04.08.2017 - 20:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Rege Tätigkeit am Mitterhof Straußenfarm als Therapiezentrum

Seit die Familie Frank den Mitterhof bewirtschaftet, hat sich dort viel getan - nicht nur Straußenzucht. Gerade verwirklicht sie ihre neueste Idee. Soziale Landwirtschaft in Kooperation mit dem Sozialteam Weiden. Ganz nebenbei wird dabei auch die marode Bausubstanz saniert.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Waldsassen/Hundsbach. Alles begann am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Der Betriebsleiter des Mitterhofs, Matthias Frank, hat als Quereinsteiger nämlich in den vergangenen zwei Jahren seine Hausaufgaben gemacht und sich zum Landwirt ausbilden lassen. Am Dienstag erhielt er sein Zeugnis. Das Amt sei auf die Familie zugekommen und habe sie zu einer Tagung auf Bezirksebene zum Thema "soziale Landwirtschaft" nach Regensburg eingeladen. "Das würde doch gut zu euch passen", habe es damals geheißen. Dort sprachen auch zwei gehandikapte Menschen vor dem großen Publikum und erzählten mit Begeisterung davon, dass sie auf einem Bauernhof mitgearbeitet haben. Was Matthias Frank am meisten beeindruckte, war der Schlusssatz des Duos, "... und außerdem ist der Herr Schmidbauer jetzt unser Freund."

Einfach genial

Der Herr Schmidbauer ist der Landwirt, bei dem die beiden Sprecher gearbeitet und dadurch wieder zurück ins Leben gefunden haben. "Für mich war sofort klar, das ist einfach genial, was da passiert", schildert Matthias Frank sein damaliges Empfinden.

Nach der Konferenz ging eigentlich alles recht schnell. Matthias Frank erklärte, er habe Kerstin Rose, Beraterin und Netzwerkerin für soziale Landwirtschaft, am Telefon erklärt, was die Franks so alles auf ihrem Hof machen und noch weiter vorhaben. "Kurz und bündig, innerhalb einer dreiviertel Stunde", schmunzelt er. Sie sei begeistert gewesen und stellte den Kontakt zum Sozialteam Weiden her.

Heute ist man bereits viele Schritte weiter und konzeptionell so aufgestellt, dass das Vorhaben reif dafür ist, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Im Café am Mitterhof und bei einem Rundgang auf dem Bauernhof der Familie Frank nahmen der Betriebsleiter, dessen Familie, MdL Tobias Reiß, Bürgermeister Bernd Sommer, Äbtissin Laetitia Fech sowie Thomas Fehr und Gabriele Englmann, beide vom Sozialteam, Stellung zum derzeitigen Planungsstand.

Zehn Wohnplätze

Demnach geht es primär darum, einen Gebäudekomplex zu sanieren und so auszubauen, dass das Sozialteam hier zehn Wohnplätze für psychisch kranke Menschen etablieren kann. Zur Betreuung sind etwa 15 Mitarbeiter nötig, die ebenfalls vor Ort stationiert werden. Gemeinschaftsräume, Büros und alles, was notwendig ist, wird in diesen Komplex integriert. Der Bezirk hat bereits signalisiert, die Kosten für den laufenden Betrieb zu übernehmen, erklärte Thomas Fehr. Aber einfach so umbauen, wie man will, geht nicht, denn weite Teile des Mitterhofs sind als Denkmal gewidmet. Also geht es nur zusammen mit dem Denkmalschutz. Von dieser Seite her ist Oberkonservator Raimund Karl der federführende Experte für das Projekt. Er habe gesagt, "wenn wir sanieren, dann komplett". Ausgenommen sei der Stallkomplex, der aus zwei Gebäuden besteht, die erst in den 1960 Jahren angebaut wurden, so Frank.

Aktuell ist Michael von Sachsenheim vor Ort, um die Bauten zu vermessen, weil keinerlei Pläne existieren. Die sind Voraussetzung für die weitere Vorgehensweise. "Bis Ende August haben wir einen Plan, in den wir etwas hineinmalen könnten", sagt Frank. Für die ruinöse Remise im Eingangsbereich wurde bereits vorher ein Plan erstellt. Dort soll einmal eine Gastronomie eingerichtet werden. Das Langgebäude für das Sozialteam-Projekt wird als erstes verwirklicht, das Wohnhaus wird noch zurückgestellt.

