Nachtwächter Tschung erzählt vom Leichenbitten
Der Tod war lebensnotwendig

Nachtwächter Tschung hat als Bub Sachen erlebt, von denen Kinder heute nicht zu träumen wagen: Josef Eierer erzählt von seinem Vater und Großvater, die in Vilseck jahrzehntelang als Totengräber arbeiteten.
Vermischtes
Vilseck
17.11.2017
1987
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Während der Inflation 1923 war eine Totengräber-Rechnung besonders hoch. Großvater Johann Eierer stellte 11 300 Reichsmark in Rechnung.
 
Allerheiligen auf dem Vilsecker Friedhof vor mehr als 60 Jahren. Bilder und Repros: Hasenstab (3)

Den Nachtwächter Tschung kennt in Vilseck jedes Kind. Von Haus zu Haus ziehen und Sprüche aufsagen - das liegt ihm und seiner Familie im Blut. Tschungs Großvater und Vater waren Totengräber und als solche mindestens ebenso viel unterwegs und genauso bekannt.

"Mein Großvater Johann Eierer war 42 Jahre lang Totengräber in Vilseck", erzählt Josef Eierer (83), besser bekannt als Nachtwächter Tschung. "Danach ging die Tätigkeit nahtlos auf meinen Vater Josef über, der leider schon 1951 im Alter von 50 Jahren starb." Tschung berichtet, wie er als Kind schon in das Bestatterwesen mit einbezogen wurde und dass ihm das Ganze manchmal richtig unheimlich vorkam. Der Beruf des Totengräbers hatte einen faden Beigeschmack, doch war der Nebenverdienst für die fünfköpfige Familie lebensnotwendig.

War ein Sterbefall eingetreten, hatte Tschung im Auftrag seines Vaters die "Leichbeter" zwecks dem Leichbitten zu verständigen. Seine Mutter Elisabeth war für Ebersbach zuständig, "die Steger Nandl für Schlicht, Herr Donhauser für Vilseck, Frau Schöner für Axtheid und Frau Ziegler für Gressenwöhr und Umgebung". Beim Leichbitten wurden die Bewohner eines jeden Hauses mit einem Spruch zur Beerdigung eingeladen. Der Aufruf lautete dann zum Beispiel so: "D'Frau Huber schickt mi her, Sie soll'n ihr'm Ma am Micher um zehne in d'Leich göih und a poar Vaterunser bet'n!"

Ein Ei als Belohnung

Dafür gab es dann für die Leichbeter manchmal entweder ein Ei, ein Stück Butter, einen Ranken Brot, etwas Fallobst oder etwas Stroh, das gerade die Familie Eierer zum Einstreuen für ihre einzige Kuh und die zwei Schweine gut gebrauchen konnte. "Wenn es Stroh gab", fügt Josef hinzu, "musste ich das dann am andern Tag mit dem Handwagen abholen."

"Wenn der Verstorbene mit dem Bauern verwandt war, wurde extra eingeladen", erzählt er. Dann hieß es: "D'Frau Müller schickt mi extra her ..." Oft fiel die Antwort dann aber nicht so freundlich aus. "Wos, dou waar'n ma af oimal verwandt?", hieß es dann mitunter. Denn beim Extra-Leichbitten sollte man auch etwas mehr an den Leichbeter spenden, etwa eine Wurst von der Schlachtschüssel.

In den Sarg gestiegen

Der Totengräber hatte dann auch die Leichenträger zu informieren. Das musste der kleine Josef ebenfalls übernehmen. Er ging zum Ziegler, Kugler, Schöner, Geier, Donhauser und Hirmer. Die Särge in Vilseck fertigte alle der Gnan-Schreiner. Dort musste Josef den bestellten Sarg abholen und mit seinem Handwagen zum Sterbehaus bringen. In die Dörfer wurden die Särge vom "Houder Kare" mit dem Pferdefuhrwerk transportiert, und Josef war natürlich als Begleiter dabei. Einmal begann es unterwegs zu regnen und Josef legte sich zu einer Art Mutprobe in den leeren Sarg. Der Kare machte den Deckel drauf. Aber Josef gefiel es nicht in dem ungewöhnlichen Unterschlupf, er nahm doch lieber das Wasser von oben in Kauf.

