09.07.2017 - 13:18 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Theater "Dschihad One Way" dient Radikalisierungsprävention Das Böse im eigenen Kind

Was macht ein Vater, wenn sein Sohn zum Dschihad-Kämpfer wird? Das weiß der verzweifelte Vater selbst nicht, beeindruckend dargestellt von Schauspieler Philipp Brammer aus dem Theater Hof. Das Ein-Mann-Stück soll Schüler aufklären.

Schauspieler Philipp Brammer spielte nicht nur den Vater. Er schlüpfte auch sehr intensiv in die Rollen der Mutter, des Bürgermeisters, des Polizisten und am Ende sogar in die des Sohnes selbst. Bild: ubb
von Ulla Britta BaumerProfil

(Alle Jahre wieder kommt die "Demokratie leben!"-Konferenz auch im Landkreis Tirschenreuth zusammen. Ins Leben gerufen wurde diese Partnerschaft für Demokratie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zielsetzung ist es, Aktivitäten gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit zu fördern.

Dafür, erklärte Stefan Denzler vom Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum, Projektstelle gegen Rechtsextremismus Bad Alexandersbad, am Freitagnachmittag im Kunsthaus Waldsassen, gebe es Fördergelder. "Und nicht wenige". Immerhin stünden für 2017 noch mehr als 15 000 Euro bereit. Ein kleiner Teil davon wurde jetzt für ein Theaterstück investiert. Denn der Begleitausschuss der Partnerschaft für Demokratie, zuständig unter anderem für die Projektgelder, hat das Junge Theater Hof mit dem Stück "Dschihad One Way" ins Kunsthaus Waldsassen eingeladen.

Mit dem einstündigen Werk von Bernd Plöger bekamen die Gäste der Konferenz eine eindrucksvolle Darstellung, wie Prävention in Schulen einmal anders aussehen kann. Nur wenige Besucher waren gekommen an diesem Spätnachmittag - darunter Landrat Wolfgang Lippert und Peter Gold vom Jugendamt sowie Jürgen Preisinger vom Kreisjugendring. Schauspieler Philipp Brammer, der den Vater seines zum IS konvertierten Sohnes mimte, konnte dennoch die kleine Schar Anwesender reichlich beeindrucken. Brammer spielte nicht nur den Vater. Seine Aufgabe ist es, dem Publikum die klischeehaften "Rollen" der Betroffenen bei einer solchen Katastrophe anzubieten.

Das Theaterstück ist für Schüler ab 14 Jahren konzipiert worden, wo es auch eine theaterpädagogische Begleitung gibt. Diesmal aber spielte Brammer rein vor Erwachsenen und konnte diese nicht nur beeindrucken, sondern sogar "hilflos-ratlos", wie er selbst sich darstellte, zurücklassen.

Frage nach dem Warum

Sinn und Zweck von "Dschihad One Way" ist es, zur Diskussion anzuregen darüber, wie es passieren kann, dass ein "ganz normaler, fleißiger, unauffälliger Schüler" sich plötzlich radikalisiert, als Dschihad-Kämpfer in den "Heiligen Krieg" zieht und seine Eltern verzweifelt zurücklässt. Überzogen karikiert zeigt Brammer seinem Publikum, wie der Lehrer, der Bürgermeister, der Polizeibeamte, die Mutter, der Imam oder der Pressesprecher jener Stadt, wo der Junge gelebt hat, auf die unglaubliche Meldung reagieren.

Deutlich kristallisiert er dabei heraus, dass sich jeder gerne so benehmen würde, wie es von ihm gesellschaftlich "erwartet" wird. Was dazu führt, dass die Mutter ihren Sohn wieder als ihren braven, kleinen Liebling sieht und der Vater verzweifelt das Ansehen des Sohnes wieder geraderücken will, während der Polizist längst einen Verbrecher aus ihm gemacht hat. Das Theaterstück basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Darstellungsform nutzt die neuen Medien ebenso wie die Wut, die Verzweiflung, die Trauer und den Schmerz eines erfahrenen Theaterakteurs. Er kann sich beeindruckend-glaubwürdig in seinen jeweiligen Rollen wandeln.

Happy End

Allerdings gibt es in "Dschihad One Way" ein Happy End. Der 19-Jährige bekommt Todesangst, kann aus dem Dschihad-Lager fliehen und kehrt wieder zurück. Das ist in der wahren Geschichte nicht geschehen. Betroffen zeigten sich danach die Zuschauer. Denzler und Brammer, die bereits im Vorfeld zur Diskussion eingeladen hatten, bekamen für die Darbietung ein dankbares Publikum, das mehr als eine Frage auf den Lippen hatte.

Landrat Wolfgang Lippert meinte, das Stück sei fantastisch gespielt worden. Im Hinblick auf seine ehemalige Berufung als Realschullehrer konnte Lippert durchaus nachvollziehen, dass hier "Ratlosigkeit" bei Schülern wie bei Lehrern die Folge sein könnte. Er wollte wissen, wie ein Lehrer damit umzugehen habe nach der Vorführung des Theaterstücks. Peter Gold kritisierte das Happy End. Dies, so Gold, sei nicht die Realität. Ihm sei die Handlung zu "sympathisch". Tatsächlich würden die konvertierten Jugendlichen in den Krieg ziehen, sich in die Luft sprengen oder Gräueltaten begehen. Schauspieler Brammer meinte dazu, dass Nachgespräche unbedingt notwendig seien. "Viele Schüler wissen meist mehr darüber als wir Erwachsenen."

An allen Schulen

Das Theaterstück kann an allen Schulen im Landkreis mit Schülern über 14 Jahren gezeigt werden. Wer sich dafür interessiert oder Informationen zur Demokratiekonferenz möchte, kann sich per E-Mail an info[at]demokratie-leben-in-der-mitte-europas[dot]de bei Stefan Denzler melden, gerne auch per Telefon 09232 993924. (ubb)

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