Mathias Krämer entlockt ehrwürdigen Gebäuden ihre Geschichte
Neues Leben für "Seelenlose Hüllen"

Papa Markus, die Söhne Jakob und Noah, sowie Mama Katrin (von links) freuen sich schon jetzt auf den Einzug. Die Jungen wissen schon jetzt ganz genau, wo ihr Zimmer hinkommen soll.
Vermischtes
Trabitz
11.08.2017
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Zur ehemaligen Zoiglstube "Stern" in Windischeschenbach bekam Familie Schiml auch das Braurecht dazu. Ab Baubeginn dauert es laut Landesamt für Denkmalpfelge drei Jahre bis Markus und Katrin mit den Kindern in ihr persönliches Denkmal einziehen können.
 
Das Wandornament an der nordöstlichen Seite zur Neustädter Straße.

Matthias Krämer entlockt ehrwürdigen Gebäuden ihre Geschichte und konserviert sie für die Zukunft. Eine endlos scheinende Aufgabe. Der Kirchenmaler, Kunst-Restaurator und Bauforscher über Architektur, Schönheit und Charakter.

Trabitz/Windischeschenbach. Eingeschlagene Fenster, geflicktes Dach, der Putz arg verwittert bröselt von der Mauer. Viele Herren- und Gutshäuser verfallen. Dem setzt sich Matthias Krämer aus Mitterteich entgegen. "In der nördlichen Oberpfalz gibt es bei weitem mehr schützenswerte Gebäude als tatsächlich unter Denkmalschutz stehen", sagt er. Genau diesen Umstand findet er furchtbar. "Ich muss nicht nach Regensburg fahren, um Denkmäler zu sehen. Historische Gebäude und ihre Fassaden prägen die besondere Atmosphäre vieler Plätze von Kleinstädten, Märkten und Dörfern. Sie haben ihren ganz eigenen Charme. Sie zeigen uns die Wurzeln unseres Landes und unserer Kultur. Sie verleihen einer Ortschaft ihren Charakter", ist Krämer überzeugt. Knapp 1800 Baudenkmäler gibt es in der nördlichen Oberpfalz. Anhand des Heindlhofes in Trabitz und des "Schiml"-Anwesens in Windischeschenbach erklärt er, warum Denkmalschutz für unsere Region bedeutend ist und wie er die Vergangenheit für die Zukunft konserviert.

Tatort "Heindlhof"

Ganz analytisch geht Krämer an das Objekt heran. Er steht vor dem Trabitzer Gebäude und sagt: "Symmetrisch, typisch Barock." Ein weiteres Indiz ist das Wappen eines Speinsharter Abts mit der Inschrift 1765. Was heute die Vorderseite ist, ist eigentlich die Rückseite des Trabitzer Anwesens. Der ursprüngliche Zugang zum Haus fand sich im Norden. Der Bauforscher begutachtet zunächst durch Augenschein und fängt an: Mittelbau mit zwei Seitenbauten, symmetrisch. Im Kopf entwirft er Theorien. Was war als erstes da? Was kam später dazu, ist bei einem Brand zerstört worden, oder zusammengefallen? Durch Putz- oder Holzproben kann er anhand der verwendeten Techniken feststellen, wie alt das Gemäuer oder Gehölz ist. Dazu forscht der Experte auch in Archiven: nach Besitzern, Bildern und Grundbucheinträgen. Seit 1592 bestehen Stall und Landsassengut. 1752 erwirbt das Kloster Speinshart, Abt Dominikus von Lieblein, den "Rittersitz" in Trabitz. 1765 verbindet der damalige Bauherr in barocker Manier die beiden Nebengebäude zu dem, was heute als Heindlhof bekannt ist.

Dann zieht Krämer die schwere Eisentüre des ehemaligen "Memory" auf. Ein kalter Luftzug, muffiger Geruch. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Anwesen mehr und mehr umgenutzt. Neue Wände, Gewölbe platt gemacht, Türen durchgeschlagen, Fenster vergrößert. Orange gemusterte Tapeten, typisch 70er, lilafarben marmorierte Fließen, typisch 80er, zeugen vom Gast- und Wohnhaus. Ausschank, übriggebliebene Strohhalme, Geschirr und eine offene Flasche Bacardi weisen auf das Tanzlokal hin. Buntes Geschmiere an Wand und Einrichtung. Alle Überbleibsel erwecken den Eindruck, als ob dem Heindlhof die Seele geraubt wurde.

Anders sieht es in Windischeschenbach aus. Auch im "Schiml"-Anwesen finden sich Teller, Krüge, Zoiglstern, Phoenix-Nähmaschine und gerahmte Schwarz-Weiß-Bilder auf dem Dachboden. Ansonsten ist das Haus leer. Doch es hat seinen Charme. "Es ist ein besonderes Haus", sagt Krämer. "Ich nehme stark an, dass es zum Schloss gehörte." Das Gebäude war innerlich zwar wie ein bäuerliches Fachwerkhaus gebaut, aber nach außen völlig verputz, wie ein Gutshof. Nur im Giebel kam das Fachwerk zum Vorschein. "Das konnten sich im 18. Jahrhundert höchstes Steuereintreiber leisten", meint der 40-jährige Bauforscher. Im Obergeschoss muss eine Art Repräsentationsraum gewesen sein. Erbaut wurde es um 1600. Ein Brand vernichtete das Gebäude bis auf die Grundmauern. Im Fundament stieß der Bauforscher auf Münzen von 1718. Der heutige Bau besteht seit 1736, fand Krämer zum einen im Staatsarchiv in Amberg heraus, zum anderen bestätigten das seine Putz-untersuchungen.

