02.05.2009 - 00:00 Uhr
WackersdorfOberpfalz

Vor 20 Jahren das Aus für die WAA in Wackersdorf: Ein Rückblick Eine Region wehrt sich

Siebeneinhalb Jahre hatten sich tausende Oberpfälzer gegen die verhasste Atomfabrik gestemmt. Mit wachsender Wut und Verzweiflung hatten sie erleben müssen, wie ihre Heimat nach und nach von Gewalt und staatlicher Arroganz gezeichnet wurde - und dann änderte sich mit einem Mal alles, zunächst noch im Geheimen.

Die Abrissbirne macht dem Schutzzaun an der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf den Garaus. Archivbilder: Gerhard Götz (3)
von Autor THYProfil

Bereits 1987 - zwei Jahre nach dem Baubeginn der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) nahe Wackersdorf im Landkreis Schwandorf - zweifelten deutsche Strom-Manager erstmals daran, dass die Atomfabrik gegen den Widerstand der Bevölkerung durchsetzbar und vor allem auch bezahlbar sei.

Im Oktober 1988 starb überraschend Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der die WAA massiv unterstützt hatte. Sein Nachfolger Max Streibl folgte willig den Absetzbewegungen der deutschen Stromunternehmen, die bereits mit dem französischen Atomkonzern Cogema verhandelten. Schließlich platzte Ende April 1989 die politische Bombe: Die Franzosen hatten angeboten, in ihrer Wiederaufarbeitungsanlage La Hague deutsche Brennelemente zu zerlegen, und dies erheblich billiger als es in der deutschen WAA möglich wäre. Damit war das Ende der Wackersdorfer Anlage besiegelt. Am 31. Mai 1989 wurde der Baustopp des Großprojekts verkündet, das so umkämpft war wie noch keines in Bayern.
Viele von denen, die damals dabei waren, erinnern sich heute, 20 Jahre danach, noch an jene bitteren Jahre, als die mittlere Oberpfalz den Ausnahmezustand erlebte: Mit bürgerkriegsähnlichen Kämpfen am "Chaoteneck", mit dem Einsatz von CN- und CS-Gas gegen Demonstranten, mit Razzien und Massenfestnahmen, mit verletzten Demonstranten und Polizisten - und auch mit drei Toten, die im Umfeld der Baustelle im Taxölderner Forst zu beklagen waren.

3400 Strafverfahren wurden eingeleitet. Mit Disziplinarverfahren wurden WAA-kritische Beamte überzogen, unter ihnen der Schwandorfer SPD-Landrat Hans Schuierer, der als politische Ikone des WAA-Widerstands gefeiert wurde und alle staatlichen Strafaktionen als unbescholtener Mann überstand. Infolge des Widerstands Schuierers und dessen Stellvertreters Dietmar Zierer (ebenfalls SPD) gegen das Wackersdorfer Atomprojekt schuf die Staatsregierung das bis heute geltende "Selbsteintrittsrecht des Staates", das gegen unbotmäßige nachgeordnete Verwaltungen eingesetzt werden kann.
Wer heute einen recht deutlichen Eindruck davon bekommen will, wie das damals alles war rund um Wackersdorf, ist mit einer Hör-Dokumentation gut bedient, die der Regensburger Lohrbärverlag in diesen Tagen, passend zum Baustopp-Jubiläum, auf den Markt bringt: Die Schriftsteller Dieter Lohr und Angela Kreuz haben die Berichte zahlreicher Augenzeugen des Kampfes um Wackersdorf mitgeschnitten. Herausgekommen ist "Der Fahrradspeichenfabrikkomplex", eine zwei CDs umfassende lebhafte Erinnerung daran, dass die Wackersdorfer WAA zu einem bis heute gültigen Lehrstück darüber geworden ist, wie Wirtschaft und Staat ein umstrittenes Großprojekt eben nicht durchsetzen können: Nicht gegen den Willen einer übergroßen Mehrheit der Bevölkerung und schon gar nicht mit Gewalt.

Schließlich war die geplante Atomfabrik ja nun wahrlich nicht mit einer harmlosen Fahrradspeichenfabrik zu vergleichen, wie dies der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß sehr gewagt getan und damit die Oberpfälzer gegen sich aufgebracht hatte. Pro Jahr sollten in der Wackersdorfer Anlage 350 Tonnen hoch radioaktiver Brennstäbe für den erneuten Einsatz in den deutschen Atomkraftwerken aufbereitet werden - mit unwägbaren Risiken für Gesundheit und Umwelt, wie die WAA-Gegner in Anhörungsverfahren und zahlreichen Verwaltungsgerichts-Prozessen nimmermüde betonten. Strauß hatte sich in den Oberpfälzern gründlichst getäuscht.
Der mit robustem Naturell ausgestattete bayerische Regierungschef war der Ansicht, die damals an notorischem Arbeitsplatzmangel leidenden Menschen in der mittleren Oberpfalz würden die WAA schon akzeptieren, wenn ihnen nur genügend Jobs beim Bau und Betrieb der wahrscheinlich zehn Milliarden Mark teuren Anlage geboten würden.

Zurück blieb vor 20 Jahren, nach dem Ende der Atomfabrik, eine Region, die sich nur langsam vom Trauma WAA erholte. Der erbitterte Streit um das Milliardenprojekt hatte sogar Familien zerrissen: Väter hofften auf Arbeit in der Wackersdorfer Anlage, die Kinder demonstrierten gegen die verhasste WAA. Im Taxölderner Forst, wo die Zukunft der Atomkraft langfristig gesichert werden sollte, entstand schließlich ein friedlicher Industriepark mit bester Infrastruktur und derzeit - nach Verlusten durch die aktuelle Wirtschaftskrise - noch etwa 2800 Arbeitsplätzen. Das sind immerhin 1200 mehr als in der WAA vorgesehen waren.

Wahrgewordene Visionen

Was sonst noch geblieben ist von der Atomfabrik? Zum Beispiel der doch sehr auffallende Umstand, dass seit dem Ende der WAA die politisch Herrschenden insbesondere in Bayern offenbar deutlich vorsichtiger bei der Durchsetzung von Großprojekten geworden sind. Mit hoher Wahrscheinlichkeit käme heute niemand in der Staatsregierung auf die Idee, über Jahre hinweg ganze Polizeiarmeen gegen demonstrierende Bürger in Marsch zu setzen.

Viele Visionen der einstigen WAA-Gegner von einer atomfreien Energiezukunft sind mit der stetig wachsenden Nutzung von Sonnenkraft, Wind und Biomasse wahr geworden, nicht zuletzt dank staatlicher Unterstützung. Ungelöst ist jedoch ein schwerwiegendes Problem, das den Bau der WAA erst ausgelöst hatte: Jahr für Jahr stapeln sich immer mehr verbrauchte, hochradioaktiv strahlende Brennelemente in den mittlerweile nahe bei den Atomkraftwerken gebauten Zwischenlagern. Ein unbestritten sicheres Endlager gibt es bis heute nicht.

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