Bernhard Setzwein erzählt in seinem neuen Roman eine faszinierende Familiengeschichte
Japan liegt in Böhmen

Kultur
Waldmünchen
13.10.2017
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Ein Beispiel gelungener Integration: Die Japanerin Mitsuko (rechts) kleidete sich und ihre Kinder europäisch, Vater Heinrich (links) sorgte für eine kosmopolitische Erziehung. Vor allem bei Sohn Richard (in der Mitte) hinterließ dies Spuren. Er gründete später die Paneuropa-Bewegung. Bilder: Beer (2)
 
Graf Hansi mit seiner Ehefrau, der Flugpionierin Lilly Steinschneider, porträtiert vom Maler Alfred Offner, der eine Zeitlang im Schloss Ronsperg lebte.

Der Schriftsteller Bernhard Setzwein hat einen Roman geschrieben, über eine ungewöhnliche Familie: Ein Graf im diplomatischen Dienst heiratet eine Japanerin und bringt sie mit nach Böhmen. Daraus entwickelt sich eine große Geschichte.

Da taucht Ende des 19. Jahrhunderts ein österreichischer Graf mit seiner japanischen Frau ganz weit hinten in den böhmischen Wäldern auf und sorgt für ziemlich Aufsehen und Verwirrung. Wie sind Sie auf diese außergewöhnliche Geschichte gestoßen?

Bernhard Setzwein: Mein Interesse hat sich langsam aufgebaut, es musste erst eins zum anderen kommen. Am Anfang war die Faszination für den Ort. Pobežovice, das frühere Ronsperg, liegt nur wenige Kilometer von meinem langjährigen Wohnort Waldmünchen entfernt, im ehemaligen Grenzsperrbezirk der alten Tschechoslowakei. Mit anderen Worten: Als absolut marod und gottverlassen entdeckte ich ihn kurz nach der Wende, mit dem verfallenen Schloß am Hauptplatz. Immer wieder ist es die Magie solcher Orte, die mich zum Schreiben und Fantasieren anstachelt. Was hat sich in diesen Mauern abgespielt?

Als ich dann erste Informationen über diese unglaubliche Familie erhielt, war's geschehen. Etwa über die Frau, die immer wieder, nicht ganz zutreffend, als erste Japanerin in Europa tituliert wurde, und die 1896 mit Heinrich Coudenhove, einem unglaublich belesenen und vielseitig interessierten Mann - er hat zum Beispiel eine wegweisende Antisemitismus-Studie verfasst - hier in das böhmische Bauernstädtchen kam. Sieben Kinder zog sie groß, darunter Richard Coudenhove, Begründer der Paneuropa-Union, also einer Frühform der heutigen EU. Wohlgemerkt: Von einem Halbjapaner stammt diese Idee. Dann gab es noch die Schwester Ida, spätere Görres, eine in den 50er und 60er Jahren bekannte katholische Schriftstellerin. Oder Hansi, das älteste der sieben Kinder, ein Dandy, ein Exzentriker, eine Art böhmischer Salvator Dalí.

Das Buch ist nicht nur eine Familiensaga derer von Coudenhove-Kalgeri, sondern auch die Geschichte unseres Jahrhunderts von der k.-u.-k-Monarchie, über den Zweiten Weltkrieg und die Zeit danach. Wie hat es diese Adelsfamilie geschafft, durch die Jahrzehnte zu kommen?

Das ist ja das Faszinierende, dass in dieser Familie so unterschiedliche Charaktere anzutreffen sind, dass sich diese Frage bei jedem einzelnen anders beantwortet. Gleichzeitig bildet sich dadurch im Mikrokosmos dieser einen Familie der Makrokosmos einer ganzen europäischen Ideenwelt ab. Da müssen Diskussionen zwischen den Familienmitgliedern abgelaufen sein, unglaublich. Ein paar habe ich ja versucht mir vorzustellen und quasi als kleine Kammerspiele in den Roman eingebaut.

Besonders herauskristallisiert sich dabei das Brüderpaar Richard und Hansi, dem sie ein literarisches Denkmal gesetzt haben. Was hat Sie an diesen beiden Figuren besonders fasziniert?

An ihnen lässt sich die Frage, wie kam die Familie durch den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts, besonders plastisch darstellen. Beide waren ja mit jüdischen Frauen verheiratet. Richard mit der damals bekannten Wiener Burgschauspielerin Ida Roland und Hansi mit Lilly Steinschneider aus Budapest. Sie war die zweite Frau im gesamten Habsburgerreich, die einen Pilotenschein gemacht hat, 1910. Also eine frühe Flugpionierin.

Während nun Richard und Ida Roland schon sehr früh die Gefahr des Nationalsozialismus erkannten und nach Amerika emigriert sind, blieb Hansi all die Jahre in Ronsperg und glaubte, als eine Art politischer Till Eulenspiegel die Nazis an der Nase herumführen zu können. Seine Ehefrau Lilly ist übrigens aus Ronsperg verschwunden, auch wenn sie sich erst nach dem Krieg haben scheiden lassen. Hansis indifferentes Verhalten - um es mal vorsichtig zu sagen - ist ihm gar nicht gut bekommen. Nicht nur dass er das Schloß und all seinen Besitz verloren hat, er kam auch nach Kriegsende in ein gulag-artiges Sammellager, nach Chrastavice in die Nähe von Domažlice.

