Vohenstraußerin Laura Kindl kümmert sich um Kinder in Costa Rica
"Man muss doch etwas ändern"

Laura Kindl verteilte an die Kinder in den Vierteln von San José Schul-Sets mit Heften, Bleistiften, Buntstiften, Schere, Kleber, Lineal, Zirkel, Radiergummi sowie Geodreieck. Bild: exb
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Vohenstrauß
21.04.2017
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Laura Kindl lebt mittlerweile seit über einem halben Jahr in Costa Rica. Wie sehr sie sich dort wohlfühlt, zeigt eine "unglaubliche Nachricht, die für viele Verwandte und Freunde vielleicht auch ein kleiner Schock ist".

San José/Vohenstrauß. Ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Hauptstadt San José bezeichnet die 19-Jährige "als vielleicht beste Entscheidung meines Lebens". Seit August lebt und arbeitet sie in Costa Rica. Unter anderem kümmert sie sich in Bibelclubs um viele Kinder aus armen Familien.

"In meinem Team fühle ich mich mittlerweile richtig gut aufgehoben, auch als einzige Frau. Ich werde respektiert, meine Arbeit wird geschätzt, und viele meiner Ideen auch sofort umgesetzt", freut sich die Vohenstraußerin in einem Rundbrief, den sie per E-Mail an Freunde und Verwandte geschickt hat.

Besuch aus der Heimat


Im November und Dezember bekam sie Besuch aus der Heimat. Es schauten Kumpel Jonas, ihre Schwester Doro und Mutter Barbara vorbei. Auch nach deren Abreise kam bei der 19-Jährigen kein Heimweh auf. "Ich fühle mich hier so wohl wie nie, richtig daheim irgendwie. Nachdem ich ihnen das Land gezeigt hatte, habe ich gemerkt, wie gern ich hier bin." Zudem stand in Januar ein Höhepunkt an: die "Campamentos", die jährlichen Zeltlager für rund 120 Kinder und Herzstück der Sozialarbeit.

In der ersten Woche kamen 60 Buben zwischen 7 und 14 Jahren, die in einigen der ärmsten Teile des Landes leben. Die Aufsicht übernahmen sechs Gruppenleiter, vier Mitarbeiter und Kindl. Dabei war sie die einzige Frau. "Das kann ja ein Spaß werden, hab ich mir gedacht. Und das war es dann auch."

Auf dem Programm standen unter anderem Gruppenspiele, Sport, Plakate basteln, Theater spielen und Schwimmbadbesuche. Zudem gab es einen Bibelclub. Denn die Teilnehmer sollten das Leben Jesu besser kennenlernen. Ziel sei es, den Kindern Hoffnung zu geben. "Es war einfach nur herrlich, die Jungs, die oft so ernst oder traurig schauen, und Probleme haben, die wir uns gar nicht vorstellen können, einfach nur ausgelassen und glücklich zu sehen."

Zum Abschied genoss Kindl viele Umarmungen, bekam Abschiedsküsse auf die Wange, und einige Buben luden sie zu sich nach Hause ein oder riefen Komplimente hinterher. Das sollte sich die nächste Woche aber ändern: Denn diesmal war das Zeltlager für die Mädchen. "Wie mir schon einige Leute angekündigt hatten, sollte das noch eine ganz andere Erfahrung werden. Die Mädchen haben mir unglaublich viele ihrer Ängste, Sorgen und Geheimnisse anvertraut."

Während dieser Tage stand im Mittelpunkt, das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen zu stärken. In Costa Rica, vor allem in den Vierteln, in denen die Kinder leben, würden teils sehr machistische Strukturen vorherrschen. Die Mädchen sollten daher lernen, "dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben. Dass sie mehr sind als ein Objekt männlicher Begierde, dass auch sie studieren und arbeiten können und nicht mit 16 ein oder zwei Kinder haben müssen".

Die Erlebnisse dieser zwei Wochen haben Kindl beeindruckt. Denn einige Dinge, die sie über das Leben der Kinder erfahren hat, würden sie noch immer beschäftigen. Viele Väter dieser Mädchen und Buben wurden erschossen. Einige Kinder konnten nicht zur Schule gehen, weil sie immer wieder das Land verlassen mussten, um Morddrohungen irgendwelcher Drogenbanden zu entkommen. Andere arbeiten täglich, um genug Essen für sich und ihre Geschwister zu haben.

"Das Zeltlager ist nicht nur eine einmalige Gelegenheit für die Kinder, ihrem schwierigen Alltag zu entfliehen. Vielmehr zeigt es ihnen, dass es auch anders geht und ein ganz anderes Leben möglich ist", ist sich die 19-Jährige sicher.

Für ihr Weiterkommen in der Schule würden die Kinder allerdings nicht nur Ehrgeiz und Motivation benötigen, sondern vor allem jede Menge Dinge, die viel Geld kosten: Uniformen, Schultaschen, Hefte, Stifte, Schere, Kleber. Zudem müssten sie für jede Prüfung und alle Schulbücher Gebühren zahlen.

"Wenn man die Wahl hat, seinen Kindern genug zu Essen auf den Tisch zu bringen oder sie in die Schule zu schicken, wird man sich für ersteres entscheiden", zitiert die Vohenstraußerin ihren Chef. Daher habe ihre Organisation "Educacion Plus" Uniformen und diverse Utensilien gesammelt. Anfang Februar, zum Beginn des neue Schuljahrs, wurden die Sachen schließlich an rund 400 Kinder verteilt.

Tragische Erlebnisse


Aber Kindl bekommt auch sehr tragische Erlebnisse mit. Unter anderem von zwei Mädchen, deren Mutter ermordet wurde. Ihre Leiche wurde mit vier anderen Leuten in einen Container gesteckt und dieser angezündet. "Diese und viele ähnliche Geschichten zeigen mir: Man muss doch etwas ändern, den Leuten hier irgendwie helfen", will sich die 19-Jährige weiter engagieren.

Trotz aller Sorgen und Probleme herrsche in Costa Rica eine Lebensfreude, "die ich gerne mit nach Deutschland nehmen möchte. Es wird gesungen, getanzt, gemeinsam gegessen. Man kann an den Strand fahren, in den Regenwald, Vulkane besichtigen und vieles mehr".

In der E-Mail kündigt sie zudem eine "unglaubliche Nachricht, die für viele Verwandte und Freunde vielleicht auch ein kleiner Schock ist", an: "Ich denke darüber nach, meinen Freiwilligendienst noch um ein halbes Jahr zu verlängern." Allerdings bedeute dies auch, dass sie dafür pro Monat noch einmal rund 250 Euro an Spendengeldern einsammeln müsste.

Ich werde respektiert, meine Arbeit wird geschätzt, und viele meiner Ideen auch sofort umgesetztLaura Kindl
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