19.03.2018 - 19:36 Uhr
Wackersdorf

Buchpräsentation von zwei WAA-Veteranen Nur das Geld zählt: Widerstand war zwecklos

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft", sagte George Orwell. Gert Wölfel und Reinhard Proske, zwei frühere Entscheidungsträger der geplanten WAA in Wackersdorf, präsentieren ihre Version der Geschichte des gescheiterten Projekts.

In der Wackersdorfer Dreifachturnhalle, eine der Segnungen nach dem Aus für die WAA, stellen Gert Wölfel (links) und Reinhard Proske ihr Buch zur niemals in Betrieb genommenen Wiederaufbereitungsanlage vor. Bild: jrh
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Kernbotschaft: Die Wiederaufbereitungsanlage sei nicht am Widerstand gescheitert - der Ausstieg kurz vor dem Einstieg sei Folge betriebswirtschaftlichen Kalküls und einer politischen Entscheidung. "Weder die Proteste, geschweige denn ein einsamer Landrat namens Schuierer haben das Projekt verhindert", sagt Proske, "wir haben den gar nicht zur Kenntnis genommen."

Die beiden WAA-Veteranen dokumentieren auf gut 100 Seiten weitgehend bekannte Fakten, die in die titelgebenden drei Hauptthesen münden: "Die WAA Wackersdorf

Politisch gewollt

Technisch machbar

Betriebswirtschaftlich unsinnig."

Ein Herzensanliegen des Betriebswirts (Wölfl) und des promovierten Chemikers (Proske): "In letzter Zeit haben uns die Halbwahrheiten bewogen, diese Dokumentation zu schreiben." Das Duo sei ohnehin erst zu einem Zeitpunkt auf den Plan getreten, als mit dem Baufortschritt die Demonstrationen deutlich zurückgegangen seien. Wölfl, der von 1978 bis 1990 Vorstand der DWK, der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, ein Zusammenschluss der zwölf größten deutschen Energieversorger, war, betont: "Die WAA war Steckenpferd der Politik, nicht der Energiewirtschaft." Und nicht etwa Franz Josef Strauß, das rote Tuch der WAA-Gegner, sondern die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt habe eine solche Entsorgungsanlage gesetzlich auf den Weg gebracht. "Man kann Strauß viel nachsagen, aber hier hat er nur in Auftragsverwaltung gehandelt." Die Energiewirtschaft sei alles andere als erfreut gewesen über den teuren Beschluss, aber "betriebswirtschaftliche Erwägungen haben bei der Planung keine Rolle gespielt", ergänzt Proske. Vielmehr hätten die Ölkrise, aber auch erste umweltpolitische Debatten zur Planung von 20 weiteren AKWs geführt: "Man wollte mehr Unabhängigkeit vom Ausland", erklärt Wölfl die Rahmenbedingungen, "zudem sorgte der saure Regen für damals vieldiskutierte Waldsterben."

Auch wenn die Autoren die Unwirtschaftlichkeit des zum Schluss 10 Milliarden Mark teuren Projekts nicht bestreiten: Wölfel und Proske lassen keinen Zweifel daran, dass sie den Atomausstieg für falsch halten: "Dadurch ist Deutschland ein riesiger volkswirtschaftlicher Schaden entstanden", kritisiert Proske, der die Risiken der Technologie für überschaubar und die Endlagerung für problemlos hält: "Das hätte den riesigen Salzstock in Gorleben nicht einmal gekratzt."

Der spätere Geschäftsführer der Wilden AG bedauert, dass jetzt andere das Geschäft mit der Atomenergie betreiben: "Macron war in China und hat eine Wiederaufbereitungsanlage verkauft." Im Gegensatz zur Überzeugung vieler Einheimischer hält er nicht viel von der Lesart, dass das Wunder von Wackersdorf der Region mehr Prosperität gebracht habe, als eine chemisch-nukleare Fabrik: "Die WAA hätte mit den Strukturen, die außenrum entstanden wären, mehr Arbeitsplätze geschaffen." Aber klar: Spätestens der Ausstiegsbeschluss hätte auch aus Sicht der WAA-Freunde das Aus der Anlage besiegelt. "Insofern bin ich froh, dass sie nicht gebaut wurde", schließt Wölfel.

Das Aus für den "WAAhnsinn"

1989 verkündete VEBA-Manager Rudolf von Bennigsen-Foerder den WAA-Ausstieg: Die Atomfabrik würde mit zehn Milliarden Mark zu teuer, die Wiederaufbereitung sei in La Hague wesentlich günstiger und - im Gegensatz zur Auffassung der Buchautoren - führe der Widerstand vor Ort zu massiven juristischen Problemen beim Genehmigungsverfahren. Man rechnete damit, dass die WAA frühestens 1998 hätte in Betrieb genommen werden können. Außerdem war WAA-Garant Franz Josef Strauß, der beteuert hatte, die WAA sei nicht gefährlicher als eine "Fahrradspeichen-Fabrik" und nur "Gspinnerte" könnten etwas gegen die "ungefährliche" Atomfabrik haben, im Oktober 1988 in die ewigen Jagdgründe eingegangen. (jrh)

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