29.04.2018 - 20:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Fast vergessene Demonstration vor 80 Jahren Mutige Warnung vor Nazis

Nicht alle Sudentendeutschen folgten 1938 der Propaganda-Parole "Heim ins Reich". Mutige Warner vor dem Nationalsozialismus organisierten vor 80 Jahren zum 1. Mai eine Demonstration, die heute fast vergessen ist.

Demonstration in Eger am 1. Mai 1938 unter der tschechoslowakischen Fahne. Bilder: Ausstellungskatalog "Die Sudetendeutschen Sozialdemokraten"
von Autor GJBProfil

Cheb/Eger. In seinen Erinnerungen - notiert für die Ausstellung "950 Menschen und Schicksale in Eger" (2011) - schrieb ein 81-jähriger ehemaliger deutscher Bürger, dass die Tschechoslowakei einen "Konstruktionsfehler" hatte: "Die Mehrzahl der fast dreieinhalb Millionen Deutschböhmen, ein Drittel des Staatsvolks, stand ihr ablehnend gegenüber." Aber, so fügte er hinzu: "Die junge Republik war zwischen den Weltkriegen der einzige demokratische Staat in Mittel- und Osteuropa. Und sie war - ungeachtet mancher Übergriffe - kein Polizeistaat."

Die meisten Egerer waren unzufrieden mit der politischen Situation und viele betrachteten, seit Hitlers "Machtergreifung" 1933, das Deutsche Reich als Sehnsuchtsland. Die Propaganda der NSDAP wurde nicht durchschaut. Sogar viele fromme Christen glaubten den braunen Versprechungen: Nach dem Besuch des Gottesdienstes zum Dreifaltigkeitsfest in der Kapplkirche bei Waldsassen kauften die Wallfahrer nicht nur religiöse Andenken, sondern auch nationalsozialistische Souvenirs.

Treue in schwerer Zeit

Nur die Egerer Sozialdemokraten schienen - informiert von ihren politischen Freunden aus Deutschland - das wahre Gesicht des "Dritten Reiches" zu kennen. Aber sie gerieten immer mehr in Bedrängnis durch fanatisierte Anhänger der Sudetendeutschen Partei (SdP). Dennoch wagte die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) den Widerstand: Sie rief zu einer Maikundgebung "gegen Kriegsgefahr und Faschismus - für Arbeit und Brot, Frieden, Freiheit Sozialismus" auf. Am 1. Mai 1938 beteiligten sich - unter der tschechoslowakischen Fahne - erstaunlich viele Bürger am Demonstrationsumzug durch die Stadt, und sie bekundeten damit ihre Loyalität gegenüber dem von der Mehrheit ihrer Mitbürger abgelehnten Staat.

Es gehörte großer Mut dazu, sich an dieser politischen Kundgebung zu beteiligen - und die Reaktion der Gegner blieb nicht aus: Als Hitler am 12. September 1938 (beim "Reichsparteitag" in Nürnberg) unter offener Androhung von Krieg den "Anschluss" des Sudetenlandes forderte, versuchten etwa 300 bis 400 Henlein-Anhänger, das Volkshaus, den Sitz der DSAP, zu stürmen. Alle Fensterscheiben wurden eingeworfen und der Schaukasten zerstört. Die "Republikanische Wehr" konnte Schlimmeres verhindern. Erst nach einer Stunde kam die Gendarmerie zur Hilfe.

Von da an wurden die Sozialdemokraten noch mehr verfolgt. Dennoch wagten sie noch Mitte September einen letzten Aufruf an alle Mitbürger: "... Sudetendeutsche! Ihr steht nunmehr vor der Wahl: Gleichberechtigung durch Frieden oder Untergang durch Krieg ... Vereinigung aller Kräfte für Frieden und Freiheit, für eine bessere Zukunft des Sudetenlandes, für ein neues Europa gleichberechtigter Völker ..." war auf den Plakaten zu lesen. Als am 3. Oktober 1938 die Wehrmacht einmarschierte und der "Führer" auf dem Egerer Marktplatz erschien, flohen viele Gegner des braunen Regimes nach Prag, um ihr Leben zu retten. In der Hauptstadt aber begriff man nicht, dass es sich bei diesen Flüchtlingen um loyale und tapfere Mitbürger handelte. Weil sie Deutsche waren, wurden alle wieder in den Zug gesetzt und zurückgeschickt. "Wir waren auf deutscher wie auf tschechischer Seite unter die Räder gekommen!" Als sie daheim ankamen, wartete man schon auf sie: "Jetzt kommt das Gesindel! - Schlagt sie tot." Gleich auf dem Egerer Bahnhof wurden viele von ihnen abgeführt - zum Transport in ein Konzentrationslager. Nach Darstellung der nationalsozialistischen Propaganda gab es nur begeisterte Zustimmung dafür, dass das Sudetenland "Heim ins Reich" geholt wurde. Die Gegner des braunen Regimes aber wurden mit fanatischem Hass verfolgt - und "totgeschwiegen".

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollte niemand in Deutschland an diese mutige Demonstration erinnert werden: Zu groß war das Entsetzen über die Vertreibung aus der Heimat. Auch den Tschechen schien es lange unbekannt zu sein, dass nicht alle Deutschen Anhänger Hitlers waren. Auch diejenigen, die im Widerstand ihr Leben riskiert hatten, hatte man wie Verräter aus ihrer Heimat vertrieben.

Ehrung der Gegner

Am Balthasar-Neumann-Platz 1, wo früher das "Volkshaus" der Sozialdemokratischen Partei stand, wurde am 12. September 2008 eine zweisprachige Gedenktafel angebracht: "In diesem Haus war in den 1930er Jahren der Sitz der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ihre Mitglieder setzten sich 1938 entschieden für die Verteidigung der Tschechoslowakischen Republik ein." In Erinnerung an die fast vergessenen Helden sagte Chebs Bürgermeister Jan Svoboda: "Diese Gedenktafel soll an die Ereignisse vor 70 Jahren erinnern, als sich die Sozialdemokraten energisch zur Verteidigung der Tschechoslowakischen Republik stellten. Es waren sie und andere Opponenten des Nationalsozialismus, die verfolgt wurden. Für deren Tapferkeit wollen wir, die jetzigen Bürger der Stadt, danken." Sozialdemokraten und alle anderen Antifaschisten hätten ihr Leben riskiert. "Ich glaube nur, dass sie auf diese Ehrung sehr lange gewartet haben."

Als Vertreter des tschechischen Außenministeriums hob Dr. Jiri Cistecký hervor, dass das tschechische Volk unter seinen deutschen Mitbürgern Verbündete im Kampf gegen den Nationalsozialismus hatte, nicht nur die Mitglieder linker Parteien, sondern auch von Kirchen und Gewerkschaften sowie viele "normale, gewöhnliche Leute". Diese heldenhafte Treue sei von den Tschechen lange ignoriert worden. Die Gedenktafel sei also als eine "symbolische Entschuldigung" zu verstehen.

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