Die Toten wurden daheim eingesargt und im Hausgang aufgebahrt. Sie starben ja auch zu Hause, denn es gab noch keine Krankenhäuser. Zuvor aber musste der Ruppert-Boder die Leichenschau halten. Dabei schnitt er dem Verstorbenen in die Ferse. Tschung: "Wenn er dou koin Zucker dou hout, woar er wirklich dout!" Mutter Eierer hatte für die Sargwäsche zu sorgen, die meistens mehr aus Papier als aus Stoff war, je nach Vermögenslage.

Bei einem Vilsecker fand die Aussegnung durch den Pfarrer im Haus des Verstorbenen statt. Ehe aber die Leichenträger mit dem Sarg das Haus verließen, hatten sie noch eine Zeremonie zu vollziehen. Der Tote sollte im Sarg liegend noch einmal in jedes Zimmer und jede Kammer schauen. So wurde er über jeder Türschwelle, mit dem Kopf voran, dreimal auf und nieder gesenkt und dabei ein Kreuzzeichen angedeutet. Vater Eierer gab dazu die Kommandos: Auf mit'm Bauern! Nieder mit'm Bauern! "Einmal hat sich der Vater verzählt", schmunzelt Tschung "und den Sarg öfter auf und nieder heben lassen. Er hatte nämlich schon ein Bier und einen Schnaps bekommen. Und da meinte der Leichenträger Kugler: 'Sepp, öitz langt's! Furt mit'm Bauern!'" Auch wurden die Hühner, Tauben und der Hund beim Verlassen des Hofes von den Kindern oder der Magd aufgescheucht, damit auch diese Abschied nehmen konnten. Die Toten aus Ebersbach wurden mit dem Pferdefuhrwerk nach Vilseck gebracht und beim Weiß (Goumer) ausgesegnet, die Gressenwöhrer beim Schwandner in der Froschau und die Toten aus Sorghof und den ehemaligen Truppenübungsplatzdörfern am Propst-Eck. Diese wurden danach gleich ins Leichenhaus gebracht.

Bub auf Seziertisch

Die Hauptaufgabe des Totengräbers war jedoch, das Grab auszuschaufeln. Da es noch keine Bagger gab, war viel Muskelkraft nötig. Im Winter war diese Arbeit besonders schwierig - und gefährlich. Im Zwingerfriedhof waren die Bretter, die das ausgehobene Erdreich bedeckten, einmal von Blitz-Eis überzogen. Darauf ist der Leichenträger Kugler ausgerutscht und ins Grab gefallen. Und der Sarg mit dem Toten rutschte hinterher. Zum Glück konnte Herr Kugler den Sarg so weit von unten anheben, dass er wieder aus der Grube steigen konnte. Das war natürlich für längere Zeit Wirtshausgespräch Nummer eins. Und immer wieder konnte man hören: "Der Kugler woar schneller drin als wöi der Daoute!"

Während des Zweiten Weltkriegs musste der Vater von Josef Eierer auch öfter mal Nachtwache im Leichenhaus halten, und der Sohn war dabei. Die Mutter wollte ihren Mann wegen seines schlimmen Asthmas nicht allein dort wissen. Auch in die Sezierkammer warf Tschung einmal einen verbotenen Blick, als ein ertrunkener Bub obduziert wurde. Diesen Anblick hat er bis heute nicht vergessen. Einige Beerdigungen fanden damals bereits um 5 Uhr morgens statt, damit es für Tiefflieger nichts zu sehen gab.

War eine große Leich', dann ging auch die Musik mit, die selbstverständlich zum anschließenden Leichtrunk eingeladen war. Und wenn der Alkohol seine Wirkung entfaltet hatte, wurde aus traurigen Weisen bisweilen lustige Musik. Schließlich musste das Leben wieder weitergehen, und es ging weiter. Und das ist bis heute so geblieben.

Wenn er dou koin Zucker dou hout, woar er wirklich dout!Josef Eierer über die Leichenschau in früheren Zeiten. Der "Boder" schnitt dem Verstorbenen dabei in die Ferse.
1 Kommentar
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Heinz Rahm aus Weigendorf | 18.11.2017 | 22:26  
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