08.04.2018 - 11:30 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Beeindruckende Zeremonie in Straubinger Kunstgießerei Unterlinder begießen Glocke

Es ist ein berührender Moment, als in der Glocken- und Kunstgießerei e. K. Anton Gugg in Straubing am Donnerstagmittag die Bronze für den Glockenguss der Unterlinder Turmglocke im Schmelzofen brodelt. Das Zusammenspiel zwischen Künstler, Feuer, Metall und handwerklichem Geschick ist ein Erlebnis.

von Elisabeth DobmayerProfil

Seit dem Jahr 1550 bürgt das im Straubinger Industriegebiet angesiedelte Unternehmen für beste Qualität. Im Gäuboden werden Glocken nach jahrhundertealtem Verfahren hergestellt. Ein mächtiges Feuer erhitzt die Bronze auf etwa 1200 Grad. Pünktlich um 13 Uhr dann der finale Glockenguss. Geschäftsführer Hannes Gugg, der in neunter Generation den Betrieb führt, begrüßt dazu eine kleine Unterlinder Delegation mit Initiator Alfred Uschold an der Spitze.

Die Symbolkraft der 40 Kilogramm Glocke dürfte ungleich schwerer wiegen als deren tatsächliches Gewicht. Voller Ehrfurcht verfolgen die Teilnehmer den feierlichen Gieß-Akt, musikalisch untermalt mit Carl Orff's "Carmina Burana". Es herrscht eine geradezu feierliche Atmosphäre. Kunst- und Glockengießer Marcel Kerscher, Ardit Salin und Samir Rasekhar schwitzen in ihren Arbeitsanzügen und langen hitzebeständigen silbernen Schürzen, als sie den heißen Bronzeguss aus dem Feuer holen. Unweigerlich fühlt man sich an Friedrich Schillers "Das Lied von der Glocke" erinnert, in dem es heißt: Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden, frisch, Gesellen, seid zur Hand! Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß. Soll das Werk den Meister loben; doch der Segen kommt von oben".

"Es ist geglückt"

Michael Gold bedient den kleinen Kran, mit dessen Hilfe die Glockengießer das schwere durch und durch glühende Behältnis aus dem Feuer holen und über der Gussform in eine dafür eingerichtete Öffnung ausgießen. Qualm steigt auf, als die gelbe Masse wie ein Lavastrom in dünner Rinne in die Form einfließt. Funken sprühen. Kein Spritzer soll danebengehen. Nur wenige Minuten dauert der Guss der Unterlinder Glocke. Der dampfende Tiegel leert sich und mit einem kleinen Zischen tritt eine Stichflamme aus der quadratischen Form hervor: "Es ist geglückt", ruft Gugg den Unterlindern freudig zu.

Alle, die diesen Moment miterlebt haben, spüren sicherlich eine enge Bindung an diese neue Errungenschaft des Ortsteils. Sie wird Generationen von Bewohnern zum täglichen Begleiter durch ihr Leben werden und sowohl traurige als auch schöne Begebenheiten verkünden. Dieser Moment wird von den Unterlindern mit Kameras festgehalten. Uschold ließ eigens eine Urkunde entwerfen, die an dieses festliche Ereignis erinnern wird.

Als Marcel Kerscher die letzten Bronzereste noch in kleine Schalen gießt, lädt Gugg die Unterlinder bereits zu einem Umtrunk ein, denn die Geburt der Glocke muss nach uralter Überlieferung begossen werden, damit sie gelingen kann. Nach nur 24 Stunden wurde die Form von der Glocke abgenommen und das Prachtstück im Rohzustand und noch nicht bearbeitet von Gugg und den Glockengießern inspiziert.

Die Glocke ziert eine Muttergottes mit der Aufschrift "Regina coeli - 5.4.2018 Unterlind". Sie hat einen Durchmesser von 47 Zentimeter und ist genauso hoch. Erklingen wird sie in der Tonart "gis". Der Ton setzt sich aus vielen Frequenzen zusammen, die sich zu einem Klang vereinigen. Den Klöppel ließ Gugg bereits schmieden und reichte ihn den Gästen. Aufgehängt wird die Glocke an einem Eichenholzjoch, da Eichenholz den Ton am besten weiterleitet, denn der Glockenschwung soll nicht gebremst werden, erklärt der Experte. Die neue Glocke kostet 6500 Euro, informierte Uschold, der mit den Unterlindern eifrig Spenden für dieses Projekt Glockenturm sammelt. Wegen falscher Terminabsprache kam Bürgermeister Andreas Wutzlhofer leider etwas zu spät nach Straubing und konnte die Gießzeremonie nicht verfolgen. Bei einem Dorfabend wollen die Teilnehmer auch allen anderen Interessierten die Herstellung der Glocke bei einem Filmabend näher bringen.

Vier Glocken pro Jahr

Das Glockengießen ist eine Kunst, die heute nur noch sehr wenige Menschen beherrschen. Auszubildende sind Mangelware, wie Gugg berichtet. Es gibt deutschlandweit nur noch eine Handvoll Betriebe. Die Glockenherstellung ist längst nicht mehr Hauptabsatz seines Unternehmens. Etwa nur mehr vier Glocken werden in Straubing pro Jahr gegossen.

Das handgefertigte Unikat werden die Unterlinder in wenigen Wochen in ihrer neuen Heimat willkommen heißen dürfen, bevor sie - wenn alles mit der Errichtung des Glockenturms klappt - im August, rechtzeitig zum Kreuzfest erklingen soll

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