09.11.2017 - 22:16 Uhr
VorbachOberpfalz

Firma Novem in Vorbach/Eschenbach gestaltet Autos zur schicken Erlebniswelt Oberpfälzer fertigen für Tesla

Der Mega-Trend zur E-Mobilität weckt bei vielen Autozulieferern regelrecht Existenzangst. Es gibt aber Ausnahmen. Weil feines Innenraum-Design immer wichtiger wird, profitiert das Unternehmen Novem von E-Auto und autonomem Fahren. Kein Wunder, dass Tesla in der Oberpfalz wichtige Teile fertigen lässt.

Die Elektroautos des US-Herstellers Tesla sind auf Messen, wie hier dem Genfer Autosalon, echte Hingucker. Wer einen Blick ins Innere wagt, entdeckt echte Oberpfälzer Zutaten.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Vorbach/Eschenbach. Der visionäre Elon Musk rief selber am Unternehmenssitz in Vorbach (westlicher Kreis Neustadt/WN) an, um die hochwertigen Produkte für die Innenraum-Gestaltung für Modell-Reihen S und X final abzustimmen, unter anderem die komplette Mittel-Konsole und die Türen-Verkleidungen.

Vorstandsvorsitzender (CEO) Günter Brenner: "Wir profitieren von den neuen Trends gewaltig, unser jährliches Wachstum liegt im zweistelligen Bereich. Der Innenraum der Autos wird immer mehr zum Living-Room." Dabei stand es noch vor wenigen Jahren um die vor sieben Jahrzehnten gegründete Firma nicht gerade rosig. Die auf edle (Holz-)Zierteile für Premium-Autos spezialisierte Novem geriet 2011 durch Überschuldung in eine kritische Situation - eine bilanzielle Schieflage. Damals übernahm die Beteiligungsgesellschaft Bregal Unternehmerkapital das Zepter. Ihr durchaus antizyklisches Engagement war nicht risikofrei. Der Investor stellte sogar deutlich mehr Kapital - als für den Kaufpreis nötig - für weiteres Wachstum zur Verfügung.

Hinter Bregal steht die Familie Brenninkmeijer, bekannt durch die Marke C & A. Sie holte ein neues Management an Bord und machte Günter Brenner zum Chef. Brenner gilt in der internationalen Autozuliefer-Industrie als Kapazität; er verantwortete zuvor das Europageschäft des Unternehmens Autoliv mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz.

Vorbach als "Herzstück"

Rund 200 Millionen Euro investierte Bregal seit dem Jahr 2011 in Novem. Die langfristig ausgerichtete Strategie geht auf: Die Firma steht heute schuldenfrei da; sie ist in ihrem Segment mit einem Marktanteil von 45 Prozent der Weltmarktführer; der Umsatz verdoppelte sich auf 600 Millionen Euro und die Zahl der Mitarbeiter erhöhte sich von 3900 auf 6000 weltweit. In Vorbach, Eschenbach und Kulmbach arbeiten 1250 Beschäftigte. Unter den insgesamt zehn globalen Produktionsstandorten gilt Vorbach als das "Herzstück" (Brenner), wo neben der zentralen Verwaltung auch Forschung und Entwicklung sowie der internationale Vertrieb angesiedelt sind. CEO Brenner betont im Gespräch mit Oberpfalz-Medien ausdrücklich die "kurzen Wege" zwischen Fertigung und Headquarter sowie die komplette Wertschöpfungs-Tiefe.

"Wohnzimmer-Feeling"

Florian Schick, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Bregal Unternehmerkapital, wertet den Einstieg bei Novem als "absolute Erfolgsgeschichte": "Das Unternehmen ist eine wahre Perle und ein Hidden Champion." Das Kapital von Bregal förderte besonders die Internationalisierung mit Standorten von China bis Mexiko, von den USA bis Tschechien. Nach dem Bau einer neuen Verwaltung in Vorbach stehen für Sommer 2018 ein fesches Designzentrum sowie eine moderne Logistikhalle für zehn Millionen Euro an. "Wir sind global die Nummer Eins bei hochwertigen High-End-Produkten für das Auto-Interieur", betont CEO Günter Brenner. Neben Tesla veredeln auch Porsche, Mercedes, BMW, Land Rover u.a. die Innenräume mit Oberpfälzer Design-Elementen aus Holz, Aluminium, Carbon, Premiumsynthetik oder Leder. Brenner: "In der automobilen Oberklasse ist Novem drin." Die Mitarbeiter sind vor allem stolz auf ihre Kernkompetenz bei Holz: Drei Experten sind hier um den Globus unterwegs, um Furniere aufzukaufen, die dann zu 0,4 Millimeter dünnen Intarsien geschnitten werden. "Hochglanz geht zurück. Der Renner ist offenporiges Holz wie aus Esche, Pappel oder Nussbaum. Überhaupt folgt die Form den Linien", erläutert Markus Wittmann, Produktionschef für die weltweiten Standorte.

Wittmann erlaubt unserer Zeitung einen ebenso faszinierenden wie exklusiven Einblick in die automobile "Zukunftswerkstatt" - etwa auf das immer stärker nachgefragte "Greenmaterial" (zum Beispiel Zierleisten aus gepresstem Heu), technische Furniere für komplette Instrumenten-Tafeln; LED-Licht in allen Variationen für die Tür-Seitenteile (das Licht "bricht" entsprechend der Geometrie); sogenanntes Schwarzlicht schimmert mystisch hinter Pigmenten auf Aluminium.

