Die in Kotzheim lebende Familie Dorr hält eine Herde von vier Eseln
Von wegen nur ein Krippen-Statist

Simons Karotte ist eseltypisch begehrt. Dennoch bedrängen die Tiere den Dreijährigen nicht wirklich. Für seine Mutter Carola Dorr ist das ein Beweis für den rücksichtsvollen Charakter der Herdentiere. Auch die Schäferhündin Nenci lebt völlig problemlos unter ihnen. Bild: Hartl
Vermischtes
Ursensollen
24.12.2016
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Bild: Hartl

Dumm, störrisch, faul - aber sooo lieb. Esel haben ein Imageproblem. Völlig zu unrecht, sagt Carola Dorr, die eigentlich als Pferde-Liebhaberin groß geworden ist. Nach ein bisschen Stress als Streicheltier und lebende Kulisse von zwei Weihnachtsmärkten, ist bei ihrer vierköpfigen Esel-Herde wieder Alltag eingekehrt. Jetzt können die Tiere ihr eigentliches Wesen aufs Neue in vollen Zügen genießen: Ruhe, stoische Ruhe.

Die attestiert die Realschullehrerin den Eseln, die sie im Blick hat, wenn sie aus dem Fenster ihrer offenen Wohnküche hinausschaut. Das Einfamilienhaus steht am Ortsrand des nur wenige Anwesen zählenden Dorfes Kotzheim, das zu Ursensollen gehört. Am vierten Advent waren die beiden Eselinnen Sarah und Sina - übrigens Mutter und Tochter - auf der Sorghofer Waldweihnacht. Krippen-Atmosphäre zum Anfassen, besser Streicheln.

"Sie haben das hervorragend gepackt", sagt Dorr und ist stolz auf die beiden Tiere: eine der größten vorweihnachtlichen Veranstaltungen in der Region mit vielleicht 2000 dicht gedrängten Besuchern, reichlich Blasmusik samt sonstiger Geräuschkulisse, und dann der plötzliche Run von Kindern auf die Esel. Mit einem Pferd sei das nicht zu machen, das werde viel zu nervös, weiß die Frau, deren Liebhaberei zuvor eigentlich eher dieser vermeintlich edleren Tierart galt. Bis ihr Ehemann mit der trächtigen, aus Rumänien stammenden Eselstute Sarah im Viehanhänger vorfuhr. Bald waren es deshalb zwei Esel. Eine Zeit lang sogar acht, jetzt hat sich die Herde bei vier eingependelt.

Carola Dorr macht nicht viel Umstände. Einen Esel allein zu halten, das sei garantiert zum Scheitern verurteilt. Der schreie sich die Seele aus dem Leib, weil er als Herdentier Gesellschaft brauche. Völlig problemlos lebt beispielsweise seit Jahren die Schäferhündin Nenci mit in der Koppel gleich neben dem Wohnhaus. Solche Charakterzüge hat Dorr an den Eseln, die als größte Selbstverständlichkeit zum Alltag der vierköpfigen Familie gehören, schätzen gelernt.

"Pferde sind Fluchttiere, Esel wägen ab. Das wird ihnen fälschlicherweise oft als Sturheit ausgelegt", beschreibt die Mutter von Lukas (6) und Simon (3) ihre Erfahrungen und wird nicht ansatzweise nervös, wenn ihre beiden Söhne in der Koppel von den Tieren bedrängt werden, weil sie für einen Fototermin obligatorische Karotten mitgebracht haben. "Die nehmen halt Rücksicht", sagt Dorr und meint die Esel, weniger ihre Kinder.

Deshalb schreibt die Pädagogin diesen Einhufern allgemein und ihrer Herde im Besonderen Eigenschaften von didaktischem bis therapeutischen Wert zu. Etwa, um bei Kindern nachvollziebare Angst vor für sie so viel größere Tiere abbauen zu können. Dorr ist in diesem Punkt sehr offen und bietet sich als Ansprechpartnerin (carola.dorr@freenet.de) an. Auch Pony-Kutschenfahrten hätten sie mit eingespannten Eseln schon unternommen.

Außerdem hat die ganze Familie samt Herde einen festen Termin im Kalender: Das Esel-Rennen in Hersbruck, das jeweils am ersten Augustwochenende ausgetragen wird. Da sind dann alle auf den Beinen und noch ein paar mehr. Denn ein startendes Team braucht vier Eseltreiber pro Tier, da dieser Gaudiwettbewerb wie ein Staffellauf nach dem K.o.-System ausgetragen wird. Wer Interesse hat, kann sich auch dafür bei der Kotzheimer Familie melden.

Viel SymbolikEsel zählen mit zu den ältesten domestizierten Haustierarten. In Mittel- und Nordeuropa ist die aus Afrika stammende Art nicht heimisch. In kargen, trockenen und heißen südeuropäischen Regionen hingenen schon.

Hiesige Klischeevorstellungen dürften hauptsächlich auf biblische Darstellungen zurückgehen. Ein Esel taucht an der Krippe Jesu in Bethlehem auf, und Jesus zog auf einem Esel reitend in Jerusalem ein. Theologisch ausgerichtete Interpretation gehen von einer bewusst gewählten Symbolik aus. Vor rund 2000 Jahren galten diese Einhufer als unrein, ihr Fleisch durfte nicht verzehrt werden. Das christliche Weltbild, so eine gängige Deutung, definiert jedoch einen allumfassenden Schöpfungsbegriff, der zwischen reinen und unreinen Tieren nicht unterscheidet. Deshalb auch Ochs und Esel an der Krippe von Bethlehem.

Esel haben vereinzelt Einzug in deutsche Sagen und Märchen gefunden. Beispielsweise bei den "Bremer Stadtmusikanten" oder "Tischlein, deck dich!". Weshalb im hiesigen Kulturkreis Esel meist als dumm, störrisch und faul dargestellt werden, muss offen bleiben. Diverse Schimpfwörter und Hänseleien ("Palmesel") behalten diese Sichtweise bei, oft jedoch mit einem sympathischen Unterton ("Eselei"). (zm)


Esel wägen ab. Das wird ihnen fälschlicherweise oft als Sturheit ausgelegt.Carola Dorr
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