Weihnachten in der Autobahnkirche
Weihnachtsgottesdienst in der Autobahnkirche Waidhaus

"Mir ist es wichtig, anderen etwas von meiner Zeit zu schenken." Zitat: Gunhild Stempel, evangelische Vorsitzende des Trägervereins Ökumenische Autobahnkirche
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Waidhaus
23.12.2016
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Katholisch, evangelisch oder orthodox? Egal - die Krippe gehört zum Weihnachtsfest dazu. Auch in der Autobahnkirche Waidhaus ist eine aufgebaut. Maria, Josef und das Jesuskind fehlen noch, aber bis zum ökumenischen Gottesdienst am 24. Dezember beziehen sie ihre Herberge. Bilder: esm (2)

Nur wenige Lastwagenfahrer verirren sich in die Autobahnkirche in Waidhaus. Weihnachten ändert daran nichts. Gunhild Stempel glaubt nicht, dass es am 24. Dezember mehr Gläubige als sonst in die Kapelle verschlägt.

Von Marion Espach

Für sie spielt es auch keine Rolle, woher jemand kommt oder welcher Konfession er angehört. Die 77-Jährige freut sich über jeden Besucher an Heiligabend. "Es ist nicht wichtig, ob jemand katholisch, evangelisch oder orthodox ist", betont die evangelische Vorsitzende des Trägervereins Ökumenische Autobahnkirche. Und im Mittelpunkt einer jeden Religion stehe ohnehin die Liebe, vor allem an Weihnachten. "Und das Schenken natürlich auch", sagt sie lachend.

Eigentlich soll die Autobahnkirche "Heilige Dreifaltigkeit" ein Ort sein, an dem Reisende zur Ruhe kommen können. Die Kirchentüren stehen aber nicht nur Fremden offen. Stempel empfindet es als genauso wichtig, Menschen aus der Umgebung in das Gotteshaus zu locken. "An Weihnachten es auch immer ziemlich voll."

Den Gottesdienst am 24. Dezember hält die ordinierte Laienpredigerin, lässt ihr Konzept aber vom katholischen Pfarrer der Gemeinde absegnen. Auch für die Weihnachtsdekoration wie Krippe und Christbaum sind katholische Gläubige verantwortlich. "Jeder übernimmt ein paar Aufgaben. So, wie es in einer Ökumene sein soll", erklärt die 77-Jährige.

Wer eine normale Christmette erwartet, ist in der Autobahnkirche falsch. "Es gibt zum Beispiel kein Abendmahl und kein Krippenspiel." Beides Dinge, die vor allem für Katholiken wichtige Elemente im Weihnachtsgottesdienst seien. Dafür läuten die Kirchenglocken wie gewohnt: Einmal 20 Minuten und einmal 10 Minuten, bevor die Andacht beginnt.

Auch der Stern von Bethlehem gehört zum ökumenischen Gottesdienst. "Nur, dass wir ihn als ,Herrenhuter Stern' bezeichnen." Er sei ein wichtiges Symbol für Evangelisten und stehe dafür, das Licht in die Welt hinauszutragen. Lieder werden dagegen nur solche gesungen, die sowohl die katholische als auch evangelische Seite kennt: "Oh du fröhliche" "Ich steh an deiner Krippe" und "Stille Nacht". Weihnachts-Schlager eben, wie Stempel sie bezeichnet.

Geben und nehmen

Seit zwölf Jahren kümmert sich die pensionierte Lehrerin um die Kirche, die Gottesdienste und die Gläubigen. Ehrenamtlich und mit ganzen Herzen. Sie will geben und für andere da sein, anstatt nur zu nehmen. "Mir ist es wichtig, anderen etwas von meiner Zeit zu schenken." Und darum gehe es schließlich auch an Weihnachten: Mitmenschen ein Geschenk zu machen. Genauso wichtig ist ihr die Predigt, um die Kirchenbesucher erreichen, sie zum Nach- und auch zum Umdenken anzuregen. "Die Leute sollen ja nicht einschlafen dabei, sondern etwas aus meinen Worten mitnehmen."

Meistens gelinge ihr das ganz gut, denn sie gestalte ihre Reden lebendig und unterhaltsam. "Ein Vorteil der Ökumene, da kann man frei reden", lacht Stempel. Sie wünscht sich, dass sich die Konfessionen irgendwann einmal gegenseitig in ihre Kirchen einladen. "Perfekt wäre, wenn auch mal ein katholischer Pfarrer im evangelischen Gottesdienst predigt, und umgekehrt." Statt eines Krippenspiels gibt es ein Wechselgespräch, das Flüchtlinge aus dem Ort vortragen. Text und Aussprache haben sie mit einer Deutschlehrerin geübt. "Dafür singen wir ihnen ein Lied auf Arabisch vor." Verschiedene Religionen und Kulturen sollen sich vermischen. Wie es sich in einer Ökumene eben gehört. Dazu hat Stempel alle Flüchtlingsfamilien aus der Umgebung zum Gottesdienst eingeladen.

Einen Schritt weiter

Würden die Flüchtlingsfamilien am Heiligen Abend in den Gottesdienst kommen, wäre das für Stempel ein Zeichen, alles richtig zu machen. "Wir würden damit einer Ökumene einen Schritt näher kommen." Für sie mit das schönste Geschenk

Mir ist es wichtig, anderen etwas von meiner Zeit zu schenken.Gunhild Stempel, evangelische Vorsitzende des Trägervereins Ökumenische Autobahnkirche


Autobahnkirche WaidhausDer ökumenische Gottesdienst am 24. Dezember um 17 Uhr ist etwas Besonderes. Die Tür der Kapelle steht aber das ganze Jahr über offen und lädt zu Ausstellungen, Konzerten, Taizé-Andachten und Lesungen ein.

"Wir halten auch Gedenk-Andachten für Unfallopfer ab", erklärt Gunhild Stempel. Deutschlandweit gibt es 46 Autobahnkirchen. Seit die Autobahnkirche 2004 zur ersten ökumenischen Autobahnkirche in Bayern wurde, haben sich die katholischen und evangelischen Gläubigen der Gemeinde angenähert. Für Stempel reicht das aber noch lange nicht aus. "Das Miteinander könnte schon mehr sein." Den Idealfall hat sie schon vor Augen: Katholiken besuchen evangelische Gottesdienste, laden zu ihren Gottesdiensten ein und predigen dort auch mal. "Ich denke, die Zeit für eine Ökumene ist reif." (esm)
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