Überraschung am "Alten Schulhof"

Das Schulhaus um 1900. Bilder: edo (3)
Vermischtes
Vorbach
08.09.2017
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In der Nähe des alten Schulhofs fanden die Gemeindearbeiter Gegenstände aus dem Zweiten Weltkrieg.
 
Auf diesen Geschützständer und Karabiner stießen die Gemeindearbeiter bei ihren Baggerarbeiten.

Kirwa-Ausgraben mal anders: Wo vor einigen Tagen noch Hunderte Menschen die "Biwricher Kirwa" gefeiert haben, stießen Mitarbeiter des kommunalen Bauhofs bei Grabungsarbeiten auf Kriegsgegenstände (wir berichteten). Und hatten dabei viel Glück.

Oberbibrach. Wie der Munitionsgürtel, der Karabiner, die Panzerfaust und die anderen Gegenstände, die höchstwahrscheinlich aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, dorthin gekommen sind, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Aber seitdem der Fund an vielen Küchen- und Stammtischen diskutiert wird, ergibt sich allmählich ein schärferes Bild.

Donnerstagmorgen. Die beiden Gemeindearbeiter Fabian Utner und Thomas Keck treffen sich am Petersplatz neben dem "Alten Schulhof", um mit einer Baufirma ein Loch auszuheben. Der oberirdische Gastank soll weichen und dafür ein Erdtank installiert werden. Nachdem der erste Meter mit dem Bagger abgetragen ist, trifft Utner mit der Schaufel auf ungewöhnliche Gegenstände, die sich später als die Segmente eines Munitionsgürtels herausstellen. Er gräbt weiter und entdeckt einen länglichen Gegenstand.

Erinnerung an Einmarsch

"Ich wusste gleich, dass es sich hierbei um einen Karabiner handelt", sagt er später. Sein Opa Herbert, ein Heimatvertriebener aus Weißwasser im Sudetenland, hatte ihm das als Kind erklärt. Die Baggerschaufel gräbt weiter, schließlich sollte die Aktion an dem Tag noch abgeschlossen werden. Doch als sie nach einem guten Meter Tiefe erneut auf ein verrostetes Rohr stoßen, hören die Männer auf zu graben: Diesen Gegenstand können sie nicht identifizieren. Er ist etwa einen Meter lang, hat an der einen Seite eine Verdickung, die nach außen zusammenläuft. "Das konische Ende kam uns komisch vor", sagt Utner, der sich an Waffen aus Kriegsfilmen erinnert fühlte. "Spätestens jetzt war uns klar, dass wir die Arbeiten unterbrechen sollten", sagt der 32-Jährige.

Per Telefon informiert er seinen Chef Bürgermeister Werner Roder. Kurze Zeit später ist er vor Ort und hat bereits Polizei und Sprengkommando benachrichtigt. Die Experten, die ohnehin auf den Weg nach Eschenbach waren, bestätigen Utners mulmiges Gefühl: Bei dem verrosteten Rohr handelt es sich um eine Panzerfaust aus dem Zweiten Weltkrieg, die auch heute noch über eine gewaltige Sprengkraft verfüge. Erst da wird den Arbeitern bewusst, dass sie großes Glück hatten. Was passiert wäre, wenn sie mit der Baggerschaufel ein paar Zentimeter weiter gegraben hätten, mögen sie sich gar nicht vorstellen. Doch wie sind die Waffen dorthin gekommen?

Um diese Frage zu klären, wird Ludwig Schwemmer konsultiert. Der 85-jährige Oberbibracher ist einer von wenigen Zeitzeugen, die vielleicht zur Aufklärung beitragen könnten. Schwemmer, der eigentlich "vom Schleicher" aus Unterbibrach stammt und seit 1953 auf dem nur wenige Meter vom Fundort gelegenen "Gottfried-Anwesen" wohnt, erinnert sich noch an den Einmarsch der Alliierten am 19. April 1945.

Er befand sich als 13-Jähriger gerade auf dem Weg nach Vorbach, weil er mit zwei Kameraden Filzstiefel vom Bahnhof holen wollte. Ins Nachbardorf schafften sie es jedoch nicht mehr, denn sie wurden von den heranrückenden Truppen zum Umkehren gezwungen. "Ich sah von der Anhöhe aus, wie zuerst Vorbach von Frankenberg aus beschossen wurde und dann allmählich die Amerikaner ihre Panzer Richtung Oberbibrach in Stellung brachten." Zudem beobachtete er, wie ein Aufklärungsflugzeug über dem Ort kreiste. "Als es auf der Höhe vom Burger-Anwesen war, wurde es mit einem Maschinengewehr beschossen." SS-Soldaten, die aus dem Rheinland stammten, hatten sich im Dorf verschanzt und ließen sich zu dem aussichtslosen Angriff hinreißen. Für die Bevölkerung hatte das gravierende Folgen. "Unmittelbar danach ist der Beschuss losgegangen", erinnert sich Schwemmer: "Zuerst wurde auf die neun großen Schlöte der Bären-Brauerei gezielt." Später flogen Spreng- und Brandgranaten auch auf Wohnhäuser, Scheunen und Ställe.

