Zeitzeugen berichten in der Realschule Vohenstrauß vom WAA-Widerstand
WAAhnsinnige Erinnerungen

Der Schwandorfer Altlandrat Hans Schuierer (rechts) und der Mitbegründer der Bürgerinitiative, Wolfgang Nowak, erzählen den Realschülern vom Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Bild: ck
Politik
Vohenstrauß
23.02.2018
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Der Schwandorfer Altlandrat Hans Schuierer verweigerte vor über 30 Jahren seine Zustimmung zum Bau der WAA (Wiederaufbereitungsanlage) in Wackersdorf und wurde so zur Galionsfigur des Widerstands. Trotz seiner 87 Jahre blitzt in seinen Augen Kampfgeist auf, wenn er vom langen, erfolgreichen Weg des Protests berichtet.

Die Zehntklässler der Vohenstraußer Realschule hatten sich im Geschichtsunterricht mit dem Thema WAA beschäftigt. Sie wollten den Mann kennenlernen, der dem Freistaat Bayern und vor allem dem damaligen CSU-Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß in den 1980er Jahren die Stirn geboten hatte, um die Bürger seiner Heimatregion vor den möglichen Gefahren der Atomkraft zu bewahren.

Bei einem Gespräch in der Aula, zu dem Schuierer am Mittwoch auch den Mitbegründer der damaligen Bürgerinitiative, Wolfgang Nowak, mitbringt, geht es vor allem um die persönlichen Erinnerungen der beiden Männer. Anhand von Bildern schildert Nowak die Ereignisse. Der Altlandrat will die Erinnerung an den erfolgreichen Protest wachhalten: "Wackersdorf ist ein Musterbeispiel dafür, was in einer Demokratie nicht passieren sollte, und was in einer Demokratie möglich ist."

Die Männer erzählen vom Beginn des Widerstands mit einer Handvoll Leuten. Die Ablehnung von Atomkraft vereinte wenig später unzählige Menschen, die sich quer durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten zusammentaten und in "zu 99 Prozent friedlichen Demonstrationen" ihren Unmut lautstark und auf Plakaten kundtaten.

Schuierer sei nicht von Beginn an ein WAA-Gegner gewesen. Als Landrat hatte er sich die Idee von einer Anlage, die Profit für seinen von Arbeitslosigkeit gebeutelten Landkreis bringe, zunächst aufschwatzen lassen. Ihm seien 3600 neue Stellen versprochen worden. "Wir hatten ja damals alle keine Ahnung, was eine Wiederaufbereitungsanlage eigentlich ist", gibt der gelernte Maurer zu. Erst als er auf den Plänen den 200 Meter hohen Kamin gesehen habe und ihm gesagt worden sei, dass dadurch die radioaktiven Schadstoffe möglichst weit verteilt würden, sei ihm bewusst geworden, wie gefährlich das Projekt für die Menschen war: "Von da an war ich dagegen."

"Lex Schuierer"

Der Freistaat habe Druck ausgeübt auf die als pflichtbewusst geltenden Oberpfälzer. Mit Hilfe eines neuen Verfahrensgesetzes ("Lex Schuierer") wurde Schuierer ausgehebelt. Seine Zustimmung für das Projekt war damit nicht mehr erforderlich. Umso mehr wuchs der Widerstand. Nowak erinnert sich, dass Demonstranten aus ganz Deutschland und noch darüber hinaus nach Wackersdorf pilgerten.

Es habe nur ein dafür oder ein dagegen gegeben. Die WAA dividierte Kollegen, Freunde und ganze Familien auseinander. Die Konfrontation mit immer mehr Polizisten am 4,8 Kilometer langen und 15 Millionen Mark teuren Bauzaun habe die Demonstranten nicht abhalten können, weiter zu machen. Die Gewalt eskalierte zunehmend. Das "bunte Völkchen" habe sich auch durch den Einsatz von Wasserwerfern und Reizgas nicht verscheuchen lassen. Nowak erzählt von einer Demonstration am 16. Dezember 1985, als 3500 Polizisten vor Ort waren. Rund 800 Menschen seien an diesem Tag festgenommen worden.

Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 seien noch mehr Menschen dem WAA-Widerstand gefolgt. "Es ging um die Zukunft unserer Kinder", versucht Nowak seine Beweggründe zu erläutern. Ob Schuierer jemals aufgeben wollte? "Nein, daran habe ich nie gedacht", meint der 87-Jährige. Die Realschüler können nicht verstehen, warum die Demonstranten von damals auch Kinder und Jugendliche mit nach Wackersdorf genommen haben. "Ja, das war richtig und wichtig. Sie sollten sehen, was da passiert", sagt Schuierer.

Sieg für die Oberpfalz

Man habe zwar auf das Ende der WAA in Wackersdorf "mit Sekt und auch mit Bier" angestoßen. Richtige Freude habe aber bei den Atomgegnern in der Oberpfalz nicht aufkommen können, da das Problem nicht beseitigt - nur an einen anderen Ort verschoben worden war. Die Anlage wurde schließlich im französischen La Hague gebaut, eine weitere in Sellafield (England).

Schuierer spricht rückblickend von einem Sieg für die Oberpfalz, denn die Region habe durchaus profitiert. Nach der Projekteinstellung konnte das Gelände von den Managern der WAA an Industriefirmen wie BMW verkauft werden. Rund um den heutigen Innovationspark biete die Region ausgezeichneten Wohn- und Lebensraum. Auch alt und grauhaarig bleibt Schuierer im Herzen ein Kämpfer: Die Gegner von Atomkraft und Atomwaffen dürften nie leise werden. Die Jugendlichen im Publikum seien nun an der Reihe.

Zur PersonHans Schuierer kam am 6. Februar 1931 in Klardorf (Landkreis Schwandorf) zur Welt. Er erlernte das Maurerhandwerk. 1956 trat er in die Kommunalpolitik ein. Ab der Gebietsreform 1972 bis 1996 war er SPD-Landrat im Landkreis Schwandorf. Bekanntheit erlangte er Mitte der 1980er Jahre, als er eine Genehmigung der Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf ablehnte. Vier Jahre widersetzte er sich der Weisung der bayerischen Staatsregierung, trotz Disziplinarverfahrens wich er nicht von seiner Linie ab.

Schuierer verbringt seinen Lebensabend in seiner Heimatgemeinde, die heute ein Ortsteil von Schwandorf ist. Bis 2008 saß er noch im Oberpfälzer Bezirkstag. Im Jahr 2011 wurde er Ehrenbürger von Schwandorf. (ck)


Wackersdorf ist ein Musterbeispiel dafür, was in einer Demokratie nicht passieren sollte, und was in einer Demokratie möglich ist.Hans Schuierer
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