20.01.2017 - 02:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Ende einer 150-jährigen Geschichte: Haus St. Maria an der Egerer Straße schließt: Vom Waisenhaus zum Altenheim

Das Haus St. Maria an der Egerer Straße wird geschlossen. Damit endet eine 150-jährige Ära im Dienste der Sozialfürsorge. Anlass für einen Rückblick.

Das katholische Kinderheim St. Maria um 1920 mit dem 1913 errichteten hohen Anbau an der unteren Seite.
von Autor TMLProfil

Wenn das Altenheim St. Maria aus seiner Geschichte erzählen könnte, käme zweifellos eine umfangreiche und schicksalsträchtige Story ans Tageslicht. Das Haus hat in seiner dreiteiligen Bauform doch eine ganz erstaunliche Entwicklung und Geschichte erlebt. Sie geht in diesem Jahr zu Ende.

"Rettungshaus"

Im September 1860 erwarb der St.-Johannes-Zweigverein Waldsassen, der 1854 gegründet worden war, das damalige Wohnhaus Haus-Nr. 203 samt Stadel, Stadel und Hofraum, Wurz- und Grasgarten (heute Egerer Straße 28) im Wege der Zwangsversteigerung. Das Anwesen gehörte zuvor Viktoria Bauernfeind.Damit war also nun das schon länger geplante "Rettungshaus" vorhanden, um nach einer Umgestaltung als Heimstatt für "verwahrloste bzw. verwaiste Kinder" im Stiftland genutzt zu werden. Dabei konnte die Rettungsanstalt am 1. Oktober 1863 eröffnet und zur Betreuung ab Februar 1867 auch zwei Schwestern aus dem Orden der Armen Franziskanerinnen (Mallersdorfer Schwestern) gewonnen werden. Zuvor hatte mit Anna Hermann aus der Rheinpfalz eine Privatperson kurzzeitig die Leitung und Betreuung des "Waisenhauses" besorgt. Schon ab 1863 wurden also nun katholische und protestantische Kinder beiderlei Geschlechts vom 3. bis zum 13. Lebensjahr aufgenommen und erzogen. 1914 wurde von Stadtpfarrer Bäuml der katholische Pressverein ins Leben gerufen, Vorläufer der späteren Pfarrbücherei, der ebenfalls seinen Sitz im katholischen Kinderheim erhielt. Während des Ersten Weltkriegs wurde im Hause gar ein Reserve-Lazarett eingerichtet und kam es dabei zu räumlichen Engpässen. Erst um 1924 ging es wieder aufwärts. 1937 wurde der Verein umbenannt in "St. Johannis-Zweigverein e.V." und erreichte die Belegung mit rund 100 Kindern die Grenze des Machbaren.

1960 Generalsanierung

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Heim leidlich. Ab 1951 kam es nach und nach zu nötigen Erweiterungen. So wurden ein Spielplatz und zwei Spielhallen errichtet und 1954 das an der Unterseite angrenzende ehemalige "Heinl-Haus" käuflich erworben, ferner 1957 der Garten mit dem kleinen "Heinl-Haus". Ab 1960 sind bei einer Generalsanierung alle drei Gebäude zur einheitlichen Anlage zusammengefasst worden, die 1962 eingeweiht wurde. Im Herbst 1987 musste das Kinderheim St. Maria geschlossen werden.

Durch Vermittlung von Prälat Vitus Pschierer erfolgte alsbald die Umgestaltung zum Alten- und Seniorenheim St. Maria, das 1989 bezogen und nach und nach belegt wurde, wobei das Haus als Ergänzung zum bestehenden Alten- und Seniorenheim St. Martin stets gute Dienste geleistet hat. Die Trägerschaft lag bei der Kirchenstiftung Waldsassen. (Info-Kasten)

Dampfheizung, Brausebad und elektrisches Licht

Die Verhältnisse im neu begründeten "Rettungshaus" gestalteten sich in den Anfangsjahren recht schwierig, da es fast an allem Notwendigen fehlte und musste man sparsam wirtschaften. So war man für die erhaltenen Spenden und Naturalien immer sehr dankbar. Bis 1869 hatten bereits 25 Kinder in der Rettungsanstalt Aufnahme und Betreuung gefunden. Dabei sollten die Kinder ab dem 6. Lebensjahr die Volksschule besuchen und später beruflich eingegliedert werden. Als Vorstand des Fördervereins fungierte regelmäßig der jeweilige katholische Pfarrer von Waldsassen, unterstützt vom jeweiligen Bürgermeister und weiteren Amtsträgern. Bis 1896 erfolgte eine bedeutsame Erweiterung des Hauses, so dass nun 40 bis 50 Kinder aufgenommen werden konnten, die von nunmehr vier Schwestern betreut wurden. Bis um 1900 stieg die Zahl der Kinder auf 50 bis 60 Jungen und Mädchen. 1912 kam es zur Errichtung eines stattlichen, 3-geschossigen Anbaues, der im Juli 1913 gezogen wurde. Als moderne Errungenschaft gab es nun schon eine Dampfheizung und ein Brausebad sowie elektrisches Licht. So konnten nun schon 80 Kinder versorgt werden. 1912 wurde im gleichen Hause durch das Engagement des damaligen Stadtpfarrers Josef Bäuml auch eine "Kinderbewahranstalt" für 50 Kinder eingerichtet. Damit war also der Vorläufer des heutigen katholischen Kindergartens entstanden, der vor allem den berufstätigen Frauen mit Kindern sehr zu Gute kam. Der Kindergarten verblieb im Hause, bis er im Februar 1954 mit dem "Michaelsheim", heute katholischer Kindergarten St. Michael, ein eigenes Domizil in der Josef-Wiesnet-Straße erhielt und bezog.

 

 

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