09.07.2017 - 20:00 Uhr
VohenstraußOberpfalz

"Elling"-Premiere beim Landestheater Leben leben lernen

Angst, so sagen Psychologen, gehört zur Grundausstattung des Menschen und erfüllt wichtige Funktionen bei der Lebensbewältigung. Wenn sie aber überhand nimmt wie bei Elling und Kjell Bjarne, zwei jungen Norwegern, die nach zwei Jahren Psychiatrie in einer gemeinsamen Wohnung in Oslo den Alltag erproben sollen, wird es schwierig. Das LTO erzählt in einer spannenden Inszenierung, ob es die beiden schaffen.

Für Elling (Florian Weber, links) und Kjell (Bernhard Neumann) sind die alltäglichen Probleme, mit denen sie nach der Entlassung aus der psychiatrischen Klinik konfrontiert werden, eine echte Herausforderung. Bild: Landestheater Oberpfalz
von Rudolf BarroisProfil

Ingvar Ambjornsen hat aus der Geschichte einen Roman gemacht, der als Bühnenstück (und Film) mehrfach preisgekrönt wurde. Am Freitagabend hatte das Schauspiel beim Landestheater Oberpfalz (LTO) in der Friedrichsburg in Vohenstrauß Premiere. Katharina Stark führt Regie und begeistert mit erstklassigen Darstellern ihr Publikum. Zwei Jahre haben Elling und sein Zimmergenosse Kjell Bjarne in der Psychiatrie verbracht. Sie werden gemeinsam entlassen und sollen nun in einem norwegischen Resozialisierungsprogramms in einer gemeinsamen Wohnung Alltag erproben. Hilfreich zur Seite gestellt ist ihnen der Sozialarbeiter Frank Asli. Den sehr unterschiedlichen Männern, beide schon um die 40 Jahre alt, fallen die Integration und das Erlernen auch der einfachsten Dinge schwer. Das Läuten des Telefons löst Panik aus.

Mit Frauen keine Erfahrung

Eine komplizierte Trainingsstunde mit dem geschickten und geduldigen Frank Asli ist angesagt. Und so muss jeder Schritt hinaus ins wirkliche Leben geübt werden: Das Einkaufen, das Ausgehen. Ein Restaurantbesuch wird zur Beinahekatastrophe, weil Kjell ein bestimmtes Bericht nicht auf der Karte findet.

Als Kjell die hochschwangere Nachbarin Reidun im Treppenhaus entdeckt, fühlt er sich auch für sie verantwortlich, verliebt sich in sie obwohl er mit Frauen keine Erfahrung hat und dabei ständig an Sex denkt. Elling will das Paar nicht stören, wird auch wohl von einer Art Eifersucht geplagt. Er entdeckt für sich das lyrische Nachtleben in Oslo. Als es ihm gelingt, Gedichte unter den Etiketten von Sauerkrautdosen in einem Supermarkt zu verstecken, findet er für sein Schreiben einen Weg in die Öffentlichkeit. Dramatisch wird es, als bei Reidun die Wehen einsetzen und die beiden Männer, Wein trinkend, auf Nachricht aus der Klinik warten.

Axel Hellstenius hat das Stück mit äußerst lebendigen und witzigen Dialogen ausgestattet, die den Fortschritt der beiden Männer aus der bunten Bühne beinahe spielerisch aussehen lassen. Spannend bei dieser Inszenierung fand Katharina Stark die Verletzlichkeit der Protagonisten, die sich immer wieder zeigt. Der Erfolg wird den beiden nicht leicht gemacht, denn die Anforderungen sind zunächst hoch. Aber gerade in ihrem Bemühen, in ihrem Scheitern und ihrem Erfolg haben die beiden Männer etwas zutiefst Menschliches, zumal obskure Schwächen wie die Sexsucht von Kjell Bjarne keineswegs verschwiegen werden. Das Menschliche gerät auch hier allzu menschlich.

Wichtig aber bleibt, dass der Erfolg, der sich am Ende in einer beinahe anheimelnden Familienszene mit Neugeborenem daraus resultiert, dass die Zusammenarbeit von Kranken und Gesunden gemeinsam und solidarisch geschah. Nicht zuletzt verdanken die Protagonisten ihre Alltagsbewältigung und Lebensbejahung der harten Arbeit an sich selbst.

Keine einfache Aufgabe

Den Darstellern stellt sich keine einfache Aufgabe. Florian Weber spielt Elling sehr lebendig und einfühlsam. Leidenschaftlich bis zur Ausgelassenheit begeistert Bernhard Neumann als Kjell Bjarne. Sympathisch als geschickt agierender Sozialarbeiter Frank ist Stefan Puhane. Simone Zettl kann als Gunn und Johanne überzeugen, ebenso Claudia Lohmann in der Rolle der hochschwangeren Reidun. Mit professioneller Musik begleiten Marie Friedle und Daniel Pfeifer das Schauspiel.

Das Bühnenbild, ebenfalls von Katharina Stark, lässt die zwei Welten im Leben der beiden Männer sichtbar werden. In einem mit bunten Luftballons und freundlichen Möbeln geschmückten Raum steht wie ein Fremdkörper eine Art Telefonzelle in Tarnfarben. Sie erinnert in dieser Geschichte an die Psychiatrie , wird aber auch immer wieder zur Zuflucht für Elling und Kjell. Die Zuschauer sind begeistert von diesem Theaterabend und danken dem Ensemble mit reichlichem Beifall.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.