Matthias Frank züchtet am Mitterhof vom Aussterben bedrohte Tierrassen
Echt Schwein gehabt

Matthias Frank gewährt seiner Penelope gerne ihre täglichen Streicheleinheiten, was sie auch recht bockig, wie es sich für einen Esel gehört, einfordert. Bild: ubb
Vermischtes
Waldsassen
01.10.2017
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Einfach zum Knuddeln: Erst wenige Tage sind diese Wollschwein-Ferkelchen alt. Bild: ubb

Ein Esel, ein paar Schweine, große und kleine Ziegen und Schlappohrhasen machen keine Arche aus. Dennoch werden einige der Tierarten, wie sie am Mitterhof leben, unter dem Begriff "Nutztier-Arche" vor dem Aussterben gerettet. Sie gehören zu Nutztierrassen, die drohen in Vergessenheit zu geraten.

Von Ulla Britta Baumer

Mitterhof. Wenn Matthias Frank die Koppel öffnet, kommt Penelope angetrabt. Die einjährige Eselin ist verschmust. Ihre täglichen Streicheleinheiten fordert die "Französin" hartnäckig, wenn nicht geradezu bockig ein. Es kann also durchaus passieren, dass Matthias an den Zaun gedrückt wird vor lauter Liebe. Penelope lässt sich ausgiebig kraulen. Dann folgen lustige Kapriolen mit ihren langen Ohren. Penelope ist eine Poitou-Eselstute: groß, langhaarig, mit Clown-Gesicht. Sie gehört zum Streichelzoo am Mitterhof. Jedoch wurde sie nicht deshalb dort angesiedelt. Poitou-Esel sind vom Aussterben bedroht. Und Matthias Frank hat es sich vor einem Jahr zur Aufgabe gemacht, mit Züchtungen solcher Tierarten einen Teil zu deren Rettung beizutragen.

"Mit den Meißner Widdern hat das begonnen", erzählt er. Die samtweichen Schlappohrhasen gehören zum Mitterhofer Streichelzoo. Ihr trauriges Schicksal weckte das Interesse von Matthias an weiteren gefährdeten Tierrassen. Bald zogen immer mehr bei ihm ein. Eine nahezu innige Beziehung hat der Landwirt zu seinen Schweinen. Matthias wollte für die Zucht robuste Rassen, die das Oberpfälzer Klima ertragen. Seine Entscheidung fiel auf die Roten Mangalitza-Wollschweine und die Rotbunten Husumer Sattelschweine, auch Dänische Protestschweine genannt. Um die Tiere vom hohen Norden, wo es sie noch gibt, zum Mitterhof zu bringen, hat Frank seine Familie zum Urlaub an der Ostsee überredet und vorsorglich den Tiertransporter mitgenommen. Zurück kamen die Franks mit fünf Wollschweinen. Wenig später folgten die Sattelschweine.

Acht Ferkel

Auch bei den Mangalitzanern ist Kraulen angesagt, sobald der "Robin Hood" der Tiere mit Futter vorbeischaut. Derweil suhlen sich die Wollschweine im Schlammloch oder wühlen in der Erde nach Futterresten. Im Strohballen rührt sich etwas. Kleine Schweinsohren tauchen auf, gefolgt von Schweineschnäuzchen. "Wir haben acht Ferkel", ist Matthias Frank stolz auf erste Zuchterfolge. Und er ist zuversichtlich: "Da kommt noch mehr!" Dabei geht die Züchtung von seltenen Tierrassen nicht ruckzuck über die Bühne. Matthias lässt den Tieren Zeit. Das, erzählt er, sei erklärtes Ziel des Vieh-Verbandes "Nutztier-Arche", der dem Mitterhof ein Zertifikat zur Züchtung bedrohter Tierrassen ausgestellt hat. "Das Fett von Wollschweinen kann man mit Olivenöl vergleichen", hat sich Matthias fachlich vorbereitet auf die spätere Vermarktung. Dass er seine Schweine schlachten muss, nimmt er in Kauf, wenn er sie auch ins Herz geschlossen hat.

Freies Leben

Penelope wird nicht vermarktet. Sie freut sich über ihr freies Leben. Dabei kann es beim Herumgaloppieren auf der Koppel ziemlich staubig werden. Zudem hat Matthias Penelope geschert, was ihr das Aussehen eines zotteligen Hippies gibt. Aber das sind Äußerlichkeiten. Die Eselstute hat eine derart nette bockige Art - einfach zum Liebhaben! Penelope hat der Vater von Matthias aus Frankreich mitgebracht. Ob es mit ihr später eine Zucht geben wird, kann der Mitterhof-Bauer nicht sagen. "Abwarten", lautet seine Devise, im Sinne der "Nutztier-Arche", wo die bewusste Langsamkeit bei der Zucht dem Wohl der Tiere dient. Das beginnt mit Freilandhaltung: Die Schweine bleiben übers Jahr draußen. "Die kriegen auch bei zehn Grad minus ihre Ferkel", streicht Matthias die Robustheit seiner Tiere heraus.

Zurück bei den Ställen beäugen im offenen Gehege zwei imposante Tauernschecken den Fotoapparat. Die großen, ebenfalls gefährdeten Ziegen sind sehr schön gezeichnet. Matthias Frank hat sich ein Pärchen zugelegt, Ziegenmilch oder -käse sind aber vorerst nicht geplant. Der junge Bauer im Nebenerwerb hat alle Hände voll mit der Zucht zu tun. Zwar sind die Tiere nicht wählerisch und mit herkömmlichem Futter wie Heu, Stroh, Körner oder Gras ganz zufrieden. Dennoch verschlingt die Pflege viele Arbeitsstunden. Ehefrau Kerstin ist in Vollzeit auf dem Hof, die Kinder Ronja (7) und Benni (5) wachsen in einer wahren Arche auf. Ist Not am Mann, sind die Brüder Christoph und Maximilian zur Stelle. Da muss angepackt werden, schließlich gibt es auf dem Mitterhof auch Straußenvögel, Alpakas, Lamas, jede Menge normaler Stallhasen und Ziegen sowie die seltene Thüringer Waldziege. Matthias sitzt zufrieden auf der Terrasse des Mitterhof-Cafés und sinniert darüber nach, ob er das mit dem Mitterhof schon einmal bereut hat. "Nein", sagt er entschieden.

Nutztier-ArcheIn Europa gibt es 245 "Nutztier-Archen". Dabei handelt es sich um Zuchtstätten für vom Aussterben bedrohte Rassen. Täglich sterben weltweit Tierarten aus und gehen damit als genetische Reserven verloren. Dieser Entwicklung will die "Nutztier-Arche" entgegenwirken mit Vermarktung der Produkte und Bekanntmachung. Die anerkannten "Nutztier-Archen" wie am Mitterhof werden regelmäßig kontrolliert auf artgerechte Tierhaltung und Fütterung. (ubb)

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Weitere Informationen:

www.vieh-ev.de/
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