Kultur und Humor zum Jahresende
Stadtführung mit Tschung

Vogelturm, Christbaum, Marktplatz-Brunnen und mittendrin Nachtwächter Tschung mit seiner 74-köpfigen Gästeschar: Zum Jahresende zog die Gruppe durch Vilseck. Bilder: rha (2)
Kultur
Vilseck
02.01.2017
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Am Ende des Jahres ist es in Vilseck Tradition, dass der Nachtwächter mit Hellebarde und Laterne seine Runde dreht. Diesmal wurde er von 74 Zuhörern begleitet.

"Hom alle zohlt? Naou kann i hamgöih", rief Josef Eierer, alias Tschung, zu Beginn. Er war aber doch froh, dass er so viele Besucher begrüßen konnte. Es wäre ihm ja gar nicht recht gewesen, wenn er sein Wissen nicht an den Mann beziehungsweise die Frau hätte bringen können. Bei Minusgraden lauschten auch Kinder gut eingepackt seinen humorvollen Ausführungen.

"Bis 1007 reicht die Geschichte zurück, als Vilseck zu Bamberg kam und 1331 zur Stadt erhoben wurde", führte Tschung aus. "Mit einer 948 Meter langen Stadtmauer und vier Toren umgeben, konnten sich die Bewohner einigermaßen sicher fühlen. Jedoch vor Bränden war man nie gefeit, denn die Häuser waren größtenteils aus Holz. Der Nachtwächter, der sieben Mal nachts durch die Straßen ging, hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen und zu jeder vollen Stunde die Zeit anzusagen."

Am Wünnenberg-Haus erzählte Tschung von Lola Montez, der Mätresse König Ludwigs I., die mit ihrem Begleiter Elias Peißner aus München fliehen musste. Peißner, Sohn des damaligen Vilsecker Turmwächters, logierte mit ihr einige Tage in dem schmucken Haus am Marktplatz und wanderte dann mit Lola in die USA aus. Die hier stationierten Amerikaner seien so begeistert vom Wünnenberghaus, berichtete Tschung, dass sie es am liebsten abreißen und mit in ihre Heimat nehmen würden.

Am Brunnen, wo sich alle um den Stein gruppierten, ließ der Nachtwächter, gewürzt mit Pointen, die Sage vom Teufelstein einfließen. Beim Pflegschloss in der Herrengasse berichtete er von Stolpersteinen und Spionen. Durch das Weihertor, durch das einst die Goldene Straße führte, gelangte man in den neu gestalteten Turmgarten, wo Bürgermeister Hans-Martin Schertl gleich Werbung für den Besuch der nahen Vilsauen machte.

Im Schlosshof der Burg Dagestein sprach Eierer in Gedichtform über die Namensfindung des Bergfrieds und über die damalige Politprominenz. In seiner unnachahmlichen Art streute er so manche Anekdote ein und erwärmte die fröstelnde Schar. Von der Pieta und dem Bürgerspital ging es über das Houdergassl zur Breiten Gasse. Am Schwarzen Tor erzählte der illustre Gästeführer von der Pestzeit, und im Zwingerfriedhof wusste er über eine makabre Begebenheit mit einem Scheintoten zu berichten.

Nun wurde es aber Zeit für einen Schluck aus einem kleinen Fläschchen. Den gab es am Wohnhaus von Josef Eierer, wo Gattin Anna Margaretha bereits auf die Gruppe wartete und Süßes und Flüssiges bereithielt. Ein letztes Mal machte sich die Gruppe auf den Weg und erreichte über das Träumergässchen die Grabenstraße und den Vogelturm. Hier verabschiedete sich der Nachtwächter mit dem Neujahrsspruch. Am 3. Januar wird Josef Eierer seinen 83. Geburtstag feiern.
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