Beleuchtete Linien und Schriftzüge sind über eine Smartphone-App individuell steuerbar. Oder der Touchscreen wird direkt in die Holz-Intarsie integriert. Markus Wittmann spricht von einem "Wohnzimmer-Feeling" in den Auto-Innenräumen.

Mode und Motoren: Was C&A und Novem verbindet

"Wir setzen auf Wachstum, statt auf Finanzakrobatik. Nachhaltigkeit ist Teil unseres Erfolgsrezepts." Florian Schick ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Bregal Unternehmerkapital. Der "Familien-Investor" übernahm 2011 die angeschlagene Firma Novem. Hinter Bregal steht die Familie Brenninkmeijer (C&A). Bregal investiert ihr "geduldiges Kapital" in zukunftsfähige Unternehmen aus dem Mittelstand im deutschsprachigen Raum. Im Idealfall entwickelt sich ein regionaler Champion so zu einem Weltmarktführer."Bisher haben wir deutlich mehr Kapital in Novem investiert, als wir herausgezogen haben", versichert Florian Schick gegenüber Oberpfalz-Medien. Es ist überhaupt das erste Interview des "Familien-Investors" seit langen Jahren: trotz zahlreicher Anfragen der Wirtschaftspresse.

Bregal unterhält in Deutschland und der Schweiz 12 Beteiligungen, u. a. an drei Autozulieferern. Es gehört offenbar auch zur Philosophie dieses etwas anderen Investors, dem Management "freie Hand" zu lassen. Meist beschränkt sich die Beteiligungs-Kontrolle auf Budget-Meetings, monatliche Telefonate und Beiratssitzungen. Schick: "Wir sind keine Manager, aber verstehen uns dennoch als aktive Gesellschafter: eine Voraussetzung für den Erfolg."

Der Bregal-Chef bestätigt, dass die Novem-Führungskräfte mit insgesamt 15 Prozent am Unternehmen beteiligt sind. Florian Schick setzt bei seinen Beteiligungen - dem Vernehmen nach eine mittlere dreistellige Millionensumme in den vergangenen zwei Jahren - auf Langfristigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Integrität und Nachhaltigkeit. Hochachtung zollt der Bregal-Chef den "Super-Mitarbeitern" aus der Oberpfalz: "Es ist sensationell, wie sie zu Novem stehen." Die Oberpfälzer Arbeitnehmer seien entscheidend für den einzigartigen Erfolg des Unternehmens. Schick ist überzeugt, dass die "Erfolgsgeschichte" von Novem noch lange fortgeschrieben wird: "Diese Perle des deutschen Mittelstands wird zum internationalen Innovationsführer in ihrer Marktnische." (cf)

Wir sind global die Nummer eins bei hochwertigen High-End-Produkten für das Auto-Interieur.

Günter Brenner, CEO Novem

Angemerkt von Clemens Fütterer

Fahrt in die Zukunft Bei allen Problemen: Die futuristische Tesla-Unternehmung setzt auf solide Oberpfälzer Auto-Zulieferer. Die sind nicht gestrig, sondern auf die Zukunft ausgerichtet, wie das Beispiel Novem zeigt. Die digitale Welt verlangt nach bewährten, alten Tugenden. Es ist die Chance der Oberpfälzer Hidden Champions, mit ihren Fertigkeiten und Qualitätsbewusstsein aufzuwarten.
Durch E-Mobilität und autonomes Fahren steigt perspektivisch etwa die Bedeutung von hochwertiger Innenraum-Atmosphäre mit schicken Design-Elementen. So weisen die Concept-Cars der nächsten und übernächsten Fahrzeug-Generation sogar komplette Holz-Fußböden auf.
Ein weiterer Umstand weckt Zuversicht: Immer mehr (Finanz-)Investoren entdecken den leistungsfähigen Mittelstand in der Oberpfalz und befeuern mit ihrem Kapital die Internationalisierung. Die Betonung liegt bei diesem Engagement auf Seriosität und Langfristigkeit – nicht auf der schnellen Rendite-Beute.

Tesla kauft erneut zu

Palo Alto. (dpa) Tesla kauft inmitten der Produktionsprobleme bei seinem ersten günstigeren Modell einen weiteren Spezialisten für automatisierte Fertigungsmaschinen. Die US-Firma Perbix sei bereits seit fast drei Jahren ein Tesla-Zulieferer gewesen, erklärte der Elektroauto-Hersteller am Dienstag. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt. Im vergangenen Jahr übernahm Tesla bereits den Maschinenbauer Grohmann Automation aus Prüm in Rheinland-Pfalz.
Der Konzern hat aktuell schwer mit dem Produktionsanlauf für das Model 3 zu kämpfen, das erste Tesla-Fahrzeug, das einen breiteren Markt ansprechen soll. Im vergangenen Quartal wurden statt der geplanten 1500 Wagen nur 260 montiert. Das Ziel, auf 5000 produzierte Model 3 pro Woche zu kommen, wurde von Ende des Jahres ins erste Quartal 2018 verschoben. Tesla-Chef Elon Musk zufolge gibt es unter anderem Probleme beim Bündeln der Batteriezellen zu fertigen Akkus.

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