Vor fünf Jahren kauften es Katrin (32) und Markus (38) Schiml. Der ehemaligen Zoiglstube "Stern" wollen sie wieder Leben einhauchen. "Wir wussten, auf was wir uns einlassen", sagt die Mutter von zwei Jungen. "Die Vorbesitzer pflasterten über alles drüber - so wollten mein Mann und ich nicht weiter wursteln", sagt sie. Das Ehepaar will das Braurecht des Hauses erhalten und im Erdgeschoss wieder eine Stube mit Ausschank einrichten. Im ersten Stock entstehen nach dem Umbau Wohnräume für die vierköpfige Familie. Nur ein Balkon ist nicht drin, "den gab es ursprünglich auch nicht", sagt Katrin.

"Sowas kauft sich nur ein Verrückter", sagt Krämer. Die Bauherrin kontert: "Und der holt sich einen verrückten Bauforscher dazu." Schichten von Tapeten fetzten sie von den Wänden. Viel mehr dürfen sie im Baudenkmal selbst nicht machen. Teller, Krüge, Zoiglstern, Phoenix-Nähmaschine und gerahmte Schwarz-Weiß-Bilder finden sich auf dem Dachboden. "Das Haus wird wunderschön", sind sich die Schimls einig, auch wenn sie Geduld beweisen müssen. Nach fünf Jahren Wartezeit stimmte das Landesamt für Denkmalpflege einem verfrühten Baubeginn nicht zu. "Nur der Stempel auf den vollständigen Unterlagen fehlt, sagten sie am Telefon", meint Katrin geknickt. "Aber wir haben Zeit und ein Dach über dem Kopf, eigentlich läuft nichts davon", meint auch ihr Mann Markus.

Wenn Gemäuer erzählen

In der nördlichen Oberpfalz hat Krämer mit seiner Expertise als Kirchenmaler, Bauforscher und Kunst-Restaurator ein Monopol. "Den nächsten gibt's erst wieder in Regensburg." Dort sitzt auch Raimund Karl, Gebietsreferent des bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Von ihm erhält Krämer teils seine Aufträge. Als Kirchenmaler und Kunst-Restaurator kennt sich Krämer auch gut mit Kunsthistorik aus. Das bringt ihm nicht immer was: "In der ländlichen Region sind andere Materialien verwendet worden, oder die Trends erst später angekommen. Bautechnisch liegt die nördliche Oberpfalz Jahrzehnte hinter Regensburg." Einiges kennt er nur aus Erfahrung, weil er schon in so vielen ähnlichen Häusern tätig war.

"Faszinierend, wie solche Gebäude die Jahrhunderte überdauern. Könnte das Anwesen sprechen - es hätte viel zu erzählen", ist Krämer bei den Baustellen beeindruckt. Die Gebäude sprechen zum Bauforscher. Er entlockt dem Gemäuer seine Geschichte. Krämers Beruf ist eine Gratwanderung: Zum einen möchte er das, was schützenswert ist, konservieren und restaurieren. Verloren Geglaubtes retten. Zum anderen sollen die Gebäude auch in der Moderne ankommen. "Instandsetzten", sagt der Fachmann, "nicht wild, sehr behutsam."

"In meinem Bericht beschreibe ich, was bleiben muss und was verändert werden darf", erklärt er. Mit den Voruntersuchungen planen Besitzer oder Gemeinde dann die Sanierung. Für den Befundbericht braucht Krämer pro Objekt etwa 40 Stunden. Im Heindlhof entdeckte er wertvolles Fachwerk und hervorgehobene Sandstein-Säulen an den äußeren Ecken und vermauerte Flügeltüren. "Besonderes Augenmerk aus denkmalpflegerischer Sicht muss auf das Obergeschoss gelegt werden", sagt der Experte zum Trabitzer Hof.

Im ehemaligen "noblen Repräsentationszimmer" im ersten Stockwerk verdeckt heute eine Holzverkleidung, mit beige-bordeaux gemustertem Teppich bezogen, eine Stuckdecke. Sie war reich "polychrom" gestaltet - mit vielen Farben bemalt. Auch bunte Wandverzierungen von 1905 scheinen verloren. Aus Keller und Dachboden rettete Krämer Relikte alter Zeit. Eine Wehrmachtsjacke zwischen Bodendielen und ein 100 Jahre altes Fenster. In jetzigem Zustand kann sich ein Laie kaum vorstellen, wie erhaben der Gutshof gewesen sein muss. "Ich freue mich darauf, zu sehen wie dem Gebäude neues Leben eingehaucht wird, wie es fertig aussieht," sagt Krämer, wohlwissend dass vor ihm noch viel Arbeit liegt. "Ich kann es mir genau vorstellen."
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