Trabitz

82-jährige Trabitzerin fertigt seit mehr als 60 Jahren Ostereier an Millimeterarbeit

Vorsichtig pikst Theresia Scharf mit ihrem Skalpell in das fingernagelgroße Gesicht aus Wachs und drückt es auf das Gänseei. Stück für Stück wächst der gute Hirte. Mit viel Geduld, Hartnäckigkeit und Fingerspitzengefühl fertigt die 82-jährige Trabitzerin seit über 60 Jahren Ostereier - dank eines Missgeschickes.

von Anne Spitaler Kontakt Profil

Erstaunlich, wie viel auf so ein kleines Ei passt. Ganze Geschichten entstehen auf der fahlen Eierschale von Hühnern, Gänsen, Wachteln und Straußen, wenn Theresia Scharf ihr Skalpell ansetzt. Der Osterhase hätte in der Wohnung der 82-Jährigen aus Gänsmühle bei Trabitz große Freude. Mit ihrem Vorrat an verzierten Eiern könnte er jahrelang Hunderte Kinder glücklich machen.

Kohlmeisen mit roten Pantoffeln und Brief im Schnabel, Palmkätzchenzweige, Schneeglöckchen oder den auferstandenen Jesus Christus hat die ehemalige Krankenschwester mühevoll auf die vielen ausgeblasenen und bunt bemalten Eier geklebt. Ihre Lieblingsstücke - vor allem biblische Motive - sind im Wohnzimmer aufgereiht. Der rustikale Eckschrank dort gleicht einem Schrein. Penibel bemalte und mit Wachs dekorierte Eier füllen das Möbel. Die hat sie immer im Blick, wenn sie sich an neue, noch weiße Eier wagt, die sie zum Teil von einem Lieferanten bekommt. "Ich setze mich solange hin, bis ich es habe, bis es mir gefällt", erzählt sie. Fehler duldet sie nicht. Passiert ihr einer, wird der sofort ausgemerzt. Der Hang zur Perfektion ist den kleinen Kunstwerken anzusehen. Sogar einzelne Federn formt Scharf für die Waldohreulen.

Gesichter am schwierigsten

Die Details gehen ihr mittlerweile schnell von der Hand. Sie weiß nach über 60 Jahren Erfahrung beim Eierbemalen, wie sie den schwarzen Wachsstreifen, der nicht dicker als eine Bleistiftmine ist, um das weiße Wachslamm auf dem Gänseei legen muss, ohne, dass er reißt oder zusammenklebt. Durch die schwarze Umrandung wirken die Figuren plastischer und sind besser zu erkennen, gerade aus der Entfernung, weiß Scharf. Zwischendurch tupft die Künstlerin ihre Finger an einem Tuch ab und macht mit ruhiger Hand weiter. "So, jetzt mach ma mal noch a Ohrwaschl", murmelt sie und dreht das Ei so um die eigene Achse, dass sie für das Lamm ein Ohr formen kann. "Gesichter sind am schwierigsten. Da muss man schon genau hinschauen, weil alles so klein ist." Rund zwei Tage braucht sie für so ein Ei. Straußeneier dauern wegen der Größe länger.

So einfach wie heute fiel Theresia Scharf das Handwerk nicht immer. Gerade bei den ersten Versuchen gab es einige Missgeschicke. "Das erste Osterei mit Wachs habe ich in Burkhardsreuth bei meiner Schwester gemacht, sie macht Osterkerzen, und ich wollte es mal auf Eiern ausprobieren", erzählt die 82-Jährige. Sie weiß noch genau, wie es aussah: "Das Ei war blau mit einem Lamm. Ich bin nachts nach Hause, habe in meine Tasche gelangt und mir gedacht: Was ist das denn?" Scharf hatte sich bei der Heimfahrt auf ihr erstes Wachsei gesetzt und es zerbrochen. "Bis 2 Uhr nachts war ich daheim gesessen und habe es noch einmal gemacht. Beim letzten Handgriff habe ich es dann wieder zerdätscht", erinnert sie sich. Ärgerlich. Der dritte Versuch am nächsten Tag klappte schließlich, und Scharf hatte Blut geleckt.

Über die Jahre verbessert sie ihre Technik immer weiter. Damit das Wachs beispielsweise nicht auf dem Tisch festklebt, legt Scharf nun Butterbrotpapier unter. Von dort bugsiert sie dann die Mini-Körperteile, die sie zuerst von Bildern auf das Wachs abpaust und ausschneidet, mit dem Skalpell zum Ei. Übriggebliebene Wachsschnipsel sammelt die Trabitzerin auf einem Haufen. "Ich schmeiße nichts weg. Das Wachs ist teuer." Die Reste kann sie immer mal wieder für abstrakte Muster brauchen. Beim Verzieren muss die 82-Jährige auch darauf achten, dass es in ihrem Wohnzimmer nicht zu warm wird. Sonst schmilzt das Material. Scheint die Sonne zur sehr ins Zimmer, spannt sie über der Couch zum Fenster hin einen großen Regenschirm auf, der die Sonnenstrahlen abfängt. Ist Scharf mit ihrem Kunstwerk zufrieden, fädelt sie mit Knochendraht eine Schnur durch das Ei, signiert es mit "RS" für "Resi Scharf" und lackiert es noch. "Eine Frau hat mir das Ei sogar mal wieder gebracht, weil ich vergessen habe, es zu signieren. Sie meinte, dass es mit Signatur mehr wert ist", erzählt die Künstlerin stolz.

Eier zerrissen

Damit die Kunden auch länger etwas von den Eiern haben, müssen diese vor dem Bemalen ausgeblasen und gewaschen werden, um sie haltbar zu machen. "Ich blase das ganze Jahr Eier aus", sagt sie. Mit dem Mund wäre dafür sehr viel Puste nötig, deshalb kam Scharf auf eine bessere Idee. Sie nimmt die Pumpe eines Blutdruckmessgerätes, damit geht es einfacher. "Zuerst habe ich es mit einem Kompressor versucht, aber da hat's die Eier zerrissen", erinnert sich die 82-Jährige.

Die ehemalige Krankenschwester fertigt Eier übrigens nicht nur für Ostern, sondern auch Glückseier mit Kleeblatt und Marienkäfer für Geburtstage, Eier mit gefrästen Löchern und goldenen Papierstreifen sowie Jahreseier für Ehepaare. "Eine Kundin ist 35 Jahre verheiratet, seit der Hochzeit hat sie jedes Jahr ein Ei mit Jahreszahl und einem anderen Motiv bekommen." Nach neuen Motiven muss Scharf schon eine Weile suchen, schließlich hat sie schon einiges ausprobiert. Heuer will sie sich aber den Habichtskauz vornehmen. Der Vogel reizt sie, weil er momentan im Steinwald ausgewildert wird.

Ich blase das ganze Jahr Eier aus.Theresia Scharf

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