Prozess um Fünfjährigen in Waldmünchen "Verwahrlost und vernachlässigt"

Sie sollen ihren Sohn aus Angst vor dem Jugendamt trotz lebensgefährlicher Brandverletzungen nicht zum Arzt gebracht haben: Im Prozess gegen die Eltern des heute Sechsjährigen hören die Richter die Betreuerinnen des Buben und seiner vier Geschwister als Zeuginnen an.

von Autor AHSProfil

Waldmünchen/Regensburg. Das Paar (beide 37) aus dem Altlandkreis Waldmünchen muss sich derzeit vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Regensburg unter anderem wegen gemeinschaftlich begangenen versuchten Mordes in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen und schwerer Körperverletzung, jeweils begangen durch Unterlassen, verantworten. Sie hatten ihren Sohn tagelang ärztliche Versorgung gelassen, obwohl er durch einen Unfall schwere Verbrennungen erlitten hatte.

Bei der Befragung berichtete eine Erzieherin, bei der die zwölfjährige Schwester und der zweijährige Bruder untergebracht waren, die beiden hätten bei der Übergabe einen "verwahrlosten und vernachlässigten Eindruck" gemacht. Das Mädchen hätte nicht einmal gewusst, wie man Haare wäscht. Der Bub hatte an der Stirn eine genähte Wunde, bei der - obwohl längst überfällig - die Fäden noch nicht gezogen waren. Ihre eigene Tochter habe zudem am Hinterkopf eine weitere Platzwunde festgestellt. Der Bub habe erzählt, dass ihn der Papa geschlagen hatte. Da habe sich seine Schwester eingemischt. "Er ist auf Papas Knie gefallen."

Auch hätten beide Kinder in der Vergangenheit offensichtlich nicht ausreichend zu Essen bekommen: Der Bub stopfte oft zwei bis drei Portionen in sich hinein und wollte kurz darauf schon wieder essen. Seine Schwester sei etwas zurückhaltender gewesen. Im Zusammenhang mit dem Unfall des damals fünfjährigen Bruders habe der Zweijährige gesagt: "Der ... hat verbrannt. Die Mama war's." Deshalb habe sie seine Schwester gefragt, ob sie sich vorstellen kann, dass Mama sowas gemacht hat. Zur Antwort habe sie bekommen: "Ja, hat so was schon öfter gemacht, auch mit Tassen nach uns geworfen."

Die Betreuerin eines Kinderhauses, in dem zwei der Geschwister und später der verletzte Fünfjährige in Obhut genommen wurden, berichtete, alle drei seien "reichliche Esser" gewesen. Als der Fünfjährige ins Heim kam sei er "sehr auffällig" gewesen: Er hatte Angst vor Nähe und zu Wutausbrüchen geneigt. Auch habe er versucht, seine Brandwunden zu verstecken. Einmal habe sie ihn beobachtet, wie er Toilettenpapier aß. Darauf angesprochen habe er gemeint, dass das "normal" sei.

Die Angeklagten zeigten während der Zeugenvernehmung keine Gemütsregung. Anschließend erkannten sie einen Antrag der Nebenklagevertreterin an. Darin verpflichteten sie sich, an ihren verletzten Sohn ein Schmerzensgeld von 10 000 Euro - die Mutter zusätzlich weitere 20 000 Euro - zu zahlen.

Anschließend stellte die Jugendschutzkammer die Vorwürfe des Diebstahls und der Bedrohung, sowie den der Körperverletzung ein, da diese "nicht beträchtlich ins Gewicht fallen würden". Am Nachmittag fanden die Plädoyers unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nach Auskunft des Pressesprechers des Landgerichts, Thomas Polnik, beschränkte sich die Anklagevertreterin bei der Mutter auf die Vorwürfe der fahrlässigen Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen, wofür sie eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten forderte. Der Vater soll nach ihrem Willen wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen für sechs Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Die Verteidiger Jörg Meyer und Michael Haizmann hielten bei ihren Mandanten eine Freiheitsstrafe von jeweils zwei Jahren und neun Monaten für tat- und schuldangemessen. Das Urteil wird am Donnerstag verkündet.

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