28.02.2018 - 15:32 Uhr
Waldsassen

Georg von Podiebrad und sein europäischer Friedensplan Eger einst zweite Hauptstadt

Aus dem Geschichtsunterricht ist die Stadt Eger vor allem dafür bekannt, dass hier im Jahre 1634 der Mord an Albrecht von Wallenstein geschah. Wer aber erwartet, dass der Egerer Marktplatz nach dem berühmten Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges benannt ist, wundert sich vielleicht.

von Autor GJBProfil

Cheb/Eger. Denn der Platz mit den markanten Hausfassaden, dem Egerer Stöckl und dem Brunnen heißt "Námesti Krále Jirího z Podebrad" (Platz des Königs Georg von Podiebrad). Deutsche Touristen sind meist ratlos, denn von diesem König (1420 - 1471) haben sie in der Schule nie gehört. Tatsächlich aber ging seine Bedeutung weit über Böhmen hinaus - und er war in Eger willkommen. Bei den Aufenthalten Wallensteins dagegen gab es Einquartierungen, Rekrutierungen, hohe "Kontributionen" und somit wenig Grund zur Begeisterung.

Das Königreich Böhmen litt in der Mitte des 15. Jahrhunderts an den Folgen der Hussitenkriege. Ladislaus I. war bei seiner Thronbesteigung erst 13 Jahre alt. Deshalb wurde Georg von Podiebrad von Kaiser Heinrich III. und auch von den böhmischen Ständen 1451 mit den Regierungsgeschäften betraut. Als aber Ladislaus bereits im Alter von 17 Jahren starb, wurde Georg von den Ständen 1458 zum neuen König erhoben.

Dieser König war nur 1,65 Meter groß und korpulent, das Gesicht seit seiner Jugend durch das Verwachsen gebrochener Kieferknochen leicht verunstaltet. Er sprach nur wenig deutsch, reiste aber immer wieder nach Eger, denn in dieser Stadt - an der Westgrenze seines Reiches - kam er seinen ausländischen Partnern entgegen, um hier friedliche Verhandlungen zur Lösung von Streitfragen zu führen. Eger war wie eine "zweite Hauptstadt" und hatte in Jirí z Podèbrad einen Schirmherrn, der ihr Wohlstand und politische Bedeutung brachte.
Für diese Aufenthalte des Königs, bei denen sich die Mächtigen Europas trafen, wurden das Rathaus, die Stadtmauern und die Brücken renoviert, außerdem ein Tanzsaal erbaut. Verhandeln, anstatt Kriege zu führen! Bei seinem ersten Besuch im Jahre 1459 gelang es dem König, einen langjährigen Streit friedlich zu beenden: Im Vertrag von Eger wurde die Grenze zwischen Böhmen und Sachsen auf der Höhe des Erzgebirges und der Mitte der Elbe festgelegt.

Dieser Grenzverlauf ist bis heute noch fast unverändert gültig. Der zweite Besuch, im Herbst desselben Jahres, sollte diese Verhandlungsergebnisse sichern - durch die Hochzeit seiner erst zehnjährigen Tochter Zdenka mit den sechs Jahre älteren Herzog Albrecht III. von Sachsen. Bei seinem dritten Aufenthalt (1461) ging es um Kaiser Friedrich III., dessen Führungsschwäche unerträglich geworden war, da er nicht einmal einen Plan zur Abwehr der Türkengefahr hatte. Georgs Versuch, ein Bündnis gegen "des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze" zu schließen, scheiterte aber. Im Jahre 1467 kam der König zur Hochzeit seines Sohnes Jindrich mit Ursula, Tochter des brandenburgischen Kurfürsten Albrecht Achilles, noch einmal nach Eger.

Vorreiter heutigen Europas

1462 erstellte Georg von Podiebrad den ersten europäischen Föderationsplan, in dem gemeinsame europäische Einrichtungen vorgesehen waren - darunter Heer, Haushalt, Gericht, Volksvertretung, Asyle, Verwaltung und ein Wappen. Er schlug vor, ein ständiges Parlament aus den Vertretern aller europäischen Staaten zu schaffen. Die erste Generalversammlung sollte in Basel stattfinden. Als erster Vorsitzender wurde der französische König Ludwig XI. vorgeschlagen. Dieser Vorläufer der Europäischen Union sollte auf friedlichem Weg alle Konflikte lösen und durch ein gemeinsames Handeln die Bedrohung des Abendlandes durch die Türken abwenden. Diese waren bereits bis Belgrad vorgedrungen. Damit hätte Georg von Podiebrad eine europäische Einigung erreicht, wie sie erst 500 Jahre später realisiert werden konnte. Der berühmte Historiker und Staatsmann Frantisek Palacký schrieb dazu: "Wäre jene Idee durchgeführt worden, sie hätte der Geschichte Europas eine andere, wohltuendere Richtung gegeben." Allerdings griff der Vorschlag einer europäischen Föderation dem Verständnis seiner Zeit sehr weit voraus - und ein Bündnis der Herrscher hätte die Autorität des Kaisers und des Papstes in Frage gestellt. Der visionäre Friedensplan scheiterte vor allem daran, dass Georg von Podiebrad - als erster König im westlichen Europa - nicht katholisch war. Unter den Herrschern Europas war er deshalb nur ein Außenseiter, und so ließen sie sich nicht überzeugen. Stattdessen verspotteten ihn seine Gegner als "Hussitenkönig" und als "Ketzerkönig". 1466 exkommunizierte der neu gewählte Papst Paul II. Georg von Podiebrad, obwohl erst 1458 Papst Pius II. seine Ernennung zum König akzeptiert hatte (da das türkische Heer das christliche Abendland bedrohte).

"Der dicke König"

Nun aber rief der Papst zum Kreuzzug gegen das ketzerische Böhmen auf. Wider Erwarten führte Georgs eigener Schwiegersohn, der katholische König von Ungarn Mátyás Hunyadi (Matthias Corvinus), diesen Krieg gegen den "Ketzerkönig". Damit war die Friedenspolitik Podiebrads gescheitert. Bei Verhandlungen mit seinen Feinden starb der in seinen letzten Jahren an Wassersucht leidende König im Alter von 51 Jahren. Für seine Gegner war er nur "der dicke König" (tlustý kral), der als Ketzer gegen den Willen Gottes an die Macht gekommen war. Seine Anhänger aber betrauerten seinen Tod als Tragödie, nicht nur für Böhmen.

Eger aber war - trotz des Kirchenbannes - politisch neutral geblieben und begründete dies mit seiner Treue zu Georg von Podiebrad. Diese Haltung einer Stadt mit deutschen Einwohnern gegenüber ihrem König wird von tschechischen Historikern als beispielhaft gewertet, denn es "gelang ... beiden Seiten, die nationalen, politischen und religiösen Hindernisse zu überwinden und feste, beiderseitig freundschaftliche Beziehungen aufzubauen".

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp