04.01.2018 - 21:26 Uhr
WaidhausOberpfalz

Vietnamesischer Top-Manager entführt - Tatverdächtiger über Waidhaus ausgeliefert Die Oberpfalz im Zentrum eines Agentenkrimis

Wie im Agentenkrimi: In Berlin wird im Juli 2017 ein vietnamesischer Top-Manager (52) auf offener Straße gekidnappt und nach Hanoi entführt. Zum Verhängnis wird ihm seine junge Geliebte. Eine Spur zu den Tätern führt nach Prag - und damit kommt Waidhaus ins Spiel.

Auftritt einer Spezialeinheit in Waidhaus: Long N., einer der mutmaßlichen Beteiligten an der Entführung eines vietnamesischen Geschäftsmannes in Berlin, wird bei der Bundespolizei in der Vohenstraußer Straße nach Deutschland ausgeliefert. Die Überstellunge erfolgt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen mit Unterstützung der neuen Sondereinheit "BFE +". Bild: Bundespolizei
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Berlin/Waidhaus. Der Fall hatte international für Aufsehen gesorgt: Am 23. Juli 2017 wurden der vietnamesische Top-Manager Thanh Xuan Trinh, genannt "TXT", und seine 26-jährige Freundin am Berliner Tiergarten in einen VW Multivan gezerrt. Sie schrien und wehrten sich heftig. Mehrere Augenzeugen wählten den Polizeinotruf und gaben das tschechische Kennzeichen durch. Schnell war ermittelt: Das Entführerfahrzeug war in einer kleinen Travel-Agency auf dem "Sapa"-Asiamarkt bei Prag gemietet worden. Und zwar von Long N., einem 46-jährigen Vietnamesen, der dort ein Geldtransfer-Büro betreibt. Er soll dabei im Auftrag des vietnamesischen Geheimdienstes gehandelt haben.

Davon ist die deutsche Ermittlungsbehörde - die Bundesanwaltschaft - überzeugt. Der Haftbefehl aus Karlsruhe lautet auf "geheimdienstliche Agententätigkeit auf dem Gebiet der Bundesrepublik und Beihilfe zur Freiheitsberaubung". Am 12. August 2017 nahmen tschechische Spezialkräfte den Gesuchten in Prag fest. Und schon am 23. August 2017 wurde der vietnamesische Staatsbürger über Waidhaus nach Deutschland ausgeliefert.

"Puma" über Waidhaus

Diese Überstellung blieb im Grenzmarkt nicht unbemerkt. Dafür sorgte schon allein die Landung eines "Super-Pumas" der Bundespolizei. Von tschechischer Seite rollten Wagen mit dem festgenommenen Long N. (46) aus Prag heran. In der Dienststelle der Bundespolizei an der Vohenstraußer Straße wurde der Mann übergeben. Dann begleiteten ihn Beamte der Spezialeinheit "BFE +" (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit plus der Bundespolizei) zum Hubschrauber auf eine nahe Wiese. Diese Beamten, ausgebildet von der GSG 9, sind obligatorisch mit Sturmgewehren und schusssicheren Westen ausgestattet. Eine solche trug auch der Festgenommene.

Long N. befindet sich seither in deutscher Untersuchungshaft. Nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen hat Long N. den Volkswagen in Prag am 20. Juli 2017 für vier Tage gemietet. Er fuhr noch an diesem Tag selbst nach Berlin. Drei Tage später wurden Trinh und seine Begleiterin in eben dieses Fahrzeug gezogen, so die Bundesanwaltschaft.

Dieses Auto ist Long N. zum Verhängnis geworden. Der Multivan ist zum Diebstahlsschutz mit GPS-Ortung versehen. Damit ließ sich die Route nachvollziehen. Das Paar wurde demnach nahe der Siegessäule entführt und auf direktem Weg in die vietnamesische Botschaft nach Berlin-Treptow gebracht. Dort hielt man sich etwa fünf Stunden auf. Trinh sei dann - getarnt als Krankentransport - über Moskau nach Vietnam geschafft worden.

Zehn Tage später wurde der ehemalige Top-Manager im vietnamesischen Staatsfernsehen präsentiert, wo er ein "Geständnis" ablegte. Dessen Freiwilligkeit zweifelt seine deutsche Anwältin Petra Schlangehauf an. Sie bezeichnet Trinh als "Opfer eines Machtkampfs innerhalb der Kommunistischen Partei Vietnams". Der schwerreiche 52-Jährige war KP-Funktionär und kurzzeitig Abgeordneter der Nationalversammlung.

Liebesnacht im "Sheraton"

Am Montag, 8. Januar, soll nun sein Prozess in Hanoi beginnen. Trinh droht die Todesstrafe. Konkret werfen ihm die Ankläger vor, als Chef eines Tochterunternehmens der staatlichen "Petro Vietnam" über 50 Millionen Euro zweckentfremdet zu haben. Mindestens vier Milliarden vietnamesische Dong (150 000 Euro) soll "TXT" in die eigene Tasche gesteckt haben. Er soll zudem Schmiergeld in Höhe von 500 000 Euro angenommen haben. Der 52-Jährige muss um sein Leben fürchten. Vietnam führt Hinrichtungen auch durch.

Das ist auch der Grund, warum sich Deutschland im Vorfeld so hartnäckig einem Auslieferungsersuchen verweigerte - bis sich Vietnam schließlich offenbar selbst bediente. Das Auswärtige Amt sprach nach dem Verschwinden des Geschäftsmannes von einem "eklatanten Verstoß gegen deutsches Recht und das Völkerrecht". Trinh hatte 2016 in Deutschland politisches Asyl beantragt, wo er einst zu DDR-Zeiten studiert hatte. Seine Frau war 2017 nach Berlin nachgekommen.

Pikant: Die Nacht vor der Entführung verbrachte der 52-Jährige mit seiner vietnamesischen Geliebten (26), die am Vortag in Berlin-Tegel gelandet war. Laut "Süddeutscher Zeitung" checkte das Paar im "Sheraton" ein. Daheim habe Trinh erzählt, er müsse einige Tage in einer Asylbewerberunterkunft verbringen, um seine Anerkennung nicht zu gefährden. Der Geheimdienst soll die Geliebte beschattet haben, um an den gesuchten Millionär zu kommen - was am Ende ja gelang.

Gruppe aus Tschechien

Aufschlussreich waren für die Ermittler des Landeskriminalamtes Hotelbuchungen in Berlin um diese Zeit: Eine Woche vor der Tat quartierten sich drei Vietnamesen in einem Hotel nahe des Kurfürstendamms ein. Am 18. Juli folgte eine zweite Gruppe aus Tschechien, die einen BMW X 5 mitbrachte, aus dem heraus ab 19. Juli Trinhs Freundin observiert wurde. Am 20. Juli brachte Long N. den Multivan. Unmittelbar nach der Entführung am 23. Juli wurden sämtliche Hotelzimmer innerhalb von Minuten geräumt und eine Botschaftsangehörige buchte drei Flüge nach Hanoi: für zwei Mitarbeiter und die Geliebte.

Long N. ist nach wie vor der einzige Inhaftierte in dieser Angelegenheit. Die Ermittler hätten laut "Süddeutscher Zeitung" mindestens fünf Botschaftsmitarbeiter identifiziert, die verwickelt sein sollen. Problem: Alle haben Diplomatenstatus. Zwei Diplomaten mussten Deutschland inzwischen verlassen.

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