Interview mit dem Oberpfälzer Countertenor Franz Vitzthum
Ihm fehlt der Wald - und Mutters Dotsch

Franz Vitzthum sieht eine Zukunft für Countertenöre, denn die Nachfrage nach den hohen Männerstimmen steigt. Bild: Christine Schneider
Kultur
Waldthurn
20.12.2011
260
0
Aus der Oberpfalz in die große weite Welt: Der Countertenor Franz Vitzthum, 38, kam in Weiden zur Welt und wuchs in Lennesrieth bei Waldthurn (Kreis Neustadt/WN) auf. Schon als Kind entdeckte er seine Liebe zur Musik, bekam seine musikalische Ausbildung bei den Regensburger Domspatzen und absolvierte später ein Gesangsstudium an der Musikhochschule Köln. Heute lebt er in Heidelberg, ist ein gefragter Mann und tritt mit Dirigenten wie Philippe Herreweghe oder Sir Roger Norrington auf. In diesen Tagen erscheint zudem seine neue CD "Himmels-Lieder". Die Kulturredaktion führte mit ihm dieses Interview.

Wie sind Sie eigentlich im ländlichen Lennesrieth in Berührung mit klassischer Musik gekommen?

Franz Vitzthum: Zu Hause gab es vornehmlich echte bayrische Volksmusik: Tuba, Zither, Blaskapelle. Mein Vater hatte aber immer schon eine Ader für klassische Musik. Er hat mich in meinem Wunsch, Domspatz in Regensburg zu werden, bestärkt. Nach dem Abitur habe ich zwar zunächst Germanistik studiert, nebenbei aber in vielen professionellen Ensembles wie dem Kammerchor Stuttgart gesungen.
Dabei blieb es aber nicht.

Vitzthum: Nein. Ich wollte ein gründliche Ausbildung und eine Vertiefung, auch der theoretischen Fächer. Das führte zur Begegnung mit dem Countertenor Kai Wessel, bei dem ich in Köln studieren durfte.

Ist die Wahl, Countertenor zu werden, eine Frage des Geschmacks oder ist sie diktiert durch körperliche Voraussetzungen?

Vitzthum: Ganz klar: eine Frage des eigenen Geschmacks. Countertenöre werden für Renaissance- und Barockmusik eingesetzt - die beiden Epochen sind meine musikalische Heimat. Mit dem Singen als Altus oder Countertenor ist es wie mit dem Singen im Allgemeinen: Jeder kann singen, aber nicht jeder kann die Menschen mit seinem Gesang begeistern. Das hat dann mit körperlicher Prädisposition wie etwa dem Bau des Kehlkopfes, aber auch mit der Persönlichkeit zu tun.

Hatten Sie ein Vorbild während Ihrer Ausbildung zum Countertenor?

Vitzthum: Hm, großen Einfluss hatten bestimmt englische Gruppen wie das "Hilliard Ensemble" oder die "Kings Singers", die statt Frauen Countertenöre in der Oberstimme einsetzen. Sie waren noch prägender als berühmte Vorbilder wie Alfred Deller und Andreas Scholl, die ich auch immer gern gehört habe.
Wie sind die Erfolgsaussichten für einen Countertenor in der heutigen Klassikwelt?

Vitzthum: Es gibt es ein gesteigertes Interesse an Alter Musik und dadurch auch an Countertenören. Mittlerweile hat fast jedes Opernhaus Produktionen, bei denen Countertenöre zum Einsatz kommen. Bei der Überzahl an barocken Oratorien werden auch in den kleinsten Kantoreien mittlerweile meine Kollegen gebucht. Ich würde sagen, ein Countertenor hat mittlerweile recht gute Chancen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Natürlich ist sein Repertoire beschränkt auf die Epochen Renaissance, Barock und Moderne. Aber die Alte-Musik-Bewegung hat sich etabliert und eigene, nachhaltige Festivals ausgeformt.

Gibt es Vorreiter in Ihrer Zunft?

Vitzthum: Schon. Die bekannteren Kollegen Andreas Scholl und Philippe Jaroussky haben in den vergangenen Jahren unser Stimmfach in der breiten Öffentlichkeit populär gemacht. Sie vermitteln ein natürliches Bild und haben unsere Stimmgattung aus dem Zoo der skurrilen Stimmen befreit.
Und ich bin fest davon überzeugt, dass es sich dabei um keine Modeerscheinung handelt, dazu ist das Fach Countertenor zu vielseitig. Auch hier gibt es ja dramatische, lyrische Countertenöre, und die Ausbildung verbessert sich immer mehr. Wir sind ja ein vergleichsweise junges Fach - geben Sie uns noch ein paar Jahre Zeit...

Sie sind viel rumgekommen in der Welt - was verbindet Sie mit der Oberpfälzer Heimat, was vermissen Sie, wenn Sie weg sind?

Vitzthum: Natürlich vermisse ich meine Familie, und da habe ich neben meiner Mutter bei sechs Geschwistern und zehn Neffen und Nichten einige zu vermissen. Aber auch der Wald mit seinem Geruch, die weite Landschaft und: der Dotsch. So einen Dotsch mit Gulasch, wie ihn meine Mutter macht - unschlagbar. Und wenn ich am Flughafen oder an einem Bahnhof Oberpfälzer Dialekt höre, wird mir warm ums Herz.

___

Franz Vitzthum hat für seine neue CD "Himmels-Lieder" (Label: Christophorus) zusammen mit dem Ensemble "Capricornus Consort Basel" selten zu hörende geistliche Lieder und Kantaten des 17. und 18. Jahrhunderts aufgenommen.
___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.franzvitzthum.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.