14.09.2012 - 00:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Serie: Spaziergang durch Ateliers heimischer Künstler - Susanne Neumann in Waldsassen "Und manchmal wird es genial"

Eine schwarze Faschingsperücke, die aus Susanne Neumann in ihren Kindertagen eine Indianer-Squaw machte, ziert das Fensterbrett. Neben dem "Skalp" aus Kunsthaar hat jemand mit schwarzer Farbe "James Bond" auf die Scheibe im Schuppenfenster geschrieben. Seit einem Jahr lebt die gebürtige Waldsassenerin wieder in der Klosterstadt in ihrem Atelier in der Mühlbachgasse 3.

Susanne Neumann in ihrem Waldsassener Garten mit einem zersplitterten italienischen Autospiegel aus ihrer Sammlung. Rund 100 davon hat die Künstlerin an einer vielbefahrenen Engstelle an der Via delle Bagnese bei Florenz eingesammelt. Jährlich kommen neue dazu. Bild: Grüner
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Eigenwillig ist der Dachboden in der Scheune aufgeräumt. Eine Installation eben. Alte Fenster, unsymmetrisch und doch geordnet aufeinandergestapelt und mit Neonröhren von unten her beleuchtet, bilden das Zentrum. Aller möglicher Kleinkram von alltäglichen Gebrauchsgegenständen ist vor einem Schrank gestapelt und bildet ein weiteres Kunstwerk. Im Hof stehen die Reste von zehn Weihnachtsbäumen.

Die hatte die Großmutter der Künstlerin in einem Holzschuppen als Brennholz gehortet. Die Äste grob abgezwickt, ebenfalls die Spitzen. Beim Antiquitätenhändler hat sich Susanne Neumann umgesehen und genauso viele alte Christbaumständer gekauft. Darin präsentiert sie die jämmerlichen Baumreste als Installation. Warum das Kunst sei? "Art is, what Artists do", antwortet sie. Also Kunst ist das, was Künstler machen. "Für mich symbolisiert diese Installation den Geist vergangener Weihnachten mit all den damit verbundenen Wünschen und Sehnsüchten", sagt Neumann. "Eigentlich eine eher traurige Angelegenheit."
Über die Hälfte des Jahres ist sie hier. Die große Leidenschaft ist ihr kleiner Bauerngarten. Und der braucht kontinuierliche Pflege. Auch dort ist alles irgendwie Kunst, hängen verschiedene Dinge von Bäumen herab. Abgefahrene Autoseitenspiegel zieren ein Blumenbeet. Rund 100 davon hat die Künstlerin an einer vielbefahrenen Engstelle an der Via delle Bagnese bei Florenz - unter Lebensgefahr - eingesammelt. Jährlich kommen neue dazu. Legendär ist mittlerweile das Künstlersommerfest im Garten, zu dem die gesamte Familie Neumann einmal im Jahr einlädt. Zu Susannes Künstlerfreunden gesellen sich dann noch Kollegen ihres Bruders aus der Filmbranche und viele weitere Gäste und Freunde aus Waldsassen und Umgebung.

Riesige Installationen

Sie ist immer wieder in Italien. "Da betreue ich auch einen Garten, allerdings hat der 17 Hektar." In Seggiano in der südlichen Toskana liegt das Anwesen. Zwei Autostunden von Florenz entfernt, betreibt hier der Schweizer Künstler Daniel Spoerri seine gemeinnützige Stiftung "Hicterminus haeret - Il Giardino di Daniel Spoerri".
Seit fünf Jahren betreut Susanne Neumann als Stiftungsrätin ehrenamtlich den Kunstpark, in dem die toskanische Landschaft den Rahmen für 105 riesige Installationen internationaler Künstler bildet.

Magie überschätzt

Neben Waldsassen und Seggiano hat Neumann momentan ein kleines Atelier in Wien. Ein Wiener Künstler hat es ihr im Tausch für die Betreuung seiner Katze einige Monate überlassen. "Es ist eine Herausforderung international zu arbeiten. Energetisch zahlt man aber einen ziemlich hohen Preis dafür. Die Magie des Künstlerdaseins wird oft überschätzt. Nehme ich es genau, bin ich eigentlich eine kleine Firma. Ich muss auf mich und meine Arbeit aufmerksam machen, Transporte organisieren, Sponsoren finden, mit Handwerkern verhandeln, Termine koordinieren, fast immer erreichbar sein."

Klar will sie auch berühmt werden. Was es heißt berühmt zu sein? "Wenn man zu richtig bedeutenden Ausstellungen eingeladen wird und nicht mehr selbst die Kunst mit dem Auto durch Europa transportieren muss. Die Biennale in Venedig oder die Documenta in Kassel sind solche."
Jetzt konzentriert sich die Waldsassenerin auf den nächsten Karriereschritt. Eine große Museumsausstellung mit eigenem Katalog oder ähnliches soll es sein. "Die Zeit ist reif dafür. Daran zweifle ich keine Sekunde." Das wäre der nächste logische Schritt für sie. "Und natürlich auch finanziell sehr interessant."

Grundsätzlich geht es Susanne Neumann darum, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. "In erster Linie bin ich Malerin. In meinen aktuellen Ausstellungen arbeite ich aber gerne installativ", erinnert sie an ihre große Installation in einer Nürnberger Fabrikhalle mit dem Titel "Weißes Gold": Über das Verschwinden einer Porzellanfabrik und andere Meraviglien." Zur Zeit gibt es zwei große Raumarbeiten in Wien und in Todi in Umbrien zu sehen. In Wien beschäftige sie sich mit einem Naturvermesser und in Todi hat sie eine Arbeit zum Thema Feuer geschaffen.

Susanne Neumann ist immer am Suchen und Sammeln. In ihrem Fundus hat sie zum Beispiel den Originalschriftzug der einst am Übergang Svaty Kríz (Heiligenkreuz) die Demarkationslinie zwischen Deutschland und Tschechien kennzeichnete. Für etwas Handgeld überließen ihr die tschechischen Bauarbeiter die schweren Kupfer-Lettern.

Diverse Depots

"Installationen lassen sich nur durch Fotografie und in Katalogen festhalten. Denn nach dem Abbau ist das Werk unwiederbringlich zerstört." Die Teile wandern dann in diverse Depots in Waldsassen. Darunter auch sechs Tonnen Gussformen aus der ehemaligen Porzellanfabrik Bayreuther.

"Nicht alles, was ich sammle, ist gleich für eine Ausstellung geeignet. Aber grundsätzlich kann ich mich schon auf meinen Instinkt verlassen. Und manchmal wird es genial. Wenn das passiert, merkt man es sofort. Das sind die Arbeiten, die jedem auf Anhieb gefallen, mögen sie auch noch so sperrig sein."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.