02.08.2017 - 14:44 Uhr
UrsensollenOberpfalz

Vertreter von Wirtschaft, Kirche, Politik und Bildung diskutieren Europa eine Herzenssache

Von Brexit bis zur Flüchtlingspolitik: Es gibt derzeit viele Ansätze, sich mit der europäischen Politik auseinanderzusetzten. Vertreter von Wirtschaft, Kirche, Politik und Bildung taten dies im Kubus in Ursensollen. Und machten Europa dort zu einer Herzensangelegenheit.

Die Podiumsteilnehmer (von links): Die Europaabgeordneten Albert Deß und Ismail Ertug, Georg Baumann (Baumann GmbH), Hinrich Cordts (BoConcept), Peter Beer (Bauernverband), Peter Welnhofer (Gregor-Mendel-Gymnasium), Bischofsvikar i. R. Georg Härteis (Bistum Eichstätt) sowie die Regionaldekane Karlhermann Schötz (Sulzbach-Rosenberg) und Ludwig Gradl (Amberg-Schwandorf). Bilder: brü (2)
von Andreas Brückmann (brü)Profil

Auch die Zukunft des aus 28 Staaten vereinten Europas war ein Thema im Kultur- und Begegnungszentrum (Kubus). Unter dem Motto "EU: Ein Segen für Europa und die Welt?" erläuterten Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Bildung ihre Sicht der Europäischen Union. Dazu eingeladen hatten Ursensollens Bürgermeister Franz Mädle,  Johan Bauer,  Geschäftsführer der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB), und Siegfried Kratzer,  Vorsitzender des Evangelischen Bildungswerks (EBW).

Noch nicht in den Köpfen

Gut 80 Gäste waren gekommen, um sich die Meinungen der Podiumsteilnehmer anzuhören - aber auch, um ihnen Fragen zu stellen. Mädler war sich dabei bereits zur Eröffnung des Abends sicher: "Sie werden das Kubus mit einer positiveren Meinung zu Europa verlassen, als die, mit der Sie heute hierher gekommen sind." Dies griff Ismail Ertug gleich auf: "In vielen Köpfen ist Europa noch nicht angekommen", findet der Amberger Europaabgeordnete (SPD).

Zusammen mit seinem Kollegen Albert Deß (CSU) aus Neumarkt gab er einen umfassenden Einblick in die aktuelle Politik und Arbeitsweise des Europäischen Parlaments in Straßburg.

Große Podium

Mit den beiden Politikern waren die kirchlichen Vertreter Bischofsvikar i. R. Georg Härteis, der katholische Regionaldekan Ludwig Gradl (Amberg-Schwandorf) sowie der evangelische Regionaldekan Karlhermann Schötz (Sulzbach-Rosenberg) gekommen. Die wirtschaftlichen Vorteile und Herausforderung der EU thematisierten Dr.-Ing. Georg Baumann, Geschäftsführer der Baumann GmbH, sowie Hinrich Cordts, European Business Development Director der dänischen Firma BoConcept.

Für die Landwirtschaft sprach Peter Beer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes für den Landkreis Amberg-Sulzbach, die schulischen Belange behandelte Oberstudiendirektor Peter Welnhofer, Direktor des Gregor-Mendel-Gymnasiums Amberg. Letzteres arbeitet mit sechs Partnerschulen in Europa zusammen.

Kämpfen lohnt sich

Gut 90 Minuten referierten die Podiumsteilnehmer über ihre Arbeit, Vor- aber auch Nachteile des vereinten Europas. Ein Europa, für das es sich zu kämpfen lohnt: Das war die einstimmige Meinung in einer Video-Umfrage, die Pater Alfred Lindner vom Kloster Ensdorf präsentierte. Vor allem Schüler und junge Leute aus der Region gaben darin zwei Statements ab, die auch den Podiumsteilnehmern besonders am Herzen lagen: "Europa ist eine Herzensangelegenheit - und 70 Jahre ohne Krieg. Dafür lohnt es sich, zu kämpfen."