Wie schwierig war es, an Material für diesen Roman zu kommen, und wie lange haben sich die Recherchen dafür hingezogen?

Teilweise gar nicht einfach. Zum Beispiel das gerade angesprochene Lager in Chrastavice. Hier wurden deutschstämmige Bewohner der Grenzregion festgehalten, denen man Kollaboration mit den Nazis nachweisen wollte. Das ist in Tschechien immer noch mit einem großen Tabu belegt. Teilweise halfen persönliche Gespräche weiter, auch mit Zeitzeugen. So zum Beispiel Franz Bauer, der eine Ortschronik von Ronsperg verfaßt hat. Sein Vater kannte noch den Graf Hansi gut, und auch er selber hat noch Erinnerungen, er war 16, als es zur Vertreibung der Deutschen kam. Sehr intensiv befragt habe ich auch Barbara Coudenhove, ehemalige ORF-Korrespondentin für Osteuropa. Ihr Vater Gerolf war ein Bruder von Richard und Hansi. Und dann gibt es auch noch etliche schriftliche Quellen, angefangen von den Memoiren Richard Coudenhoves, über ein Tagebuch der japanischen Mutter Mitsuko bis zu der Antisemitimus-Schrift von Heinrich Coudenhove, von der übrigens Sigmund Freud gemeint hat, sie sei das Beste, was auf diesem Gebiet geschrieben wurde. Ja, da gingen ein paar Jahre ins Land mit Recherchen.

Dieser Heinrich hat ja das Schloss zu einer Art kulturellem Mittelpunkt gemacht. Das kann man doch so sagen?

Unbedingt. Er hat, als er mit seiner Frau 1896 nach Ronsperg kam, eine riesige Bibliothek mitgebracht. Er war ja als Habsburger Diplomat schon in der ganzen Welt herumgekommen. Vor allem Religionsgeschichtliches hat ihn sehr interessiert. Aus dieser früheren Zeit hatte er noch Freundschaften, über die halbe Welt verteilt. Und die lud er teilweise nach Ronsperg ein. Popen der orthodoxen Kirche waren ebenso zu Gast, wie ein muslimischer, angeblicher Kalifensohn aus Indien. Der war in Sachen Panislamismus in Eurpoa unterwegs, also um die Muslime zu einigen. Richard Coudenhove schreibt, dieser Mister Sohraworthy, so hieß er, habe ihn schon als Jugendlicher auf die Idee einer wesensgleichen Paneuropa-Union gebracht. Ein muslimischer Inder bringt einen Halbjapaner in einem winzigen, abgelegenen Böhmerwald-Städtchen auf die Idee der europäischen Einigung! So was kann man sich unmöglich ausdenken!

Nach der Trilogie "Die grüne Jungfer" (2003), "Ein seltsames Land" (2007) und "Der neue Ton" (2012) sind Sie wieder ins Böhmische zurückgekehrt. Was reizt Sie immer wieder an unserem Nachbarland?

Naja, nachdem was ich gerade erzählt habe, kann man, glaube ich, schon sagen: Dieser Roman geht weit über mein zugegeben bevorzugtes Thema Böhmen hinaus. Etliche Kapitel spielen in Budapest, der Heimat von Lilly Steinschneider. Riesenspaß hat die Beschreibung der frühen "Flug-Meetings" gemacht. Einige Kapitel spielen in Wien, wo die jungen Coudenhove-Brüder auf ein Elite-Gymnasium gingen und studierten. Es gibt sogar einen Abstecher nach Japan. Alles in allem würde ich sagen: Hier wird noch deutlicher als in meinen anderen Arbeiten, daß es mir letzten Endes um Mitteleuropa geht. Um die Idee einer über-nationalen geistig-kulturellen Einheit und Verbundenheit.

Das Buch hat ja inzwischen die 4. Auflage erreicht. Worin liegt, Ihrer Meinung nach, das große Interesse am "Böhmischen Samurai"?

Dass der Roman auf einer wahren Geschichte basiert. Dass man Überreste davon noch immer selber in Augenschein nehmen kann. Es gab ja im Juli eine Art literarischer Exkursion zu den Schauplätzen des Romans, ich habe an Ort und Stelle die entsprechenden Kapitel gelesen. Das löst natürlich, stelle ich mir vor, enormes Kopfkino aus. Jedenfalls war der Zuspruch so riesig, dass wir gar nicht alle Interessierten mitnehmen konnten. Vielleicht wiederholen wir das Ganze noch einmal nächsten Sommer. Ich prophezeie sowieso: Das Coudenhove-Thema, das kommt erst noch so richtig!

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Bernhard Setzwein: "Der Böhmische Samurai" (464 Seiten, 22,90 Euro, Haymon-Verlag).

Bild: privat

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