18.08.2014 - 00:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Skulpturen spielen in der Basilika eine zentrale Rolle bei der Erschließung des Bildprogramms Zum Besseren Verständnis der Kirche

Zwischen 500 Gramm und 10,5 Kilogramm schwer haben die Stuckteile auf die Waage gebracht, die irgendwann einmal als gefährliche Geschosse von der Decke der Basilika gestürzt wären. Handlungsbedarf war also angesagt. Der erste Bauabschnitt steht nun vor der Fertigstellung, in wenigen Wochen wird das Gerüst abgebaut. Erst 2015 beginnt Abschnitt Zwei an der Raumschale im Innern des Gotteshauses.

Nur das aufwendige Gerüst ermöglicht es, den Fresken, Putten und Stuck an der Decke so nah zu kommen. Rechts Kirchenmalerin Susanne Brunner von der Firma Neubauer aus Bad Endorf.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Es gehört seit Jahren zum gewohnten Bild, dass mindestens ein Gebäude des ursprünglichen Klosterareals mit einem schweren Gerüst "verziert" ist. Aktuell ist es die Basilika, die in Teilen ein Korsett aus Eisen und Schalbrettern trägt. Im Zuge der aufwendigen und insgesamt 5,4 Millionen Euro teuren Generalsanierung sind Arbeiten im Innen- und Außenbereich notwendig.

Aufwendige Bohrarbeiten

Der Staat beteiligt sich an der Sanierung mit 3 040 000 Euro, der Kirche kostet die Maßnahme 2 360 000 Euro. Arbeiten an den Außenwänden sind notwendig, um die Statik der Basilika zu sichern. Seit September vergangenen Jahres werden hier aufwendige Bohrarbeiten durchgeführt. Die Spezialisten standen anfangs einem äußerst harten Gegner namens Quarzit gegenüber.

Die Anker-Spezialbohrungen an der Nordseite sind fast fertig, die Arbeiten an der Ostseite sind bereits erledigt. Bis spätestens Oktober werden die Gerüste abgebaut sein, verspricht die zuständige Projekt-Leiterin der staatlichen Bauverwaltung, Elisabeth Bücherl-Beer. Die Turmseite im Westen am Basilikaplatz wird erst im kommenden Jahr in Angriff genommen. Das Gerüst an der Südseite in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kloster ist bereits im Juni abgebaut worden.

Seit 1976 hat die Basilika mehrere Teilrestaurierungen erfahren. Von 1984 bis 1987 wurde die Kirche außen renoviert, zwischen 1988 und 1995 erfolgte eine grundlegende Instandsetzung und Sanierung tragender Konstruktionsteile des Daches. Das jetzige Schadensbild an den tragenden Gurtbögen des Gewölbes resultiere wiederum aus Schäden, die vor diesen Sanierungen entstanden seien, erklärt die Bauoberrätin. Die Größe der statischen Risse seien der Grund für Untersuchungen am gesamten Stuck zwischen 2004 und 2005 gewesen.

Bei einer Baustellenbesichtigung mit Elisabeth-Bücherl Beer und Peter Thumann vom Bauamt, Restaurator und Kirchenmalermeister Harald Spitzner aus Bamberg, Pfarrer Thomas Vogl sowie Kirchenpfleger Martin Rosner machten die Beteiligten auch einen Abstecher hinauf unter das Deckengewölbe der Basilika.

Dabei erklärte Spitzner den Hintergrund und die Ergebnisse der Befunderhebung zur Fassung der stuckierten Raumschale durch seinen Diplom-Restaurator Rolf Kriesten. Demnach sei die aktuelle Raumgestaltung das Ergebnis einer umfassenden Umgestaltung Mitte der 1950er Jahre. Schon in den 1980er Jahren seien Untersuchungen zur ursprünglichen Farbgebung der Kirche angestellt worden, heißt es im Gutachten. Die Untersuchungen von damals habe man jetzt erweitert und vervollständigt.

Die Befunde zeigten, dass es seit der ursprünglichen Ausgestaltung bis zur Umgestaltung von 1955 bis 1958 eine Kontinuität der Raumfassung gegeben habe. Die Fassung sei nicht vollständig erneuert, sondern bedarfsweise repariert oder aufgefrischt worden.

Farbschichten entfernt

Bevor die jetzige Weiß-Fassung aufgebracht wurde, seien damals alle lockeren Farbschichten entfernt worden, wahrscheinlich unter Zuhilfenahme von Drahtbürsten. "Dafür sprechen die zahlreichen Riefen auf den Stuckoberflächen", so Spitzner. Auf den Erhalt historischer Fassungen sei dabei kein Wert gelegt worden.

Den Farbton der ursprünglichen Raumfassung beschreibt der Restaurator als "pfirsichblütenfarben", ein Rot-Ton, der ursprünglich lediglich mit weiß abgemischt worden sei. Ihm fehlten sämtliche Ocker- und Gelbanteile, was in einem relativ kühlen Farbeindruck resultiere. Ein wesentliches Gestaltungselement in der Waldsassener Raumausstattung seien die zahlreichen Skulpturen. Sie spielten eine zentrale Rolle bei der Erschließung und zum Verständnis des Bildprogramms.

Die Befundung habe zutage gefördert, dass sämtliche Skulpturen gegenüber der restlichen Raumfassung farblich hervorgehoben gewesen seien - im Chor sämtliche Putten in den Fenstern der Nordseite, ebenfalls in den Fensterbekrönungen der Süd- und Nordseite, die großen Engelsfiguren am Gewölbeanfang, die Putten beiderseits der Stichkappen im mittleren Raumteil des Chores und zwei Putten an der Ostseite beiderseits des Wandbildes. Die Bedeutung der Skulpturen zum Verständnis des Bildprogramms sei heute unbestritten. In der jetzigen Raumfassung seien sie jedoch der übrigen Stuckierung gleichgestellt. Das individuelle Erkennen und die Erschließung des Bildprogramms sei mit der Weiß-Fassung schwieriger geworden.

Subtile Bezüge

Es sei nur schwer vorstellbar, dass die jetzige Fassung der künstlerischen wie inhaltlichen Idee des 18. Jahrhunderts folge. Zu viele eindeutig wie subtil gesetzte Bezüge zum Bildprogramm und zu seiner religiösen Aussage blieben dabei im Verborgenen, weil nicht explizit auf sie hingewiesen werde.

Die Rekonstruktion einer Raumfassung sei deshalb nicht primär als eine Wiederherstellung eines bestimmten zeitlichen Zustandes des Denkmals zu verstehen, sondern vielmehr als eine Maßnahme zum besseren Verständnis der Kirche.

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