04.01.2018 - 20:00 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Vohenstraußer begleitet Iran-Proteste Jung und ohne Chance

Die Proteste im Iran sind spontan. Es gibt keine Anführer oder Organisationen. Viele Menschen kennen die Probleme seit Jahrzehnten. Markus Koller aus Vohenstrauß ist im Oktober dortgewesen. Ihn hat besonders die Perspektivlosigkeit berührt.

von Dominik Konrad Kontakt Profil

Vohenstrauß/Isfahan. Es sei wohl eines der jüngsten Länder der Erde, meint Koller. Viele Iraner seien unter 30, wenige über 55 Jahre alt. Gleichzeitig sei ihnen schmerzlich bewusst, wie wenig Chancen auf eine bessere Zukunft sie haben.

Im Oktober vergangenen Jahres hat der gebürtige Vohenstraußer das Land vier Wochen lang bereist. Der Sonderschullehrer erzählt in Schulen von Deutschland und unterhält sich in den Teestuben von Isfahan, Yazd und Kerman mit den Einheimischen. Dabei sei die Neugier auf den Deutschen "unglaublich" gewesen. "Ich reise schon mein ganzes Leben, und das war bis jetzt das beeindruckendste Land." Deutschland werde verehrt und angebetet: "Die denken, dass Deutsche und Iraner die selben Vorfahren haben." Jeder kenne die Bundesligaergebnisse, für Frauen sei Angela Merkel ein großes Vorbild.

Eine der ersten Fragen sei immer gewesen: "Was halten die Deutschen vom Iran." "Die Iraner sind ja hochgebildet und die verzweifeln daran, dass ihr Ruf in der Welt so schlecht ist", erzählt der 49-Jährige. "Das ist ja ein sehr reiches Land. Sie haben Öl, Bodenschätze. Aber das Land ist komplett verarmt. Das ist so ein bisschen DDR-mäßig. Sie leiden stark unter dem Regime." Die wirtschaftliche und politische Isolation habe den Iran zurückgeworfen. "Die sind wirklich am Ende." Die Arbeitslosigkeit liege bei 40 Prozent. "Wenn du einen regulären Job hast, du verdienst 250 Euro im Monat. Du kannst dir nichts aufbauen", sagt Koller. "Ich habe Bilder vom Einfamilienwohnhaus meiner Mutter gezeigt, da sind die ausgerastet." Private Sprachenschulen boomen, hat er festgestellt. "Dort wird man total begeistert empfangen." Koller hatte das Gefühl, das ganze Land versuche, eine Fremdsprache zu lernen, "weil alle raus wollen". Aber das ist fast unmöglich. Das Land schottet sich ab.

Religiöse Diktatur

Grund für die Misere sei die religiöse Diktatur im Land. Die Leute würden den Klerus hassen. "Das ist, wie wenn bei uns eine Diktatur der katholischen Kirche bestehen würde", meint Koller. "Viele haben gesagt, sie haben mit der Religion nichts mehr am Hut." Laut Koran sei das aber eine Todsünde. Deshalb dürfe es keiner offen aussprechen.

Die Regeln im Iran sind streng: Alkohol ist offiziell verboten. "Ich hab noch nie so einen Bierdurst gehabt", erinnert sich Koller. Dabei würde er gar nicht so viel Bier trinken. Frauen und Männer dürfen sich nicht zusammen in der Öffentlichkeit zeigen, es sei denn, sie sind verheiratet. Es gibt keine Clubs oder Bars, nur Restaurants und Teestuben. Das Kopftuch sei ein Riesenthema: In Teheran würden die Frauen die Tücher ganz weit nach hinten rutschen lassen. "Und die Religionspolizei fährt mit dem Motorrad da durch und ermahnt jeden, das Kopftuch hoch zu machen." Als Koller seine Reise antritt, geht seine Frau nach Nepal zum wandern. Ihr sei das mit dem Hijab zu blöd gewesen, erklärt der Pädagoge. Als er das in der Teestube erzählt, ist das den Iranern peinlich. Doch eigentlich gebe es im Iran alles, was es auch in Europa gibt. Es werde eben nur privat organisiert. Der Iran habe den weltweit höchsten Verbrauch an Reinigungsalkohol, und viele Leute würden selbst Wein herstellen. Parties würden im Bekanntenkreis organisiert. "Die Privatsphäre wird geduldet. Das weiß auch die Polizei. Die ist nicht korrupt und hat erstaunlicherweise einen guten Ruf", sagt Koller.

"Wird niedergeknüppelt"

Seit Beginn der Proteste hat der Vohenstraußer, der seit 20 Jahren in Bayreuth lebt und arbeitet, immer wieder Videos und Kurznachrichten seiner Bekannten aus dem Iran auf sein Smartphone geschickt bekommen. "Es ist eine Revolution" und "Weg mit den Mullahs" lauten die Texte. "Ich halte mich da sehr zurück", sagt er. "Ich schreibe nur 'Sei vorsichtig'. Ich will keinen in die Bredouille bringen."

Im Iran sind seit Beginn der Proteste bereits Hunderte verhaftet worden, mehrere Menschen wurden getötet. "Ich bin mir relativ sicher, dass es nicht mehr lange dauert und dann wird das brutalst niedergeknüppelt. Die Revolutionsgarden sind super ausgestattet, die lassen sich nicht in die Suppe spucken."

Ich reise schon mein ganzes Leben, und das war bis jetzt das beeindruckendste Land.Markus Koller
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