Der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf als Buchautor
Mit Zuwendung Angst vor dem Tod nehmen

"Auch der Tod braucht etwa Besseres, nämlich Menschen, die sich am Lebensende auf ihn einstellen und ihren Abschied leben lernen", sagt Henning Scherf. Der frühere Bremer Bürgermeister (1995 bis 2005) begrüßte übrigens jeden Zuhörer mit Handschlag und wünschte ihm ein gutes neues Jahr. Bild: cf
Kultur
Vohenstrauß
13.01.2017
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Früher - die Älteren erinnern sich - gehörte der Tod zum Leben. Die Familienmitglieder versammelten sich, um bewusst vom Sterbenden Abschied zu nehmen. Heute geschieht das Sterben meist anonym. Es wird gesellschaftlich weggedrückt. Für einen offenen Umgang mit dem Tod - der wohl einzigen irdischen Gerechtigkeit - wirbt Bremens früherer Bürgermeister Henning Scherf (79). Gemeinsam mit der Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil (78) verfasste er das Buch "Das letzte Tabu".

Weniger als Lesung, sondern als Dialog mit den Zuhörern gestaltet Scherf den Abend in der Buchhandlung Rupprecht. Draußen tobt sich der kalte Oberpfälzer Winter mit heftigem Schneefall aus, drinnen findet Gastgeberin Maria Rupprecht wohltemperierte Worte für den Mann, "der sich für das Leben interessiert - und mit dem Sterben beschäftigt", sozusagen den "Tod ins Leben zurückholt". Unprätentiös, sympathisch und verbindlich erzählt der Mitbegründer der Hospizbewegung und begeisterte Chorsänger ("Singen tut sogar Alzheimer-Patienten gut") aus seinen persönlichen Erfahrungen. Scherf empfindet sein Buch als "Hilfe, aus der Sprachlosigkeit über den Tod rauszukommen". Er pflegt seit Jahrzehnten eine Art Alters-WG mitten in der Bremer Innenstadt: "Wir sind keine einsame Insel, sondern offen für viele Gäste."

Wie eine große Familie verabschiedet die WG (samt Kindern und Enkeln) den kürzlich verstorbenen Freund und Mitbewohner Hanns Keßler, einen katholischen Priester. Die Jugend sucht das Gespräch mit den Erwachsenen über den Tod. Über das Gespräch will Scherf die Erinnerung an den "Lebensschatz" der Verstorbenen lebendig halten. Der in hohem Maß sozial und musisch engagierte SPD-Politiker sieht in konventionellen Altenheimen "auf Dauer keine gute Lösung": Ohne integrierte Angebote wie Wohnungen für junge Familien oder Kindergärten dürfe es keine Alten-Einrichtungen mehr geben. "Raus aus der Isolation, hin zur gesellschaftlichen Einbeziehung der älteren Menschen in ihrer vertrauten Umgebung", fordert Scherf, um eine soziale "Katastrophe" abzuwenden.

In der Revitalisierung der vielen Leerstände erkennt Henning Scherf ein zentrales Thema der Kommunalpolitik. Er plädiert auch dafür, Friedhöfe als öffentlichen Begegnungsraum so zu gestalten, "dass man sich dort gerne aufhält."

Diese Einsichten sind nicht neu und revolutionär. Doch Scherf verficht sie mit glühender Herzenswärme und lebensbejahender Inspiration. Die Zuhörer sehen es dem Bremer nach, dass er in der Erinnerung die Oberpfalz und Niederbayern geografisch vermengt. Sein persönliches Beispiel der menschlichen Zuwendung macht zumindest Mut.
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