23.02.2018 - 17:52 Uhr
Vohenstrauß

Mit Video: Natascha Kohnen wirbt in Vohenstrauß für neuen politischen Stil "Respekt, liebe SPD!"

Natascha Kohnen hält keine Wahlkampfrede. Auch keine Groko-Rede. Das betont sie. Die 50-Jährige überzeugt viel mehr mit einer Charmeoffensive. Sie will einen neuen Stil in ihrer Partei, am besten in der gesamten Politik. Das kommt gut an.

SPD-Trio in Vohenstrauß: (von links) Annette Karl, Uli Grötsch und Natascha Kohnen. Bild: Dobmayer
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die stellvertretende Vorsitzende der Bundes-SPD begeistert die Gäste beim Jahresempfang in Vohenstrauß nicht nur. Die bayerische SPD-Chefin umarmt vielmehr rhetorisch jeden im Saal - den "großartigen Bundestagsabgeordneten Uli Grötsch", Annette Karl, die "Landtagskollegin mit enormer Wirtschaftskompetenz", Polizisten, Lehrer, Buchdrucker, das Ehrenamt, vor dem sie sich verneigt. Wenn Uli Grötsch bei so viel Lob schmunzeln muss, hakt die Münchenerin nach: "Wirklich, es kommt von Herzen."

Der neue Stil, den sie möchte, soll sich an Sachfragen orientieren. "Dieses Attackieren, das bringt niemanden weiter", findet Kohnen. "Und die CSU tut sich damit äußerst schwer." Spitzenkandidat Markus Söder versuche schon, sich daran anzupassen: "Indem er sagt, o.k., dann muss ich der wohl mit Sachlichkeit begegnen." Dem Unbehagen, das immer mehr Menschen empfinden, angesichts von Hass-Botschaften in den sozialen Medien, möchte sie mit Respekt begegnen: "Das kommt doch auch davon, dass wir in der Politik immer aufeinander losgehen." Wenn man es schaffe, respektvollen Umgang in der Politik vorzuleben, steige die Hemmschwelle, sich danebenzubenehmen in diesen Zeiten: "Wir haben jetzt eine Partei in der sogenannten politischen Landschaft, die jegliche Hemmung verloren hat." Aber gerade deswegen müsse man einen Gegenentwurf anbieten.

"Ich stimme zu!"

Im Redaktionsgespräch holt sie einige Antworten nach, die sie zur Mitgliederbefragung nicht wieder zum Besten geben wollte: Sie sei optimistisch, dass die 400 000 Mitglieder dem Koalitionsvertrag zustimmten - viele, sie eingeschlossen, seien anfangs skeptisch gewesen. "Inzwischen haben sie die 177 Seiten des Koalitionsvertrages gelesen - und viele sagen, hey, ihr habt wirklich ganz schön viel rausgeholt, damit kann ich gut leben, ich stimme zu."

Dass sich die SPD erneuern müsse, hört man seit langem - wie aber stellt sich die Biologin diesen Häutungsprozess vor? Zum einen müssten Strukturen, Kommunikationswege verändern werden: "Die jungen Leute sind völlig anders unterwegs, die kommen nicht mehr zu den althergebrachten Seminaren." Aber wichtiger sei die inhaltliche Neuorientierung: "Diese altehrwürdige Partei muss den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen." Man müsse eine Vision entwickeln für eine Welt, die sich über die Grenzen hinweg finden müsse. Das sei im täglichen politischen Handeln der vergangenen Jahre zu kurz gekommen: "Eine Riesenaufgabe, egal, ob wir in der Koalition sind oder in der Opposition, die Partei muss wieder richtig auf die Beine kommen."

Mehr "Demokratie wagen" war schon bei Willy Brandt ein Thema - damals aber wurde noch durchregiert mit gutem Erfolg. Spürt man an den letzten Chaos-Wochen nicht auch, dass Mitbestimmung an Grenzen stößt, wenn jede Abmachung, die das gewählte Führungspersonal macht, erst von der Basis genehmigt werden muss? "Das glaube ich nicht", sagt Kohnen. "Das, was wir tun, ist so demokratisch, wie ich finde, vorbildlich." Es sei in U-Bahnen, in Bussen, in Arztpraxen diskutiert worden. "Wann hatten wir das zuletzt? Ich würde eher sagen, Respekt, liebe SPD - und die anderen Parteien wären gut beraten, wenn sie sich daran orientieren würden."

Die SPD-Mitglieder seien alle mündig und sehr klug", lobt die Chefin das Parteivolk. Ein Beleg für den Erfolg dieser Demokratisierung trotz miserabler Umfragewerte: "Seit dem 1. Januar sind über 2500 Männer und Frauen in die SPD eingetreten." Dass die Sozis dabei auch auf den "Bild"-Hund gekommen sind, mag Kohnen nicht kommentieren - die Boulevardzeitung hatte undercover einen Hund eintragen lassen: In Bayern habe man die Erfahrung gemacht, dass Ortsvereine die Leute sehr genau kennen würden. "Sie werden sehen, dass sich der Weizen von der Spreu schnell trennen wird."

Kevin Kühnert in Regensburg

Kevin Kühnert, Bundesvorsitzende der Jusos, hat auf seiner Tour am Donnerstagabend Station in Regensburg gemacht. Mit dem Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Markus Rinderspacher, diskutierte er im SC-Sportheim über die momentan alles entscheidende Frage: "Ja oder nein zur Großen Koalition?" Im Publikum saßen nicht nur Jusos, auch langjährige Parteimitglieder meldeten sich zu Wort und outeten sich als Gegner einer erneuten Groko. Kühnert sagte, die ganze Partei ringe mit sich und jeder mit sich selbst. Als Grund für das schlechte Ergebnis der SPD bei der Bundestagswahl 2017 sieht er das Programm, das "zu mut- und kraftlos" gewesen sei. "Wir haben keine Alleinstellungsmerkmale geboten. Auf Fragen der Verteilung, der Schere zwischen Arm und Reich, geben wir keine Antworten."

Rinderspacher sagte, auch er sei "kein Fan" der Groko. Politik sei aber auch Folgenabschätzung. Die deutsche Sozialdemokratie müsse jetzt Konzepte liefern und dürfe nicht zulassen, "dass die Rechtspopulisten einen Fuß in die Tür bekommen". Die Bürger hätten die SPD gewählt, damit sie Verantwortung übernehme, politische Rahmenbedingungen schaffe, die das Leben der Menschen erleichtern. In der Opposition könne man zwar Maximalvorstellungen aufstellen, aber wenig bewegen. Im Publikum gab es vor allem Skepsis. Die Partei, so die Kritik, habe keine Antworten, wie der Erneuerungsprozess aussehen solle. Bei der Mitgliederbefragung 2013 zur Groko seien die gleichen Versprechen gemacht worden. Der kleinste gemeinsame Nenner sei nicht mehr genug. (bdl)

Natascha Kohnen im Interview

Am Rande des Jahresempfangs der SPD in Vohenstrauß sprachen wir mit der Vorsitzenden der bayerischen SPD.

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