Viel Diskussionsstoff

Teils kämpferisch zeigte sich auch das Publikum in der anschließenden Diskussionsrunde, moderiert von Manfred Lehner (Volkshochschule Amberg-Sulzbach). So ging es unter anderem um das Verbot von Glyphosat, konkrete Möglichkeiten, entschiedener gegen den Neonationalismus vorzugehen, aber auch um die Frage, ob eine Betreuung für Ein- bis Dreijährige in Kindertagesstätten ein familienfreundlicher Weg ist.

Für die Vertreter des Zentrums für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit (ZEN) Ensdorf bestand nach vielen "interessante Beiträgen" noch Redebedarf: "Eines macht aber traurig. Von diesen neun Statements, die hier abgegeben wurden, hat keiner den Aspekt Ökologie genannt. Aus Ökonomie, Politik, Kirche und auch aus der Landwirtschaft kam der Aspekt leider nicht." Ihn doch noch aufzugreifen, war dann aber nicht mehr möglich - der Abend war zu diesem Zeitpunkt bereits weit vorangeschritten.

Europa mitten im Ort

Die abschließenden Worte fand Ursensollens Bürgermeister Franz Mädler: "Europa ist uns in der Gemeinde Ursensollen näher als wir denken." Schließlich seien Projekte der Städtebauförderung, der Dorferneuerung und auch der angestrebte Bau des Planetariums in Ursensollen mit EU-Mitteln in einem hohen sechsstelligen Bereich bezuschusst worden.

Im Blickpunkt

Helmut Graf, Landkreisvorsitzender des Bunds Deutscher Milchviehhalter (BDM), kritisierte im Kubus die Politik der EU: "Wir haben drei große Milchkrisen hinter uns, wobei uns die letzte im Jahr 2015/2016 besonders hart getroffen, sechs Milliarden Euro gekostet hat. Hier wurde propagiert: Wir helfen den Bauern mit 500 Millionen Euro Subvention. Und im Prinzip war das nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Für den BDM gibt es nach Grafs Worten ein gemeinsames europäisches Konzept, in dem gefordert wurde, in den Markt einzugreifen, wenn dort ein Problem entsteht. "Dies wird seitens der EU bis heute nicht angewandt. Warum?" wollte er wissen. Die Antwort des Europaabgeordneten Ismail Ertug: "Ich kann Ihre Frage ganz einfach beantworten: Es gab hierfür einfach keine Mehrheit." (brü)

"Europa ist ein Segen, ..."

Diesen Satzbeginn gab VHS-Leiter Manfred Lehner zum Abschluss allen Podiumsteilnehmern vor - mit der Bitte um Vervollständigung:

Albert Dess: "... weil wir seit über 70 Jahren hier in Frieden leben dürfen und uns die ganze Welt um diesen Zusammenschluss beneidet." Ismail Ertug: "... weil es das beste zivilisatorische Projekt der letzten 200 bis 300 Jahre ist." Georg Baumann: "... weil es ein Herzens- und ein Friedensprojekt, nicht nur von mir, sondern von vielen ist." Hinrich Cordts: "... weil es eine Bastion für Werte darstellt, die gerade im Rest der Welt nach meinem Eindruck erodieren." Peter Beer: "... wenn es weiterhin friedlich und gemeinschaftlich weiterarbeitet." Peter Welnhofer: "Ich glaube, Europa kann ein Segen werden, wenn es gelingt, Heimatverbundenheit und Weltoffenheit zusammenzuführen." Georg Härteis: "... weil ich an ein Bild von de Gaulle und Adenauer aus dem Jahr 1962 in der Kathedrale Reims denke, getreu dem Motto: Das Europa der Vaterländer."Karlhermann Schötz: "...weil wir alle davon profitieren. Ein Friedensprojekt, das weitergeführt werden muss - und wenn Europa die Flüchtlingssituation meistern kann, dann haben wir alle gewonnen." Ludwig Gradl: "... weil wir hier die Religion frei ausüben, leben und gut mit allen Gruppen im Dialog sein dürfen."

Europa ist eine Herzensangelegenheit - und 70 Jahre ohne Krieg. Dafür lohnt es sich, zu kämpfen.Meinung Jugendlicher in einer Video-Umfrage

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