Kompetente Mannschaft

"Langsam wächst die Identifikation mit dem Projekt "Sozialteam auf dem Mitterhof", sagte Thomas Fehr, Projektleiter Oberpfalz beim Sozialteam. Er freut sich, so viele kompetente Leute am Start mit dabei zu haben. Das Soziotherapeutische Wohnheim in Tirschenreuth mit 50 Plätzen bestehe aus einer offenen und einer beschützten Einrichtung, zu der dann die 10 Plätze am Mitterhof dazukommen. Auch wenn es als Außenwohngruppe bezeichnet sei, handle es sich aber trotzdem um ein stationäres Angebot, das nicht mit betreutem Wohnen zu vergleichen sei. Soziale Landwirtschaft, wie sie Familie Frank betreibe, sei eine tolle Voraussetzung, die den späteren Bewohnern die Chance biete, im Rahmen ihrer Therapie hier mitwirken zu können. "Das ist eine völlig neue Möglichkeit, die wir noch nie im Angebot hatten. Im Wohnheim könne zwar viel angeboten werden, "aber wir können nicht die Wirklichkeit simulieren. Wenn die Leute merken, da sind Tiere die brauchen mich, die warten jeden Morgen auf mich, die kennen mich - das sind ganz andere Effekte."

Ein erfolgversprechendes Konzept, auch für die Betreiber der Mitterhofs, das Erfolg verspricht, aber nicht ganz billig ist. Bauherr ist die Familie Frank und die kann das nötige Kleingeld nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln. Immerhin gehe es um eine Summe zwischen 4 und 6 Millionen Euro, wirft Bürgermeister Sommer mal so in den Raum. Der Rathauschef ist begeistert vom Gesamtkonzept und setzt auf hohe Zuschüsse. "Ein typischer Fall für die Nordostbayern-Initiative", stellt er fest. Im besten Fall bezuschusst dabei der Freistaat Projekte mit 90 Prozent der förderfähigen Kosten. Der Bürgermeister hat den Mitterhof gleich zur Chefsache gemacht und veranlasst, dass seine Verwaltung das Vorhaben sofort für die Initiative anmeldet. Den Franks prophezeite er jede Menge Arbeit bei Planung, Abstimmung, Gesprächen mit dem Denkmalamt und bei der Erstellung des Finanzierungsplans sowie der Suche nach Fördergebern. "Wenn alles gut läuft, könnte es nächstes Jahr um diese Zeit losgehen." Mit der Hauptbauphase rechnet Sommer dann in 2019.

Der Bürgermeister ist erfreut darüber, dass der Mitterhof als äußerster Punkt Waldsassens wiederbelebt ist. Da könne noch viel folgen, da wäre noch viel vorstellbar, zum Beispiel auch in Bezug auf die Gartenschaubewerbung. Die Familie Frank beweise, dass man mit der sozialen Landwirtschaft 1.0, also quasi der analogen, althergebrachten Arbeitsweise, trotzdem am Puls der Zeit agieren kann.

Genauso wie der Bürgermeister sicherte auch Äbtissin Laetitia Fech die Unterstützung mit Fachwissen zu, gerade was die Finanzierung anbelangt. Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten ist sie erfahrene Bauherrin und hat schon einige anfangs unmöglich erscheinende Projekte verwirklicht.

Bis zum Ministerpräsident

MdL Tobias Reiß will kraft seines Amtes die Verantwortlichen in den verschiedenen Gremien für das Projekt sensibilisieren. Auch er setzt auf die Nordostbayern-Initiative als wesentlichen Faktor für die Finanzierbarkeit. "Das Projekt startet in einem Zeitfenster, wie es nicht günstiger sein könnte", sagte der Abgeordnete. Die Nordostbayern-Initiative laufe von 2017 bis 2020 als Pilotphase in der Region. Damit solle getestet werden, ob Leerstände effizient beseitigt und Projekte zum Laufen gebracht werden könnten. "Für das Mitterhof-Projekt mache ich mich stark - bis hin zum Ministerpräsidenten", versprach er.

Ein typischer Fall für die Nordostbayern-Initiative.Bürgermeister Bernd Sommer

Außenwohngruppe

Die Außenwohngruppe am Mitterhof ist für 10 psychisch kranke Menschen konzipiert, die in der Regel zuvor im "Sozialteam-Haus Waldnaab" in Tirschenreuth gelebt haben, keiner Nachbetreuung mehr bedürfen und keine größeren körperlichen Einschränkungen haben. Die Betreuung durch Fachkräfte erfolgt untertags. Den Bewohnern wird die Möglichkeit eingeräumt, niederschwellig auf dem landwirtschaftlichen Anwesen mitzuarbeiten. Zielsetzung dabei ist nicht die wirtschaftliche Verwertung der Arbeitskraft der Nutzer, sondern die therapeutische Strukturierung des Tages. Deshalb erhalten die Bewohner auch keine Vergütung und sind im Gegenzug nicht verpflichtet, bestimmte Arbeitsleistungen zu erbringen. (tr)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.