Ausrüstung auf Schulhof

Sechs Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben. Erst das Hissen der weißen Fahne beendete das Feuer. Die beiden Oberbibracher Georg Schmidt aus der Notburgastraße und Georg Schmid vom Schneiderhaus hatten sich auf den Kirchturm geschlichen, um als Zeichen der Kapitulation ein Bettlaken aus dem obersten Fenster zu hängen.

Wer die Waffen an die heutige Fundstelle abgelegt habe, kann Schwemmer auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Dennoch hat er eine Vermutung. Denn das deutsche Militärkommando hatte seinen Hauptsitz genau an der heutigen Fundstelle, was heute als "Alter Schulhof" bezeichnet wird. Viel spricht dafür, dass sich unmittelbar vor dem Einmarsch der Amerikaner die im Dorf stationierten Soldaten dort ihrer Ausrüstung entledigt hatten. Neben dem Schulgebäude war eine Panzersperre aufgestellt, die Waffen waren also nicht weit weg.

Die nötige Zeit zum Vergraben hätten sie wohl gehabt, sagt Heimatforscher Sigurd Burucker: "Der Beschuss Oberbibrachs durch die Amerikaner begann um etwa 10.30 Uhr. Bevor sie ins Dorf einmarschiert sind, haben sie erstmal gewartet, dass die wichtigen Gebäude abbrennen. Durch den Angriff der Deutschen mussten sich die Alliierten mit Oberbibrach relativ lange aufhalten." Burucker hat Originalaufnahmen der Amerikaner gesichtet, weshalb er den Ablauf relativ genau rekonstruieren kann. Soweit ist die These nachvollziehbar. Stutzig macht jedoch die Fundtiefe. Warum hätten sich die SSler die Mühe gemacht, die Waffen knapp eineinhalb Meter unter dem Boden zu vergraben.

Schwemmer bestätigt dies: "Normalerweise wurden die Waffen nur einige Zentimeter unter der Grasnarbe eingegraben. Auch nach dem Krieg. Auf einem Acker beispielsweise so tief, dass man sie mit dem Pflug nicht mehr erreichen kann." Und Schwemmer liefert zugleich ein wichtiges Puzzle-Teil: "Im Schulhof hatte auch eine Sprenggranate eingeschlagen und ein großes Loch in den Boden gerissen." Es könnte also sein, dass die Soldaten die vorhandene Vertiefung genutzt haben, um ihre Waffen loszuwerden. Das klingt umso plausibler, als dass es hier nicht besonders aufgefallen wäre - im Gegensatz zu einem frischen Erdaushub. Die Deutsche Einheit floh in Zivil in den Wald am "Roten Bühl".

Hoffnung auf Rost

Eine zweite Theorie geht auf ein Schriftstück aus dem Buch "Kriegsende vor 50 Jahren" zurück, das Mitte der 1990er vom langjährigen Bürgermeister Hans Hübner unter Mithilfe von Sigurd Burucker und Wolfgang Schmid veröffentlicht wurde. Darin findet sich eine Bekanntmachung vom 15. Mai 1945. Darin heißt es unter anderem: "Die Militärregierung ordnet an: Vorhandene Munition und Benzinkannen sind sofort in den Schulhof zu bringen."

Auf Geheiß der Amerikaner wurde der Entmilitarisierungsprozess eingeleitet. Es bestehe die Möglichkeit, dass auch die vor wenigen Tagen gefundenen Militaria darunter waren, meint Burucker: "Normalerweise sollten die Gegenstände eingesammelt und dann an eine zentrale Sammelstelle gebracht werden, aber vielleicht wollte man es damals unbürokratisch lösen und hat es einfach im Boden verscharrt, mit der Hoffnung, dass es verroste." Angesichts der großen Menge an und der Allgegenwärtigkeit von Waffen zur damaligen Zeit könnte auch das zutreffen.

Auch für Schwemmer ist der diesjährige Panzerfaustfund nicht das erste überraschende Wiedersehen mit Gegenständen aus dem Zweiten Weltkrieg in seinem Heimatdorf. "Als ich Mitte der 1950er den Garten umgegraben habe, lagen da auch zwei Maschinengewehre." Dass im heimatlichen Boden noch viele solcher "Überraschungen" schlummern, dessen werden sich viele jetzt wieder bewusst. Vom Feiern auf dem Alten Schulhof abhalten lassen wird sich die Oberbibracher Bevölkerung jedoch nicht.

Als ich Mitte der 1950er den Garten umgegraben habe, lagen da auch zwei Maschinengewehre.Ludwig Schwemmer
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