01.05.2004 - 00:00 Uhr
WaidhausOberpfalz

Bei Festakt zur Osterweiterung mit tschechischen Gästen überwiegt Europa-Optimismus Lachend Ängste überwinden

Die unkomplizierteste Form der Völkerverständigung am Vorabend des EU-Beitritts Tschechiens mahnte Landrat Simon Wittmann an. "Wir müssen lernen, über uns gegenseitig zu lachen." Ein wohltuender Vorschlag in all dem Pathos, das beim Festakt im Gasthof "Weißes Kreuz" von vielen Rednern beschworen wurde. Aber es war ja auch angebracht.

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

"So eine Überwindung der Grenze hat es seit den Zeiten Kaiser Karls IV. in unserer gemeinsamen Geschichte kaum mehr gegeben", staunte Regierungspräsident Dr. Wilhelm Weidinger.

Fast war es wie der Countdown zu Silvester: Über 100 Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung beider Länder fieberten gemeinsam Mitternacht entgegen, als die Europäische Union mit einem Schlag 25 Mitglieder mehr umfasste. Und Nachbarn sich wieder in Augenhöhe gegenüber standen, wie sich Dr. Petr Zimmermann, der Regionspräsident von Pilsen, freute: "Wir haben Jahrtausende in dieses Europa hineingehört. Das ist ein glücklicher Punkt in der tschechischen Geschichte."

Zustimmender Beifall, vor allem der vielen deutschen Gäste, machte deutlich, dass die Simultanübersetzung von Sven Dietrich über Kopfhörer nicht nur akustisch angekommen war.

Heilbare Wunden

Weil Deutschland und Tschechien gerade auch in der Grenzregion viel aneinander gelitten haben, erinnerte Senator Jiri Skalicky aus Prag an die jüngste Vergangenheit: "Die Wunden sind nicht fehlende Infrastrukturen, es sind Befürchtungen vor billigen Arbeitskräften in Deutschland und einem Ausverkauf von Grund und Boden in Tschechien." Optimistisch sah er dies aber nicht als unüberwindlich an.

Schließlich war das auch der Eiserne Vorhang nicht, wie der Drahtscheren-Schnitt von Hans-Dietrich Genscher, der wegen einer Auslandsreise nicht in Waidhaus dabei sein konnte, und Jiri Dienstbier am 23. Dezember 1989 gezeigt hatte. Dieses Datum zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Dass es dann fast 15 Jahre bis zum EU-Beitritt gedauert hat, erschien dem ungeduldigen Skalicky fast als zu lang. Zimmermann konnte es dagegen kaum fassen, wie schnell die Veränderung des politischen Systems in seinem Land vorwärts gekommen ist.

Das würdigte auch Staatssekretärin Emilia Müller als Brüssel-erfahrene Ex-Europaabgeordnete: "Die tschechischen Kollegen haben es geschafft, 83 000 Seiten Gemeinschaftsrecht in nationales Recht umzusetzen."

Dass daran während des Kalten Krieges kaum ein Gedanke zu verschwenden war, berichtete Wittmann aus persönlichem Erleben. Trotz eines gültigen Visums durfte er 1969 als junger Student nicht in die Tschechoslowakei einreisen. Dabei hatte er sich als Tourist doch nur Prag ansehen wollen.

Sein Referat galt aber vor allem der Zukunft. "Wir müssen lernen, uns als gemeinsame Region zu begreifen." Dazu schwebt dem Landkreischef unter anderem schon ein Fernradweg von Paris nach Prag vor.

Mahnung zum Frieden

Wittmann zitierte auch die Notwendigkeit von Frieden und Freiheit. Was das bedeute, habe er als Augenzeuge selbst gespürt, sagte der Waidhauser Bürgermeister Anton Schwarzmeier. Als die ersten DDR-Bürger über die Tschechische Republik nach Waidhaus ausreisten, hätten sie sich kaum getraut, aus ihren Autos auszusteigen. So sehr hätten sie der Freiheit misstraut. Zumindest darüber kann man mit 15 Jahren Abstand fast lachen.

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