09.10.2017 - 20:10 Uhr
WackersdorfOberpfalz

Der 10. Oktober 1987 vor dem Bauzaun der damals geplanten Wiederaufbereitungsanlage Berliner Polizisten knüppeln auf Demonstranten ein

Schwandorf/Wackersdorf. Es war die wohl schlimmste Attacke, die jemals im Namen des Freistaates Bayern gegen Bürger gestartet wurde. Am Nachmittag des 10. Oktober 1987 knüppelte eine Truppe von Berliner Polizeibeamten vor dem Bauzaun der Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Wackersdorf wahllos auf Menschen ein, die dort des Weges kamen.

Wer am 10. Oktober vor 30 Jahren am WAA-Bauzaun demonstrierte, sah sich prügelnden Berliner Polizisten ausgesetzt. Bild: Götz
von Autor HOUProfil

Der Widerstand gegen das gigantische Atomprojekt mit dem Namen WAA war in vollem Gang. 30 Jahre her und für junge Menschen nur noch in Geschichtsbüchern nachlesbar. Die Bürger der Oberpfalz wollten keine dauerhafte nukleare Gefahr in ihrer Region. Sie protestierten und demonstrierten. Der Staat holte die Polizei. Uniformierte und bürgerliche Fronten prallten im Taxöldener Forst aufeinander. Doch was dann am Samstag, 10. Oktober 1987, geschah, war ein Akt, der bis heute ohne vergleichbares Beispiel ist.

Zur Verstärkung uniformierter bayerischer Einheiten hatte der Berliner Innensenator Wilhelm Kewenig (CDU) eine Spezialtruppe nach Wackersdorf geschickt. Die Männer redeten nicht, sie handelten. Und zwar so, dass später von Tatbeständen wie der des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung ausgegangen werden musste. Wer ihnen an diesem Herbstnachmittag den Auftrag dazu gab, ist nie geklärt worden. Dieser Samstag im Oktober 1987 war als "Aktionstag" von seiten der Demonstranten deklariert. Plötzlich erschien eine Truppe vor dem WAA-Bauzaun, die sich wie "Star Troopers" aus einem Science-Fiction-Film ausnahm. Die Männer, vom Eindruck und vom Outfit her wie eine Eishockeymannschaft, eilten auf Menschen zu, die zufällig des Weges kamen. Dann holten sie mit ihren Knüppeln aus und droschen zu.

Die Berliner Spezialeinheit suchte sich ihre Opfer wahllos und tauchte ab. Zurück blieben Schwerverletzte. Unter denen, die niedergeknüppelt wurden, befand sich ein Abgeordneter der Grünen. Auch Journalisten waren dabei. Presseausweise spielten keine Rolle.

Der damalige Regensburger Polizeipräsident Wilhelm Fenzl war im sogenannten "Einsatzstab Wackersdorf", untergebracht beim BGS in Schwandorf, verantwortlich für den Ablauf dieses 10. Oktober. Er hatte, wie sich offenbarte, keine Ahnung vom Vorgehen der Berliner Truppe. Sie "arbeiteten" wohl, so ist zu vermuten, auf einem eigenen Funkkanal. Tags darauf rief Fenzl bei der NT-Redaktion Schwandorf an und wollte wissen. "Stimmt das?" Der diensthabende Redakteur konnte es ihm aus eigenem Erleben zwar nicht sagen, verwies Fenzl aber an eine Schwandorfer Reporterkollegin, die an diesem Nachmittag zweimal attackiert und zusammengeschlagen worden war. Der damalige Amberger Oberstaatsanwalt Wilfried Meixner fuhr später selbst nach Berlin, um Täter zu ermitteln. Er schaffte es nicht und traf auf eine Mauer des Schweigens. Weil die Schläger in Uniform das Helmvisier heruntergeklappt hatten und gleichsam anonym operierten. Bei einer Anhörung im Bayerischen Landtag höhnte der damalige Innenminister August Lang (CSU): "Jetzt hat mal die Polizei zugelangt. Und nun jaulen sie auf!" Lang war es auch, der die Truppe aus Berlin, von der nie einer für seine Brutalität zur Rechenschaft gezogen wurde, in ein Erholungsheim der bayerischen Polizei einlud. Die Ereignisse des 10. Oktober 1987 veränderten das Klima um die WAA-Auseinandersetzungen entscheidend. Polizeipräsident Fenzl, Nachfolger des von Ministerpräsident Franz-Josef Strauß abgelösten Polizeiführers Hermann Friker, hatte damals eben erst damit begonnen, die Fronten zu enthärten. Zwei Jahre später wurde der Atomanlagenbau eingestellt. Doch von denen, die als Spezialeinheit eine Blutspur hinterließen, redet man bis heute.

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