Journalist und Autor Harald Martenstein liest aus seinem Buch "Nettsein ist auch keine Lösung"
Alles ist besser mit Humor

Harald Martenstein liest in der Buchhandlung Rupprecht. Bild: Eichl
Kultur
Vohenstrauß
22.03.2018
105
0

Auch ein Harald Martenstein hat es nicht leicht. Ja, er ist einer von Deutschlands bekanntesten Kolumnisten, er ist als solcher knapp am Terrorexperten vorbeigeschrammt, dennoch muss auch er zusehen, wie seine Bücher voller Fehler oder mit fehlenden Seiten veröffentlicht werden.

Nicht nur lustig

Der Seitenhieb auf ein deutsches Verlagswesen ohne Korrektorat kann die Buchhändlerin Maria Rupprecht nicht treffen, denn sie verkauft die Bücher nur, redigiert sie aber nicht selbst. Und Martensteins Bücher verkaufen sich auch mit noch so vielen Fehlern und nicht vorhandenen Seiten. Selbst ein Hörbuch, aus dem versehentlich die Regieanweisungen nicht herausgeschnitten wurden, geht als avantgardistisch durch mit "dieser Stimme dazwischen".

So gut er leben kann mit den Schwächen derer, die seine Bücher verlegen, stellt er doch fest: "Wenn die Rüstungsindustrie so arbeiten würde, käme kein Soldat lebend aus Afghanistan zurück." Der vor allem durch seine Kolumnen im ZEIT-Magazin bekannte Journalist und Autor hat sich in der Buchhandlung Rupprecht eineinhalb Stunden querbeet durch alte, ganz alte, neue und brandaktuelle Texte gelesen.

Schenkelklopfer die meisten, aber auch ein paar wenige andere. Denn Martenstein kann nicht nur lustig, auch wenn das sein bevorzugtes Genre ist. Er sei felsenfest überzeugt davon, sagt er, dass die Tonlage Humor immer geht, dass es in dieser keine Tabus gibt. Und erinnert an Roberto Benignis Film "Das Leben ist schön", der es wagt, komödiantisch eine Liebe im Konzentrationslager darzustellen.

Martenstein liest an diesem Abend auch den einen Text, den sein im Sterben liegender Vater vor Drucklegung nicht mehr lesen konnte. Wegen seines Vaters sei er überzeugt, dass ein Mensch umso mehr am Leben hänge, je älter er sei, sagt er. Und wegen eben dieses Vaters glaube er auch, dass die Lebenslust der Gesundheit ebenso zuträglich sei wie die Askese. Spricht es, nippt an seinem Glas Weißwein und bekennt, leider das Arbeitsethos des Vaters geerbt zu haben, nicht dessen Lebensfreude.

Lieblingsthema: Kinder

Am besten ist Martenstein jedoch, wenn er die ihn bewegenden Themen mit Humor angeht. Wenn er etwa als ausgewiesener "Experte in Sachen Leitkultur" feststellt, dass Deutschland nicht nur im Autobau führend sei, sondern auch in der Nacktkörperkultur. Nirgendwo sonst zeige man sich so aufdringlich unbekleidet. Anderswo habe man Sex, wenn man sich ausziehe, und sonst nichts, in Deutschland gehe man unbekleidet wandern oder auf Kreuzfahrt. Woraus Martenstein schließt: "Wenn die Deutschen mit allen Sex hätten, vor denen sie sich ausziehen, sie kämen zu nichts anderem mehr. Nicht einmal zum Automobilbau."

Sein erklärtes Lieblingsthema sind jedoch Kinder in jeder Form - frisch geschlüpft, pubertierend oder Anlass bedingt eingefroren (Stichwort "Social Freezing"). Mit diesem Thema beginnt und beendet er die Lesung. Von nichts und niemandem lasse man sich ähnlich viel gefallen, sagt er. "Oder was würden Sie zu einer Partnerin sagen, die sich im Supermarkt schreiend zu Boden wirft?"

Als eine von mehreren Zugaben wünscht die Buchhändlerin Maria Rupprecht sich den Text über das Schreibenlernen, in dem Martenstein genüsslich seine Bedenken über ein jeden Erfolgsdruck vermeidendes "Schreiben nach dem Lustprinzip" formuliert und mit dem Bekenntnis endet, er hoffe sehr, es werde in Zukunft auch noch Chirurgen geben, die nicht nur nach dem Lustprinzip schnitten, nur weil sie keinen Erfolgsdruck aushielten.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.